Zeitung Heute : im Frieden Krieg

1986 existiert der Eiserne Vorhang noch. Und im Schatten der Atomraketen scheinen die Verhältnisse stabil zu sein. Da explodiert in Berlin eine Bombe.

Katja Füchsel

Kiss! Katja schiebt sich in die Mitte der Tanzfläche, wie fast immer, wenn der Prince-Hit aufgelegt wird. Das Treiben um sie herum nimmt die 18-Jährige jetzt nur noch in Schemen wahr. Da ist Enzo, der Wirt vom „La Belle“, der seine abendliche Runde durch die Diskothek dreht: Hey, geht’s gut? Hallo, kann ich was für euch tun? Auf einer Eckbank an der Bar sitzen zwei Blondinen, trinken einen Piccolo. Die eine Frau hat eine große Stofftasche dabei, irgendwann steht sie auf und wirft etwas in den Mülleimer zwischen Tanzfläche und Tresen. Dass die beiden es dann auf einmal recht eilig haben und mit leeren Händen die Disko wieder verlassen, fällt niemandem auf. Katja tanzt, Enzo schwatzt und Kenneth, ein amerikanischer GI im schwarzen Smoking, hat sich gerade bis zur Bar vorgearbeitet. „Two Sambuca, please“, bestellt der 21-jährige Soldat. Wenige Minuten später ist er tot.

Drei Kilo Plastiksprengstoff, durchsetzt mit unzähligen Eisenstücken, explodieren um 1 Uhr 40. Berlin erlebt in diesen Morgenstunden des 5. April 1986 den größten Terroranschlag in der Geschichte der Stadt – und auch den bislang letzten. Drei Menschen sterben in der vor allem bei amerikanischen Soldaten beliebten Diskothek, rund 200 werden verletzt, manche leicht, andere lebensgefährlich. Die Detonation reißt ein Loch in den Boden und in die Wand zum angrenzenden Tapetenmarkt. Weiße Farbe spritzt umher. Die Tür zum Notausgang wird 15 Meter weit weggeschleudert. Glühlampen prasseln auf verbrannte Körper. Die Zwischendecke stürzt auf die Tanzfläche. Fliehende stolpern über die Körper der Verletzten.

Und Katja Dames? Unter Schock sucht sie in den Trümmern nach ihrer Handtasche und ihren Schuhen. Ein Fremder reißt die 18-Jährige schließlich aus der Trance. „Fuck your shoes! Come on!“, ruft der Mann, packt Katja am Arm und zieht sie durch ein Loch in der Wand in den Baumarkt nebenan. Als die 18-Jährige mit einem Dröhnen in den Ohren auf die Schöneberger Hauptstraße tritt, liegen vor der Hausnummer 78 die Verletzten blutend und schreiend auf dem Mittelstreifen.

Um 1 Uhr 50 geht der erste Notruf bei der Berliner Feuerwehr ein. Eine Stunde später verhängt der Polizeipräsident den Ausnahmezustand über die Stadt. Als der junge Staatsanwalt Detlev Mehlis am Ort des Geschehens eintrifft, fällt ihm feiner Nieselregen ins Gesicht. Die Lichter der Polizei- und Feuerwehrautos tauchen die Szenerie in flackerndes Blau-Schwarz. Es riecht nach Staub. Ein Bild wie im Film, sagt Mehlis, aber „eher deprimierend als interessant.“ 37 Jahre alt ist der Ermittler, erst mit 53 wird er die La-Belle-Akte schließen – vorerst zumindest.

20 Jahre später. Mehlis sitzt in seinem unscheinbaren Büro im Berliner Kammergericht. Gerade erst bekam er das Bundesverdienstkreuz verliehen. Aber nur ein Foto an der Wand mit einer persönlichen Notiz von UN-Chef Kofi Annan erinnert den Besucher daran, dass Mehlis inzwischen zu den bekanntesten Anklägern der Welt zählen dürfte. Der 57-Jährige hat fast alle Terroranschläge in Berlin aufgeklärt – das Attentat auf das Maison de France 1983 beispielsweise und den Anschlag auf die Deutsch-Arabische Gesellschaft 1986 –, bevor er im letzten Jahr von den Vereinten Nationen zum Chefermittler ernannt wurde und in Beirut nach den Mördern des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri fahndete. Anfang des Jahres übergab er die Geschäfte an einen Nachfolger und kehrte an seinen Berliner Schreibtisch zurück.

