Zeitung Heute : Im Gegensatz liegt die Chance

Wolfgang Schäuble

TRIALOG

Nun hat alles Ringen im Weltsicherheitsrat, Streiten, Hoffen, Demonstrieren nichts genützt. Der Krieg im Irak findet statt. Krieg ist immer auch ein Scheitern von Politik und Diplomatie. Mit friedlichen Mitteln wurde das Ziel, den Irak von Massenvernichtungswaffen zu befreien und die Gefahr für den Weltfrieden zu beseitigen, nicht erreicht. Unbeschadet aller Meinungsverschiedenheiten über richtige oder falsche Politik, bleibt der Hauptschuldige Saddam Hussein, unter dem sein Volk mit mehr als einer Million Opfern lange leidet und weiter leiden muss.

Aber gerade weil die Gefahren und Risiken so vielfältig und groß sind, muss man versuchen, neben heißem Herzen auch kühlen Kopf zu wahren. Und sich fragen, was schief gelaufen ist. Die Uneinigkeit der atlantischen Partner gehört gewiss dazu. Gerade in Berlin, wo amerikanische Verlässlichkeit über Jahrzehnte Garantie für Frieden und Freiheit war, müssen wir fragen, warum Amerikaner und Deutsche aneinander vorbeiredeten.

Dahinter verbergen sich unterschiedliche Erfahrungen. „Krieg“ ist für die Europäer und für uns Deutsche auf Grund unserer Geschichte mit so existenziellen Erfahrungen verbunden, dass wir schon vor der bloßen Begrifflichkeit zurückschrecken. Den Satz von Clausewitz, dass Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, können wir angesichts der Erfahrungen zweier Weltkriege nicht uneingeschränkt akzeptieren. Für die Amerikaner ist Krieg nicht so sehr unmittelbare Erfahrung der Zivilbevölkerung, und die Risiken für die eigenen Soldaten hat man durch hohen materiellen Aufwand immer viel kleiner gehalten. Unbemannte Flugobjekte mit ferngesteuerten Waffensystemen verdeutlichen das oder die Fähigkeit der USA, abgeschossene Piloten im Kosovo-Krieg auch hinter den feindlichen Linien zu retten.

Aber die Erfahrung, dass die Unverwundbarkeit der Amerikaner in einer neuen Welt von Globalisierung, failing states, internationalem Terrorismus und asymmetrischer Kriegsführung nicht mehr gegeben ist, das ist für sie der Schock des 11. September. Darauf reagieren die USA mit dem amerikanischen Urinstinkt, dass jedes Problem lösbar sein muss. In diesen Unterschieden liegt auch eine Chance. Was die einen zu viel, haben die anderen zu wenig. Wir sind in der Versuchung, durch die Last unserer Erfahrungen eher in Stagnation zu verfallen, während die Amerikaner in ihrem ungebrochenen Selbstvertrauen den Glauben an die Lösbarkeit aller Probleme übertreiben könnten.

Die Welt im 21. Jahrhundert in ihren globalen Spannungen und der Beschleunigung vieler Entwicklungen wird sich vor Übertreibungen hüten müssen. So könnte aus Selbstvertrauen auf der einen Seite und der Skepsis auf der anderen zusammen sich die richtige Balance ergeben, um die Welt vor Hybris und Resignation gleichermaßen zu bewahren.

Der Autor ist Präsidiumsmitglied der CDU.

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