Zeitung Heute : Im göttlichen Abgrund

Gabriele Schmelz

"Was gibt es Simpleres als den Hieb mit der Peitsche?", fragt Niklaus Largier am Anfang. Die Frage muss rhetorisch sein, denn sein Buch umfasst mehr als 400 Seiten und heißt "Lob der Peitsche. Eine Kulturgeschichte der Erregung". Was mag es Lobenswertes geben am Hieb mit der Peitsche, fragt sich der Leser und denkt dabei vielleicht an die Schläge der Erziehenden und an die mittelalterlichen Geißelungen, jedenfalls an Strafe.

Grenzen des Sagbaren

Doch Teresa von Avila erfuhr im Ritual mit der Peitsche den "göttlichen Abyss" in der "dunklen Nacht" ihrer Existenz und der Marquis de Sade, der "göttliche Marquis", erlebte mit der Peitsche einen "Abgrund von Lust und Leidenschaft". In der Askese und in der Libertinage diente die Peitsche nicht der Züchtigung, sondern der Erregung. Die erotischen und spirituellen Leidenschaften sollten nicht gezähmt, sondern genussvoll gesteigert werden. Im Ritual der Geißelung, vollzogen mit den unterschiedlichsten Instrumenten und in einer theatralischen Inszenierung, sollte die "Grenze des Sagbaren" überschritten werden. Was sich, der akribischen Darstellung des Autors folgend, aber sagen lässt, orientiert sich chronologisch an der Flagellationsliteratur. Seit den Anfängen der Kirche wurde die Geißelung als Strafe für Vergehen gegen die Ordensregeln angewandt, basierend auf der jüdischen, spätantiken und frühchristlichen Rechtspraxis. Die Formen der Züchtigung wurden dem römischen Strafrecht und verschiedenen Stellen des Alten Testaments entnommen. Die Strafprozeduren waren keine spontanen Gesten der Rache und Strafe, sondern streng ritualisierte Formen. Auch Laien wurden für Wahrsagerei, Blasphemie, Bigamie z. B. mit der Peitsche gestraft. Im 11. Jahrhundert verbreitete sich dann, ausgehend von Italien, die Selbstgeißelung; ein Jahrhundert später fanden Geißlerprozessionen fast überall in Mitteleuropa statt.

"Priester und Graf, Ritter und Knecht nehmen daran teil", heißt es in einer Chronik, auch Schwindler, Gauner, Verrückte und Frauen. Wirtschaftliche Unsicherheit und Epidemien mögen das Motiv gewesen sein. Der zürnende Gott sollte durch die Geißelhiebe und mit der Hilfe Marias versöhnt werden. In den Texten über die Geißlerbewegungen wurde ihr sozialer Erfolg betont. Feinde hätten sich versöhnt, Familien hätten untereinander Frieden geschlossen, Gestohlenes sei zurückgegeben worden - was da stattfand, war so etwas wie eine "sozialutopische Katharsis", Bußbewegung als Friedensbewegung.

Die Kirche verfolgte dieses Treiben mit Misstrauen und versuchte mit ausgeklügelten Argumenten zu verhindern, dass Prozessionstheater und Selbstflagellation das von ihr kontrollierte Bußritual ersetzten. Das Überschreiten des eng umgrenzten Bereichs der Kirche, das Herumziehen in der Fremde und die Gesten der Versöhnung galten als subversiv, sie lösten den einzelnen aus seiner sozialen und institutionellen Einbettung. Der Asket hingegen ist allein mit seinem Gott; Gott ist sein einziger Zuschauer bei einem Ritual, zu dem oft auch der Betrachter gehört. Die Askese galt als der ideale Ausdruck der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Je bitterer der Schmerz ist, umso wertvoller ist er als Opfergabe, die schwersten Entbehrungen sind ein begehrenswerter Genuss. Ein Jesuit formulierte im 17. Jahrhundert eher sachlich: "Der Geist der Abtötung durch Gebet, Fasten, körperliche Askese" sei wie "ein Architekt, der ein neues Fundament legt und ein neues Haus erstehen lässt." Die Geißelung als härteste Form der Askese sollte die Leiden Christi imitieren und somit die reale Unmittelbarkeit zum leidenden Gott herstellen. Am Anfang des Kampfes gegen die Versuchung steht ein Abstieg: das Bekenntnis, der Sünde verfallen zu sein; Begehren, Leidenschaften und Ängste werden durch die christliche Bilderwelt geweckt und intensiv erfahren, um dann überwunden zu werden.

Die Protestanten polemisierten gegen diese "Imaginationskultur", in der die Sünde nochmals erlebt wird. Mit der Sittenwidrigkeit sollte auch die Phantasie ausgetrieben werden; der Christ habe sich in seiner Selbsterkenntnis schlechthin als Sünder zu definieren, das Sakrament der Buße und Beichte gehöre abgeschafft - und damit auch der Priester, der mit seinen Fragen das Verborgene erst zum Leben erweckt. Der Priester, der sein Ohr leiht, wird zum Verführer der Tochter und Ehefrau im Namen einer unkontrollierten Bilderwelt, zum Protagonisten libertiner Subversion der Lebensordnung. Das Bekennen der Sünde gegenüber einem Priester entfremde die Frau vom Mann, vom bürgerlichen Hausvorstand. Greift er zur Peitsche, wird der "Agent aller schlummernden Leidenschaften" gar zum Satyr im Dienste Gottes. Der Marquis de Sade schließlich erhob die permanente Erregung der Leidenschaft zum Lebensprinzip jenseits aller Moral und Religiosität, doch die von ihm - oft mit beklemmender Monotonie - beschworenen atheistischen, gar blasphemischen Rituale hatten die Intensität mystischer Gotteserfahrung.