La Belle – das war einer von Mehlis’ größten Fällen. Ein erfolgreicher und auf seine Weise auch ein perfekter Fall – weil Mehlis ihn von der ersten bis zur letzten Minute als Ermittler begleitet hat. „Das ist doch eine gute Gelegenheit, mal wieder nachzugucken“, sagt der Mann mit den raspelkurzen Haaren und loggt sich an seinem Computer auf der Seite des Bundeskriminalamtes ein. Tatsächlich, nach den vier Libyern wird immer noch gefahndet: Rashid, Elamin, Keshlaf, al Abani. „Die vier abgebildeten Personen werden beschuldigt, in jeweils unterschiedlichen Tatbeiträgen für den Sprengstoffanschlag auf die Diskothek La Belle verantwortlich zu sein“, heißt es auf der BKA-Seite.

Vor Jahren hat Mehlis die vier Männer – einst Mitarbeiter der libyschen Botschaft in Ost-Berlin und des Nachrichtendienstes ihres Landes – in Tripolis vernommen. Mehlis wurde damals von der libyschen Justiz freundlich mit Tee und Gebäck empfangen – und lächelnd ausgebremst. Direkte Fragen an die Verdächtigen waren verboten. Stattdessen spulten die vier Männer ihre Erklärungen herunter und leugneten durchweg, etwas mit dem Attentat in Berlin zu tun zu haben. „Das war eine außerordentlich skurrile Veranstaltung“, sagt Mehlis.

Er spricht nicht oft darüber. Aber was den Ermittler antreibt, ihn auch im Fall La Belle immer weitermachen ließ, sind die Opfer. Der Soldat Kenneth Ford, die Türkin Nermin Haney (28) und der Amerikaner James Goin (25), die sterben mussten, weil sie an diesem Abend in dieser Diskothek tanzen wollten. Aber auch Menschen wie Enzo di Nunno, der nach der Explosion zweimal operiert wurde. Wie Richard, der Barkeeper, der wochenlang mit schweren Gesichtsverbrennungen im Krankenhaus lag. Oder wie Brunhild, die mit 18 Jahren bei dem Attentat ihr ungeborenes Baby verlor. Psychologische Betreuung gab es für die La-Belle-Opfer damals noch nicht, manche gingen nach der Explosion einfach nach Hause und wurden dann übers Radio aufgerufen, mit dem wahrscheinlich geplatzten Trommelfell sicherheitshalber zum Arzt zu gehen. Der Kampf der Opfer gegen die Angst, die ihnen blieb, zog sich über Jahre hinweg – bei einigen von ihnen bis heute. Brunhild F. kann ein Jahr lang nicht zur Arbeit gehen. Ein weiteres Jahr später versuchte sie es mit einer Disko, flüchtete jedoch panisch, als ein Mann mit Sporttasche hereinkam. „Meine Therapie war der Prozess“, sagt Brunhild. Es ist ein Satz, den man von vielen La-Belle-Opfern hört.

Das Berliner Attentat schürt 1986 weltweit die Sorge vor einem neuen Krieg. Denn schon einen Tag nach dem Anschlag spricht der damalige Präsident Ronald Reagan von „unumstößlichen Beweisen“, die auf die Urheberschaft Libyens schließen ließen. Reagan glaubt, dass Revolutionsführer Muammar al Gaddafi nach Schusswechseln im Mittelmeer mit dem La-Belle-Attentat Revanche gesucht hatte. Jetzt eskaliert der Konflikt weiter: Zehn Tage später gibt der US-Präsident den Befehl, die libyschen Städte Tripolis und Bengasi zu bombardieren. Rund 40 Zivilisten, darunter auch die Adoptivtochter Gaddafis, sterben, über 100 werden verletzt. Gaddafi schlägt zurück, immer wieder: Im Jahr 1988 folgt der Anschlag auf ein Flugzeug der amerikanischen Fluglinie Pan Am über dem schottischen Lockerbie mit 270 Opfern und 1989 das Attentat auf den französischen Flug UTA 772, das 170 Menschen das Leben kostet.

