Zeitung Heute : im Getriebe Staub

Anfangs tritt man noch in die Pedale, dann hängt Wäsche am Lenker. Aber ihn wegzugeben, wäre ein Sieg der Trägheit. Warum Hometrainer das materialisierte schlechte Gewissen sind.

Früher war es einfach mit dem Fressen und dem Faulsein. Völlerei und Trägheit sind Todsünden, und Sünden kann man beichten. Man ging also zur Beichte, betete ein paar Vaterunser und den Rosenkranz. Danach hatte man sein Gewissen erleichtert und konnte weiter völlern und träge sein. Heute wird man das schlechte Gewissen nicht so schnell los, denn es hat Gestalt angenommen. Es tritt einem als elektrische Saftpresse entgegen, als Wok oder Expander, eine ganze Industrie lebt davon, neue Formen unter die Leute zu bringen. Es ist die moderne Form des Ablasshandels: Du könntest (Oberarme wie Madonna haben), wenn du nur wolltest (400 Euro ausgeben).

Seine teuflischste Erscheinungsform aber hat das schlechte Gewissen in einem Fahrrad gefunden, mit dem man gar nicht fahren kann: dem Fahrrad-Ergometer, vulgo: Hometrainer. 6,6 Millionen Deutsche haben nach Angaben der Zeitschrift „Fit for Fun“ einen zu Hause stehen. Ein Großteil davon wird in den ersten Monaten des Jahres gekauft, der Hochzeit des schlechten Gewissens. Der Hometrainer ist der Gegenstand gewordene innere Schweinehund: Ein fettes schwarzgraues Ding, das sich unüberwindbar vor einem aufbaut. Ignorieren geht nicht, dafür ist er zu groß. Bekämpfen kann man ihn auch nicht, das ist zu anstrengend. Was also tun?

Dabei fernsehen, wird gerne geraten. Das ist allerdings schon eine ausgefeilte Form von Dialektik: Den Kampf gegen die Trägheit soll man bestehen mithilfe des Mediums der Trägheit schlechthin. Lea Pagonides, wahllos herausgepickt aus der endlosen Liste der Leute, die ihren Hometrainer auf Ebay eingestellt haben, fasst das Dilemma zusammen. „Ich stand allein im Schlafzimmer auf dem Gerät und guckte Glotze. Da habe ich mich lieber gleich auf die Couch gesetzt.“

Dabei gehört die Schauspielstudentin laut Statistik zur Zielgruppe: Zwei Drittel der Leute, die zu Hause trainieren, sind jünger als 40. Pagonides hat den Hometrainer seit Weihnachten. Wegen der guten Vorsätze, und weil die Familie ihres Freundes ein besonderes Geschenke-Ritual hat. Alle geben etwas in eine Art Tombola, dann sucht sich jeder ein Teil aus. Lea Pagonides und ihr Freund nahmen das größte. Es entpuppte sich als Stepper. Zehn Mal habe sie ihn benutzt, „und dann stand er rum und stand er rum und stand er rum.“

Viele schwören ja auf das Wohnzimmer als Standort, denn da würde man den Hometrainer so oft sehen, dass man sich irgendwann draufsetze. Bei Heide E. ist er im Schlafzimmer gelandet, zwischen Büchern und den Aktenordnern ihres Mannes. Vor sieben Jahren wollte sie ihre Kondition verbessern und kaufte sich ein „finnisches Ding mit allem Pipapo und Zwickerchen am Ohr“. Erst fuhr sie mit Elan, dann ging es nur mehr mit Ablenkung. Als sie alle Buchrücken und Etiketten der Aktenordner auswendig konnte, mutierte das Gerät zur Ablagefläche. Ihr Mann hat es dann auch noch eine Zeit lang versucht. Jetzt hängt er seine Wäsche darauf.

Bernadette Landmann sitzt in ihrer Neuköllner Wohnung auf dem Doppelbett. Eine große Zimmerpflanze wölbt sich zur Decke, daneben steht ein Hometrainer. Hier, zwischen Bett und Baum, hat er seine letzte Station gefunden. Er war auch schon in der Küche und im Wohnzimmer, „aber er hat eigentlich überall genervt“. Ursprünglich wollte Landmann wieder das Gewicht, das sie vor ihrer Schwangerschaft hatte. In einem Kurs an der Urania hörte sie von einer neuen Methode zum Abnehmen: Täglich 500 Kalorien abbauen, 250 durch Diät, 250 durch Bewegung. Für 400 Euro kaufte sie einen Hometrainer, sie hat extra einen teuren genommen, 100 000 Kilometer könnte man theoretisch damit fahren. Amortisiert habe er sich nicht, sagt Landmann und guckt selbstkritisch in die Ecke. Von dort wird der Hometrainer eines Tages wahrscheinlich in den Schrank wandern oder in den Keller. Es ist eben wie mit dem schlechten Gewissen auch: Irgendwann wird es verdrängt.

Ich rolle ihn durch die Wohnung, von einem Platz zum anderen. Derzeit benutze ich ihn, um Kleiderbügel aufzuhängen, manchmal turnt meine Tochter darauf herum. Weggeben will

ich ihn aber noch nicht, irgendwie kann ich mich nicht von ihm trennen. Immer, wenn ich ihn sehe, denke ich an die Phase, wo ich ihn benutzt habe. Und dann gucke ich ihn ganz

wehmütig an. Bernadette Landmann, Angestellte

Meine Freunde haben mich gewarnt. „Heide“, haben sie gesagt, „der bleibt stehen!“

Und sie hatten recht. Die guten Vorsätze sind im Laufe der Jahre verflogen. Dabei fahre ich gern Fahrrad, als junges Mädchen habe ich mir als Erstes ein Fahrrad gewünscht, genau

wie die Jungs. Aber es ist eine lustlose Sache, zu strampeln und gegen eine Wand zu

starren. Das ist wie Bügeln, so stupid! Heide E., Rentnerin

Abends nach dem Essen stehe ich auf, und dann heißt es: Rauf auf den Hometrainer! Die Frau treibt mich an. Alter, tu was, sagt sie. Also radle ich eine halbe Stunde, das sind sechs Kilometer. Manchmal radle ich auch eine Stunde mehr, dann habe ich ein richtiges Wohlgefühl. Ich habe auch schon versucht, mich

draußen zu bewegen, aber das hat keinen Spaß gemacht. Zu Hause ist es wirklich am schönsten. Detlef Bartsch, arbeitslos

Ästhetisch ist er ja nicht. Ich fahre jeden Tag 28 bis 30 Kilometer. Dabei lese ich, oft habe ich Reiseberichte auf einem Brett vor mir liegen. Da radle ich dann in meinem Arbeitszimmer vor mich hin und komme so durch die Welt. Magdalena Federmann, Autorin

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