Harmlos erscheint der Umgang mit der Peitsche in medizinischen Texten. Darin heißt es, dass die Geißelung das Gleichgewicht der Säfte im Körper wiederherstelle. Schläge seien angebracht, wenn den Rasenden ihre Vernunft wiedergegeben oder erotische Melancholie, die Reaktion auf unerwiderte Liebe, geheilt werden soll. Das Geißeln der Geschlechtsteile mit frischen Nesseln hatte zum Ziel, Blut und Lebenswärme dorthin zu leiten. Grundsätzlich hatte man nichts gegen Schläge für den Ehemann, der seinen Pflichten nicht nachkam: Lust und Begierde werden nur Ehepartnern zugestanden, ganz im lutherischen Sinne: "In der Woche zwier schadet weder ihm noch ihr."

Vor diesem Hintergrund gilt Flagellation schlechthin als pathologisches Verhalten. Die Rituale, kritisch auch Komödien oder Schauspiele genannt, würden über die Erfüllung im Koitus hinausweisen und eine seelische Befriedigung durch masochistische Gelüste gewähren. Die Geißelung sei eine frivole, letztlich rein körperliche Lust und heidnische Idolatrie, die irdische Bildlichkeit für das Göttliche nimmt. Seit dem 19. Jahrhundert sprechen Psychologen und Mediziner, mit dem Blick der aufgeklärten Analyse, von "verdrängter sexueller Begierde" und "hysterischer Überspanntheit" vor allem der Nonnen.

Der Autor selbst distanziert sich von den Deutungen der Geißellust als sexueller Pathologie. Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Quellen würden "gerade keinen Bezug herstellen zwischen dem, was die Geißelung an Körper und Seele bewirkt, und dem, was man heute als Sexualität bezeichnet". Bei der freiwilligen Geißelung und den Texten, die davon handeln, würde ekstatische Erfahrung im Zentrum stehen, "durch die die Imagination - in der Gotteserfahrung oder im Rausch der Sinne - absolute Freiheit erlangt und die Endlichkeit des Realen transzendiert. Dies ist der religiösen Mystik ebenso Programm wie der Philosophie de Sades." Die heutige Befreiung der Sexualität hätte dagegen eine disziplinierte erotische Erregung zur Voraussetzung. Eine an der Ehe orientierte Bio- und Psychopolitik hätte über die Verführungsmacht der in der Flagellation entfesselten Bilder gesiegt. Freiheit und Autonomie läge nicht in einer entfesselten Imagination, sondern im vernünftigen Umgang mit dem Natürlichen.

Niklaus Largier ist Professor für Deutsche Literatur und Ideengeschichte der Frühen Neuzeit und des Mittelalters. Ausdrücklich geht es ihm nicht um "psychohistorische" Erläuterung der Geißelung, nicht um die Frage, "woraus sich der Wunsch nach der Peitsche speist", sondern um die "Formen der Ritualisierung", die "Inszenierung des Körpers" - genauer: "um die Diskurse, in denen die Flagellation abgehandelt wird." Die "sexuelle Psychopathologie, wie sie sich im 19.Jahrhundert entwickelt und in den Formen der Psychoanalyse im 20. Jahrhundert etabliert" stelle nur einen Blickwinkel dar, sei eine "historisch bestimmte Textsorte unter anderen".

Flagellation und Perversion

Doch angesichts der spitzfindigen Interpretationen der Geißelung, die das Phänomen selbst unangetastet lassen, sucht der psychoanalytische Blick einen Zugang zu einem ansonsten befremdlichen Geschehen. Selbst wenn die Deutungen der Flagellation als Perversion, als überspannter Hysterie polemisch sein mögen, kann man hinter die psychoanalytischen Deutungsversuche kaum mehr zurückgehen und sie als eine historisch bestimmte Textsorte unter anderen abhaken, wissenschaftlich unaufgeregt das Unsagbare umkreisend, immer wieder von der "Erregung durch die Bilder" oder "spiritueller Transformation" sprechen, ohne die Praktiken in der Beichte, im religiösen Ritual der Flagellation und in der erotischen Geißelung in Frage zu stellen.

So selbstverständlich ist der "Hieb mit der Peitsche" nicht - ausgeteilt wird er noch immer. Mit der Peitsche wird religiöse und ideologische Macht demonstriert, über martialische sexuelle Praktiken wird freizügig palavert. Friedrich Nietzsche schrieb: "Es gibt einen Trotz gegen sich selbst, zu dessen sublimiertesten Äußerungen manche Formen der Askese gehören." Und: "Dieser Trotz gegen sich selbst ist ein naher Verwandter der Herrschsucht und gibt auch dem Einsamen noch ein Gefühl vom Macht."

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