Es gibt einen Funkspruch, der am 5. April 1986 zwischen der libyschen Hauptstadt Tripolis und der libyschen Vertretung in Ost-Berlin abgefangen wurde: „Die Aktion hat um 1 Uhr 30 stattgefunden, ohne eine Spur zu hinterlassen.“ Die Berliner Ermittler erfahren davon zunächst nichts, zehn Jahre lag die Information sicher verwahrt beim Bundesnachrichtendienst in Pullach.

Auch sonst entwickelt sich der Fall La Belle zu einem Lehrstück für die Verstrickung der Geheimdienste in den Kalten Krieg, das Gegeneinander von außen- und innenpolitischen Interessen. Weder die amerikanischen Agenten noch der Bundesnachrichtendienst in Pullach geben den Ermittlern ihr Wissen preis. Mehlis tritt jahrelang auf der Stelle, erst der Mauerfall bringt den entscheidenden Durchbruch. Denn die Stasiakten aus der Normannenstraße fördern Verblüffendes zutage: Die Stasi hatte die arabische Szene in Ost-Berlin flächendeckend abgehört und bespitzelt.

Am 18. November 1997 beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen La-Belle-Attentäter, den Libyer Musbah Eter (damals 44), den Staatenlosen palästinensischer Herkunft Yasser Chraidi (42), den gebürtigen Libanesen Ali Chanaa (42), dessen frühere Ehefrau Verena (42) und deren Schwester Andrea Häusler. Mehlis kennt die fünf seit Jahren, einige von ihnen hat er im Ausland aufgespürt. Mit Chraidi, dem Palästinenser, hat er 1994 bei der Vernehmung im Libanon frische Erdbeeren gegessen. Mit Eter, dem Libyer, trank er 1996 auf Malta an der Hotelbar ein Bier. In jeden Einzelnen hat Mehlis versucht sich hineinzuversetzen, in den fanatischen Palästinenser wie auch in die blonde Diskogängerin Verena Chanaa mit ihren Geldproblemen. Er hat sie alle nie wirklich verstanden, immerhin: „Ich habe kapiert, wie sie dahin gekommen sind.“

Das La-Belle-Verfahren entwickelt sich in den nächsten vier Jahren zum Mammutprozess. Die 273 Verhandlungstage kosten rund fünf Millionen Euro. Auf mehrere Zentner Papier stützt sich die Anklageschrift, 86 Aktenbände und mindestens 100 Beiakten haben die Ermittler zusammengetragen. Neben den Richtern und Anklägern sind rund 40 Anwälte im Prozess vertreten, 169 Zeugen werden vernommen.

Elf Jahre nach dem Anschlag kommen sie im Moabiter Gerichtsgebäude wieder zusammen, Katja, Brunhild, Enzo und all die anderen, die den Anschlag überlebt haben. „Das war ja damals wie eine große Familie im La Belle. Jeder kannte jeden“, sagt Katja Dames. Tränen, Wiedersehensfreude, Umarmungen, Lachen, Schweigen, Schluchzen – auf dem Gerichtsflur erleben die Opfer widersprüchliche Gefühle. Als Brunhild F. in den Zeugenstand tritt, das erste Mal den Attentätern gegenübersteht, bricht sie fast zusammen. Doch bald merkt sie, dass ihr der Prozess gut tut. Weil sie jetzt über das Grauen sprechen muss und ihr plötzlich klar wird, „dass ich eben doch nicht ganz alleine bin“. Wie fast allen Überlebenden ist auch ihr die Angst vor Dunkelheit und Menschenmengen geblieben.

Im Saal 700 kämpfen sie alle nicht nur gegen den Terrorismus, sondern auch gegen das kurze Gedächtnis der Öffentlichkeit. „Das Vergessen der Politik ist ein trauriges Kapitel dieses Verfahrens“, sagt Mehlis vor dem Urteil. Anders als die USA und Frankreich suchen die Deutschen seit den 80er Jahren die harte Konfrontation mit Terrorregimes, im Fall Libyen scheinen wirtschaftliche Interessen die Verantwortlichen besonders milde zu stimmen. Zwar habe die damalige Bundesregierung das La-BelleVerfahren nie direkt behindert, sagt Mehlis. Aber eben auch wenig getan, um es zu fördern.

