Zeitung Heute : Im „Dreistromland“ fließen viele Energien

Der früher oft unterschätzte Kanton wird heute als dynamischer Unternehmens- und Lebensstandort wahrgenommen

Bettina Winterfeld

Eingeklemmt zwischen den Ballungszentren Basel und Zürich und mit einer Fläche von 1400 Quadratkilometern anderthalb Mal so groß wie Berlin, stand der Aargau lange als „Autobahnkanton“ im Schatten seiner exponierten Nachbarn. Dieses wenig schmeichelhafte Image wurde in den letzten Jahren gründlich aufpoliert. Denn was aus vordergründiger Sicht zunächst unscheinbar und reizlos erschien, eröffnete auf der anderen Seite strategische verkehrstechnische und wirtschaftliche Vorteile, die die Aargauer geschickt zu nutzen wussten.

Wer in der Schweiz eine Flaschenpost auf die Reise schickt, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass diese früher oder später im Aargau vorbeigespült wird. In dem wasserreichen Aargau ergießen sich mit Aare, Reuss und Limmat nämlich gleich drei Schweizer Flüsse in den mächtigsten Strom Europas, den Rhein. Und wo Wasser strömt, da fließen Energien, da finden auch Handel und Gewerbe ideale Bedingungen vor. Schon die Römer machten sich diesen natürlichen Standortvorteil zu eigen und legten auf dem Gelände der heutigen Stadt Windisch das größte Legionärslager nördlich der Alpen an. So wurden hier bereits frühzeitig internationale Transitachsen geschaffen.

Viele Jahrhunderte später krönte der Strohhut als wirtschaftlicher Aargauer Exportschlager erst die klügsten Köpfe Europas und später die schönsten Haarschöpfe Hollywoods. Als Kopfbedeckungen aus der Mode kamen, übertrug die heimische Industrie ihr Wissen um das Veredeln von Materialien kurzerhand auf die Bearbeitung von Metallen und Kunststoffen. In der Folge siedelten sich Unternehmen von Weltrang an: 1891 wurde in Baden Brown Boveri gegründet, das 1988 mit dem schwedischen Asea zu ABB fusionierte. Mit dem französischen Alstom-Konzern, dem größten privaten Arbeitgeber des Kantons, kam ein zweiter Energieproduzent hinzu. Heute sichern die drei Kernkraftwerke der beiden Konzerne einen Großteil der nationalen Energieversorgung. Der größte Stromproduzent der Eidgenossen, das KKW Leibstadt, versorgt eine Million Schweizer. Daneben setzt der Kanton mit 25 Wasserkraftwerken auch auf natürliche, erneuerbare Energiequellen. Gut 70 Prozent des regionalen Stromverbrauchs werden auf diese Weise abgedeckt.

In den letzten Jahren hat die Kantonsregierung ihre bisher oft im Verborgenen blühenden wirtschaftspolitischen Stärken mithilfe einer konzertierten Steuer-, Wachstums- und Öffentlichkeitsoffensive so gezielt gebündelt und fokussiert, dass eine ganze Reihe Schweizer und sogar deutsche Unternehmen angelockt werden konnten. Seit dem Jahr 2000 haben nach Angaben der Standort-Marketing-Organisation Aargau Services 172 Firmen mit insgesamt 3300 Beschäftigten ihren Sitz in den Kanton verlegt. Unter ihnen ist auch das saarländische Unternehmen Karo-San AG, das erst im vergangenen Jahr von Saarbrücken nach Lenzburg zog.

Infolge der positiven Wirtschaftsentwicklung, der pendlerfreundlichen Nähe zu den Großräumen Zürich und Basel und der vergleichsweise preiswerten Grundstücke ist der Kanton vor allem bei jungen Familien beliebt geworden. Im Gegensatz zu vielen überalterten Gemeinden gibt es hier eine überdurchschnittlich junge, wachsende Bevölkerung. Die Neuankömmlinge profitieren nicht zuletzt von den verstärkten Anstrengungen in der Bildungspolitik, wo der Kanton traditionell die Nase vorn hat. Nicht nur, dass hier vor 200 Jahren das erste Schweizer Gymnasium mit weltlich ausgebildeten Lehrern seine Schultore öffnete, an eben jener Schule büffelte auch Albert Einstein, der Vater der Relativitätstheorie, für sein Abitur und legte so einen wichtigen Grundstein für seinen späteren Nobelpreis. Im 21. Jahrhundert inspirierte hier unter anderem das renommierte Paul-Scherrer-Institut, die größte nationale Forschungseinrichtung der Schweiz, die Wirtschaftselite. „Der Anteil der Beschäftigten in der Forschung und Entwicklung liegt im Aargau weit über dem schweizerischen Mittel, und die Quote von 5,3 Prozent ist auch im internationalen Vergleich ein Rekord“, hob der Aargauer Wirtschaftsminister Kurt Wernli kürzlich vor einer Gruppe deutscher Wirtschaftsjournalisten hervor.

Alles in allem strotzt der Kanton vor wirtschaftlicher Potenz, was mittlerweile auch auf sein Image abgefärbt hat. Seine größten Vorteile sind neben der verkehrsgünstigen Lage ein ausgewogener Branchenmix, geringe Steuern, eine niedrige Staatsquote, gute Ausbildungsstätten und günstiges Bauland. „Der in der Vergangenheit oft unterschätzte und mit Klischees behaftete Kanton Aargau wird heute als dynamischer Unternehmens- und Lebensstandort wahrgenommen“, sagt Wernli, „er ist der größte Industriekanton und einer der bedeutendsten Wirtschaftsstandorte der Schweiz“. Erst im vergangenen Jahr bewertete die internationale Rating-Agentur Standard & Poors seine Bonität mit AA+ (steigend).

Rückgrat der florierenden Wirtschaft ist ein solider, innovationsfreudiger Mittelstand mit guten Fachkräften. 30 500 Firmen, die meisten von ihnen kleine und mittlere Unternehmen, haben ihren Sitz im Kanton. Mit Maschinenbau, Steuerungstechniken, hochwertigen Metallen und Kunststoffen verfügt die Industrie über erfolgreiche Exportartikel mit überdurchschnittlichem Wachstumspotenzial. Von den insgesamt rund 260 000 Beschäftigten pendeln immerhin 10 000 Arbeitnehmer sogar täglich aus dem nahe gelegenen Deutschland hierher. Doch das wohl aussagekräftigste Indiz für die wirtschaftliche Dynamik dürfte die Arbeitslosenquote von 2,1 Prozent sein – ein Wert, von dem deutsche Politiker nur träumen können.

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