Zeitung Heute : Im Dorf der netten Nachbarn

„Sehen Sie hier irgendwo Jungs in Bomberjacken?“ Die Sächsische Schweiz will nicht als Kernland der Rechten gelten

Jan-Martin Wiarda

Sie waren schon einmal hier, die Presse und die Kameraleute. Damals im Juni, als der Klempner Michael Jacobi aus Kleingießhübel für die NPD in den Gemeinderat von Reinhardtsdorf-Schöna einzog. Drei Sitze hatte die Partei erobert, aber nur zwei davon konnte sie besetzen. Offenbar hatte keiner mit dem Erfolg gerechnet, deshalb gab es nur zwei Kandidaten.

Damals hat der Bürgermeister Arno Suddars noch einen offenen Brief an seine Gemeinde geschrieben, in dem er die NPD-Wähler als Steigbügelhalter für jene bezeichnet, die „bisher nichts für den Ort getan haben“.

Jetzt sind die Journalisten wieder gekommen. Und der Bürgermeister sagt lieber gar nichts mehr. Es hat ohnehin alles nichts geholfen, die NPD hat in der Sächsischen Schweiz bei den Landtagswahlen die meisten Wählerstimmen bekommen. In Reinhardtsdorf-Schöna 23,1 Prozent, in Hohnstein 18,3, Kirnitzschtal 18,1. Die Logik der Menschen dort ist ganz einfach: Es sind die Medien, die ihre Orte braun anmalen. Die Leute von der NPD sind doch nur „nette Nachbarn“. „Haben Sie im Dorf irgendwo Jungs mit Bomberjacken gesehen?“, fragt ein Mann in der Kneipe, der seinen Namen nicht nennen will. Die Medien berichteten doch nur Mist. „Von wegen brauner Sumpf – woanders ist es doch auch nicht besser.“

Irgendwie stimmt das ja auch. Im Nachbarort Königstein zum Beispiel hat der NPD-Kandidat bei der Kommunalwahl im Juni 21 Prozent geholt. Es ist nicht nur ein Dorf, es ist eine ganze Region im Süden Sachsens, die sich zum Kernland rechten Gedankenguts entwickelt hat. „In der Schule meines Sohnes hat jemand vor der Wahl NPD-CDs verteilt“, sagt Carola Kaden, die in einem Kiosk in Krippen aus dem Fenster lugt. Und doch, es gibt einen Unterschied zu Reinhardtsdorf-Schöna: In Krippen, einige Kilometer weiter, haben die Leute wieder Namen.

Schultze zum Beispiel. So heißt der Mann mit dem grauen Pullover, der im Kiosk bei Carola Kaden an einem Tisch hockt und von den Jugendlichen im Ort erzählt. Klar, die meisten sind rechts. Sie haben kurze Haare und Bomberjacken. Und sie sagen so Sachen wie „Heil Hitler“, wenn sie sich aufspielen wollen. Sie sollen das lassen, sagt er ihnen dann. „Doch im Grunde sind die meisten ganz nette Jungs“, sagt er. Schultze kennt sie gut. Eigentlich ist er ja Zollbeamter, gerade haben sie ihn an die Schweizer Grenze versetzt, doch am liebsten wäre er hier geblieben und Leiter drüben im Jugendclub geworden. Mit Jugendlichen kann er, in seiner Freizeit baut er Schiffsmodelle und lässt sie auf der Elbe fahren. Kinder mögen das, sagt Schultze. Ja, vielleicht hätte er was bewegen können. Er hebt die Achseln. Vorbei. Und so bleibt denn Carola Kaden und ihrem Gast nur, über die Ursachen des NPD-Erfolgs zu mutmaßen. „Die waren gegen Hartz IV“, sagt sie. „Genau wie die PDS.“ Ist es das? Ist es wirklich so einfach?