Mehlis klärt den Fall trotzdem auf. Zwei der fünf Angeklagten, der ehemalige libysche Diplomat Eter und der aus dem Libanon stammende Chanaa, bestätigen, dass der Anschlag aus dem damaligen libyschen Volksbüro in Ost-Berlin heraus organisiert wurde. Das Attentat sei „ein Geschenk Gaddafis an die USA“ gewesen. Die Bombe haben die Attentäter am Abend vor dem Anschlag in der Küche von Verena Chanaa, die in einer kleinen Sozialwohnung in der Kreuzberger Lindenstraße lebt, zusammengebaut. Die junge Frau hat dann gemeinsam mit ihrer offenbar ahnungslosen Schwester die Bombe in die Diskothek gebracht und den Zeitzünder ausgelöst.

Am Tag des Urteils gleicht das Moabiter Kriminalgericht einer Festung: Auf den Dächern sind Scharfschützen postiert, Wachleute filzen jeden Besucher bis auf die Socken. Für Mehlis wird das Urteil ein Erfolg: Das Gericht bezeichnet Libyen als Urheber des Anschlags – verurteilt die Angeklagten, allerdings nur wegen Beihilfe zum dreifachen Mord, zu Haftstrafen zwischen 12 und 14 Jahren. Die Opfer wirken entsetzt. „That’s bullshit!“, rufen sie von den Zuschauerbänken zornig dazwischen, andere lachen während des Vortrags der Richter bitter auf. Der Gedanke, dass der Angeklagte Chraidi in der U-Haft seine Strafe da bereits fast abgesessen hat, macht Brunhild rasend. Chraidi wird im Mai 2005 entlassen und nach Beirut ausgeflogen.

Doch weil der Richterspruch keinen Zweifel am Auftraggeber Libyen offen lässt, sind auch die Chancen auf eine Entschädigung der Opfer sprunghaft gestiegen. Zumal Gaddafi seit einigen Jahren alles daran setzt, sein Schurkenimage loszuwerden, und versucht, wieder in die Weltgemeinschaft aufgenommen zu werden. Im Sommer 2000 setzt sich Libyen für die Freilassung der Göttinger Familie Wallert und anderer Geiseln auf den Philippinen ein. Seine Schuld an den beiden anderen Fällen von Staatsterrorismus, den Anschlägen auf das französische Passagierflugzeug über Niger und den Jumbo-Jet über Lockerbie verrechnet Gaddafi 2003 schließlich mit rund drei Milliarden Dollar. Noch im selben Jahr hebt der UN-Sicherheitsrat seine Sanktionen gegen Libyen auf.

Und jetzt endlich, 17 Jahre später, scheint es auch für die deutschen La-Belle-Opfer eine reelle Chance auf Entschädigung zu geben. Diesmal engagiert sich das Auswärtige Amt, unterstützt die Anwälte bei ihrem Verhandlungsmarathon in Tripolis und in Berlin. Dann steht die Vereinbarung: 35 Millionen Dollar gibt es für die La-Belle-Opfer. Elf schwer Verletzte erhalten jeweils 350 000 Dollar, 157 andere Opfer jeweils knapp 190 000 Dollar. Die Hinterbliebenen einer getöteten Diskobesucherin bekommen eine Million Dollar.

Im vergangenen Jahr ist die letzte der drei Raten bei den Berliner La-Belle-Opfern eingetroffen. Katja Dames ist mit ihren beiden Kinder durch die USA gereist, hat sich neu eingerichtet. 190 000 Dollar – die Summe war für sie nicht das Wichtigste. Es ging ihr und all den anderen Opfern vielmehr um Genugtuung. Und um so etwas wie einen Schlussstrich. „Es war wichtig, dass man endlich zur Ruhe kam“, sagt Katja Dames.

Mehlis hat den Fall inzwischen abgehakt, die Akten, die sich auf seinem gläsernen Schreibtisch türmen, gehören längst zu anderen Fällen. Und die vier mutmaßlichen Hintermänner in Libyen? Mehlis lächelt fein. „Es wäre gar nicht gut für sie, Libyen zu verlassen.“ Mord verjährt schließlich nie.

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