Zeitung Heute : Im Fernweh verweilen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Heute ist Sonntag, der Tag des Fernwehs, dem man auch mit kürzeren Reisen gut begegnen kann. Ich kann neuerdings nicht mehr Bahn fahren, ohne über eine Zahl nachzudenken, die ich gelesen habe: dass nämlich zeitweise bis zu 500 Mitarbeiter an der Gestaltung des neuen Preissystems mitgewirkt haben sollen. Das muss man sich mal vorstellen. 500 Leute, und keiner davon soll in der Lage sein, die Bahn von einem Flugzeug zu unterscheiden? Keiner erkennt, wie wunderbar es ist, zum Augenblick zu sagen: Bleibe noch, du bist so schön? Und wie man ihn bleiben lassen kann, indem man einfach den Zug später nimmt. Keiner von 500, der aufgestanden ist und gesagt hat: Die Bahn tut ja gerade so, als wäre sie ein Flugzeug.

Immer, wenn draußen Raps und blühende Kornfelder vorbeifliegen, wenn ich mich am Klatschmohn freuen sollte oder an den Ponys auf der Weide, spuken diese 500 in meinem Kopf herum. Wie Mahngestalten für die Depression, in der sich so viele Teile des Landes befinden. Kommt man ins Reisebüro, kriegt man Flüge, wohin man will. Es fährt ja keiner mehr in Urlaub, wird einem gesagt. Das ist das Wesen der Depression, totale Lähmung, man traut sich nicht mehr aus den Augen zu gucken.

Einer meiner letzten Ausflüge führte in eine ostdeutsche Metropole von ansteckender Fröhlichkeit. Arm ist man dort auch, aber es scheint nicht so viel auszumachen. Während ich die über die Maßen schnuckeligen Auslagen in den Schaufenstern betrachtete und mir überlegte, dass man hierher auch mal mit dem Auto kommen könnte, um eine richtig vernünftige ShoppingTour zu unternehmen, hatte ich noch die Worte des Bürgermeisters im Ohr, dass man dort deshalb so frohen Mutes sei, weil man den Vergleich zu früher nicht aus den Augen verliere. Muss man gar kein ostdeutscher Hoffnungsträger sein, um so kluge Überlegungen anzustellen. Kleine Sonntagssport-Aufgabe: Erstellen Sie mal eine Liste, was vor 15 Jahren besser war und was schlechter als heute. Die längere gewinnt.

Wer keine Lust auf Listen hat und die Bahn scheut wie der Aerophobiker den Jumbo-Jet, verlegt seinen Sonntagsspaziergang vielleicht ins weitere Umland. Geht durch schön restaurierte Dörfer, genießt in einem dieser Schlosshotels frische regionale Küche, besucht vielleicht noch ein Konzert in einer mit neuer Orgel ausgestatteten Dorfkirche und begibt sich abends satt und zufrieden auf die Heimfahrt. Vielleicht guckt er, weil er den Weg ja kennt, am Oranienburger Kreuz gar nicht mehr hoch, aber er sollte es tun, weil es immer wieder neu die Laune verbessert. Es gibt dort nämlich, wie eh und je, die Wahl zwischen zwei Richtungen und beide führen nach Berlin. Vor 15 Jahren ging es entweder in die Hauptstadt der DDR oder nach West-Berlin. Heute geht es nach „Berlin (Alexanderplatz)“ und „Berlin (Zoo)“. Beim einen denkt man an ein schönes Buch und die Filme dazu, beim anderen an Elefanten und Nilpferde, die Stulle heißen. Beide Gedanken lassen einen unwillkürlich lächeln, das Auto hebt fast ein bisschen ab. Dicker Strich auf der Liste für die Pluspunkte der Gegenwart. Hoffentlich kommt die Bahn umgekehrt bald wieder runter und reiht sich dann ebenfalls in die Plus-Liste ein. Wäre sonst doch schade – um die unerhörten Fernweh-Anfälle.

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