Zeitung Heute : Im Feldversuch

Michael Rosentritt

Kapitän Michael Ballack fällt beim WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica heute aus. Wie wichtig ist er für die deutsche Mannschaft?


Als Rudi Völler nicht mehr Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft war, konnte er ganz offen reden. Der neue Bundestrainer Jürgen Klinsmann werkelte bereits ein Jahr lang an seinem Projekt WM-Sieg 2006, da sagte Völler dem Tagesspiegel: „Die Fitnesstrainer können auch aus Holland, China oder Japan kommen: Das Wichtigste ist, dass Michael Ballack sich nicht verletzt.“

Genau das ist jetzt eingetreten. Ballack wird im Eröffnungsspiel fehlen – und damit fehlt dieser Mannschaft die zentrale Figur, die alles zusammenhält. Denn mag auch Jürgen Klinsmann der Kopf des WM-Projekts sein, so ist der spielende Sachse das Herz. Die Bedeutung des 29 Jahre alten Mittelfeldspielers für das Team ließe sich an verschiedenen Dingen festmachen. Beispielsweise an seiner Erscheinung.

Könnte sein 1,89 m großer Körper sprechen, würde er wohl sagen: Was wollt ihr denn hier? Er trägt seinen Kopf aufreizend aufrecht. Wie ein Hahn. Seine Körperhaltung drückt Stolz aus, Überlegenheit und Eleganz, was ihm bisweilen als Arroganz ausgelegt wird. Er hat eine natürliche Präsenz, sie wirkt wie selbstverständlich und strahlt auf seine Mitspieler. Ballack verfügt über Anführerqualitäten. Allein er bestimmt den Rhythmus, beschleunigt oder verlangsamt das Spiel. Seine Mitspieler orientieren sich an ihm. Sie registrieren, wann und warum er sich mit Schiedsrichtern anlegt, wann und warum er sich in Zweikämpfe wirft. Sie verstehen seine Signale, wenn er den Ball einfach nur treibt oder mit langen Pässen die Räume öffnet. Mit ihm ist die deutsche Elf unberechenbarer. Ballack lässt sich nicht starr auf eine Feldposition reduzieren. Seine Aufgaben sind umfangreich. Man könnte vereinfacht sagen: Er soll in der eigenen Hälfte das Spiel mit einem geschickten Pass eröffnen, es über die Außenbahnen nach vorn tragen, eine gefährliche Flanke schlagen, die er schließlich im Strafraum einzuköpfen hat.

Michael Ballack ist im idealen Fußballeralter. Noch nicht so alt, dass er an Athletik und Tempo einbüßen würde, aber gerade alt genug, um der Mannschaft mit seiner Erfahrung und seiner Qualität Halt und Stabilität zu verleihen. Deswegen hat seine Meinung Gewicht und findet bei Klinsmann Gehör. Er allein darf ungestraft öffentlich Kritik üben.

Vielleicht ist Ballack in der Kombination aus Athletik, Zweikampfhärte, Schusstechnik und Kopfballspiel der komplette Fußballer. Auf jeden Fall ist er der einzige Deutsche, den die Gegnerschaft wirklich fürchtet. Die Spieler wissen um die Wichtigkeit ihres Frontmannes. Als sich der Ausfall andeutete, drückte das auf die Stimmung. „Klar“, sagt Klinsmann, „die Mannschaft hätte ihren Kapitän, ihren Leader, gern auf dem Platz gehabt.“ Jetzt hoffen alle, dass er bald fit wird. Denn einen „solch besonderen Spieler“, wie Jens Lehmann sagt, könne man mal ersetzen, „aber nicht auf lange Sicht“.

Als Rudi Völler noch Teamchef war, trug sich eine Szene zu, die wie keine andere den Spieler Michael Ballack und seine Bedeutung für das Team charakterisiert. Es war 2002, WM-Halbfinale. Als das Spiel 70 Minuten alt war, es immer noch 0:0 stand und die Koreaner mit verzweifelten Angriffen die Entscheidung suchten, grätschte Ballack Lee Chun-Soo von hinten in die Beine. Ballack sah die Gelbe Karte und war damit für das Finale gesperrt. Er versank aber nicht in Trauer, sondern erzielte vier Minuten später das Siegtor. Innerhalb von nur 360 Sekunden verlor Michael Ballack persönlich ein Finale und schenkte der Mannschaft eines.

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