Kleingießhübel ist ein hübscher, verwinkelter Ort, am Straßenrand plätschert ein Bach ins Tal. Hier ist Michael Jacobi zu Hause. Im Juni bei der Kommunalwahl hat Jacobi 526 Stimmen bekommen. Bei 878 Wählern. Der Rest ist Mathematik. Und jetzt dieses Ergebnis. „Es wäre vermessen zu sagen, dass ich mich nicht darüber gefreut habe“, sagt Jacobi ein bisschen schwülstig. Er trägt einen Blaumann und einen gepflegten Kinnbart. Allerdings ist er überhaupt nicht dazu aufgelegt, jetzt im Büro seines Heizungsbetriebs mit der Presse zu reden. „Da kommt doch immer nur Dreck raus“, sagt er und entschuldigt sich sofort, das sei jetzt aber nicht persönlich gemeint. Man ist ja nett zueinander im Ort. Dann juckt es ihn aber doch, und er sagt Sätze wie diesen: „Die Berichterstattung nach der Kommunalwahl hat eine Trotzreaktion bewirkt.“

Die Presseleute haben also die Gegend braun angemalt, und da es nun schon einmal braun war, haben sie in Reinhardtsdorf-Schöna gedacht: Jetzt erst recht. „Klar, dass den jungen Leuten ihre kurzen Haare zu Berge stehen, wenn die Presse kommt“, sagt Jacobi. Im Nebenzimmer kläfft ein Hund, und ein junger Mann in Bomberjacke schaut kurz durch die geöffnete Tür.

Seit mehr als zehn Jahren sitzt Jacobi schon im Gemeinderat, zuerst für die Freien Wähler. Bis er zurücktreten musste. Und für die NPD antrat. „Ach, die Geschichte“, sagt er, und sein Hals verfärbt sich rot. Das Landeskriminalamt soll bei einer Razzia Sprengstoff und Waffen in Jacobis Schuppen gefunden haben. „Das Verfahren wurde wegen Nichtigkeit eingestellt.“ Laut „Sächsische Zeitung“ gilt es dennoch als „offenes Geheimnis“, dass Jacobi Kontakte zu der militanten Gruppe „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS) gehabt hat. Erst vor ein paar Monaten hat die Gemeinde den Jugendclub in Schöna geschlossen, der als Anlaufstelle der Aufbauorganisation der SSS galt.

„Jacobi hat diese Fragen nie ausgeräumt“, hat Bürgermeister Arno Suddars der Zeitung nach der Kommunalwahl erzählt. Aber gegen Jacobi kommt hier so leicht keiner an, auch nicht der CDU-Bürgermeister. Jetzt, nach der Landtagswahl, will auch Suddars nichts mehr sagen, während er am Schreibtisch sitzt und hinter Spitzengardinen die Arbeitslosenzahlen analysiert. In ein paar Wochen sei er aber gerne bereit, über das neue Sportlerheim und das Fußballfeld zu sprechen, es tue sich viel im Ort. Zum Abschied stellt die Dame vom Fremdenverkehrsamt noch einen Stapel Broschüren zusammen, darunter den „Erlebnis-Kompass Sächsische Schweiz“ mit Felsenpanorama.

In einem sind sich die Leute hier gefährlich einig: Die da draußen, vor allem in Berlin, Medien wie Politiker, wollen ihnen nichts Gutes. „Demokratie ist, wenn du dich über alles beschweren kannst und es keinen interessiert“, sagt einer in der Kneipe von Reinhardtsdorf. „Wir sind ja doch machtlos gegen die da oben“, sagt eine Frau, die immer zu lächeln scheint, als wollte sie ihren Worten die Schärfe nehmen. Von wegen HartzIV: Manchmal sind es ganz profane Dinge, an denen sich die Machtlosigkeit festmacht. Die Abwasserversorgung zum Beispiel. Zu DDR-Zeit hatten sie hier nur Sickergruben, jetzt müssen alle Hausbesitzer für den Anschluss ans Kanalnetz aufkommen. Eine teure Angelegenheit. Keiner hat dagegen protestiert. Nur ein Heizungsbaumeister: Der nette Herr Jacobi.

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