Zeitung Heute : Im Gegenzug

Nach dem Tod des französischen Castor-Gegners dauern die Aktionen in Deutschland an – über die Form des Protests wird gestritten

Peter Ahrens[Dannenberg]

Der Tod eines 22-Jährigen bei einem Castor-Transport hat Bestürzung ausgelöst. Die frühere französische Umweltministerin Lepage fordert eine gründliche Untersuchung. Wie sehen die Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland aus?

Nach dem Unfalltod eines 22-jährigen Franzosen am Sonntag ist bei den Atomkraftgegnern im niedersächsischen Wendland eine Debatte über Art und Weise des Protests ausgebrochen. Diskutiert wird, wie weit der Protest gegen die Castor- Transporte ins Zwischenlager Gorleben gehen darf. Bisher galten ihnen Aktionen auf der Schiene, wie sie dem Franzosen zum Verhängnis geworden sind, als legitimes Mittel, um den Atommüllzug auf seinem Weg aus dem französischen La Hague nach Gorleben aufzuhalten. Die Umweltschutzorganisation Robin Wood hatte es 2001 vorgemacht: Damals hatten sich Aktivisten im Gleisbett festgekettet und den Zug für Stunden zum Stillstand gebracht. Dies gilt immer noch als einer der größten Erfolge in der Geschichte der Castor-Demonstranten, wenngleich damals einige Mitstreiter unterkühlt ins Krankenhaus gebracht werden mussten.

Allerdings fand diese Aktion auf der Abschlussstrecke des Transports statt. Hier ist das Sicherheitsrisiko für die Aktivisten am geringsten. Das Streckenstück zwischen Lüneburg und Dannenberg, wo die Castor-Behälter auf Lastwagen umgeladen werden, ist das bestüberwachte der gesamten Strecke. Tausende Polizisten suchen schon Wochen vorher jeden Quadratmeter an der Strecke ab. Hubschrauber fliegen dem Zug voran. Von dort aus kann mit speziellen Infrarotsichtgeräten jeder Protestierer an der Strecke geortet werden, auch wenn er sich im Wald versteckt. Solche gründlichen Maßnahmen gibt es auf der Etappe in Frankreich nicht.

Auf deutscher Seite wurde am Tag danach deshalb auch kein Grund gesehen, die Sicherheitsmaßnahmen zu verschärfen. Hier zu Lande sei es unmöglich, dass ein Hubschrauber zum Tanken abdrehe, während der Transportzug noch fährt, sagten Beamten der Polizei in der Einsatzzentrale in Lüneburg. Genau das war vor dem Unfall in Lothringen passiert.

Dazu kommt, dass Organisationen wie Robin Wood oder Greenpeace „das größtmögliche Maß an Sicherheit für die Aktivisten gewähren“, wie Robin-Wood-Vorstandssprecher Jürgen Sattari sagt. Robin Wood verzichtet in diesem Jahr auf Aktionen auf der Schiene. Diese Entscheidung sei allerdings bereits vor dem Unfall gefallen. Andere Castor-Gegner haben gestern allerdings bereits wieder nah und sogar auf den Gleisen demonstriert und sie blockiert. So rief die Gruppe „In- und Auswendisch“ dazu auf, mit Wollknäueln oder Tauen ein „Netzwerk an und über der Schiene zu flechten“. Zwischen Uelzen und Lüneburg musste der Zug halten, weil sich einige Demonstranten an die Gleise gekettet hatten.

Nach dem Tod des Franzosen auf diese Form des Protests zu verzichten, dazu konnten sich nicht alle durchringen. Aus Sicht von Dieter Mekt, dem Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, wäre es ein „Zeichen von Resignation“ gewesen: Dies sei „sicherlich auch nicht im Sinne des Toten gewesen“, sagt Mekt.

Den Atomgegnern wäre es ohnehin lieber gewesen, statt über ihre eigene Strategie über den Sinn und Unsinn der Transporte zu diskutieren. Doch während in Frankreich jetzt die Grünen eine Debatte über den Atomausstieg fordern, kam in Deutschland eine neue politische Diskussion auch nach dem Unfall nicht auf. Gut hätte es Mekt allerdings gefunden, wenn der Castor-Zug „symbolisch für einen Tag Halt gemacht“ hätte. Ein Vorschlag, auf den die Polizei nicht einging. Sie hat auch kaum Alternativen. Das Zeitfenster für die Transporte ist so klein, dass jede Verzögerung den Güterfahrplan in Deutschland durcheinander bringt. Was wiederum ein Kritikpunkt der Bürgerinitiative ist: Es sei „nicht tragbar“, dass der Castor auf den normal genutzten Güterstrecken der Republik rolle, kritisiert Mekt.

Dies wird der Castor jedoch auch in den kommenden Jahren tun. Die Betreiber des Zwischenlagers rechnen noch mit dem Transport von mindestens 70 weiteren Castorbehältern aus der Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague und zusätzlichen 40 aus dem britischen Sellafield. Bisher sind in dem Lager 44 von 420 möglichen Stellplätzen besetzt.

Der Atomkonsens der rot-grünen Bundesregierung sieht vor, dass die Betreiber der Atomkraftwerke bis Juli 2005 eigene Zwischenlager vor Ort eingerichtet haben müssen. Mindestens bis dahin wird weiter demonstriert.

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