Zeitung Heute : Im großen Klimaspiel werden fast alle verlieren

HANS-JOACHIM SCHELLNHUBER

Wissenschaftliche Urteile werden zumeist nicht im Zustand völliger Gewißheit gefällt. Auch der Indizienprozeß ums Klima, bei dem die moderne Industriegesellschaft der fortschreitenden Verfälschung dieser wichtigsten aller Umweltbedingungen angeklagt ist, kann durchaus Justizirrtümer hervorbringen. Das Fatale an der Situation ist der Umstand, daß erst der Vollzug der Tat unter den Augen der Öffentlichkeit absolute Sicherheit bringen würde. Aber für diese Demonstration müßte das Ableben des Opfers billigend in Kauf genommen werden. Deshalb werden bei der Verhandlung Sachverständige hinzugezogen. Sie sollen Prognosen über die vermutliche Entwicklung der Opfer-Täter-Beziehung abgeben.

In Sachen Klima sind diese Sachverständigen nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Silizium und Metall. Wir sprechen von den elektronischen Höchstleistungsrechnern der einschlägigen Forschungszentren. Mit unvorstellbaren Kalkulationsgeschwindigkeiten simulieren sie virtuelle Klimarealitäten der Zukunft. Die dafür erforderlichen Programme werden aus Modellen des komplexen Klimasystems erzeugt, zu dem unter anderem die Eisschilde an den Polen und die Vegetationsdecken der Kontinente gehören. Diese Modelle stellen eine bunte Mischung aus physikalisch-chemischen Grundgesetzen und groben Näherungsbeschreibungen für bisher kaum verstandene Teilprozesse dar. Sie sind also (noch) mit zahlreichen Mängeln behaftet; dennoch repräsentieren sie die Summe unseres heutigen Wissens über das Klimageschehen in der bestmöglichen Weise.

Und selbst die heutige Prognosesicherheit ist bereits zu groß, um das Unterlassen von klimapolitischen Maßnahmen weiterhin als verantwortungsbewußtes Warten auf entscheidende Erkenntnisse kaschieren zu können. Ganz im Gegenteil dürfte fast allen Akteuren im großen Klimaspiel klar sein, daß die Atmosphärendynamik durch den zivilisatorischen Impuls bereits aus der natürlichen Bahn geworfen worden ist.

Durch den Verbrauch von fossilen Energieträgern wie Öl oder Erdgas werden inzwischen jährlich über 20 Tonnen Kohlendioxid in die Luft geblasen. Hinzu kommen Milliarden Tonnen von ähnlich wirkenden "Treibhausgasen" aus Landwirtschaft, Chemieproduktion oder Müllmanagement. All diese Gase verdienen sich ihren Namen durch die verblüffende Fähigkeit, die von der Erdoberfläche ins kalte Weltall strebende Wärmestrahlung wieder zum Boden zurückzuwerfen und damit ein aufgeheiztes Treibhausklima für den ganzen Planeten zu erzeugen.

Das "Experiment" hat bereits beachtliche Reaktionen ausgelöst: Seit den 80er Jahren purzeln die Temperaturrekorde rund um den Globus, und der Haushalt der Natur scheint in vielen Bereichen gründlich durcheinander geraten. Der dadurch provozierte Ausflug in eine neue Umwelt kann nicht mehr gestoppt, sondern bestenfalls noch in akzeptablen Grenzen gehalten werden. Denn das gekoppelte Atmosphäre-Ozean-Vegetations-System ist eigentlich außerordentlich träge, ja nachgerade "gutmütig". Einmal in Bewegung geraten, wird es sich jedoch im Verlauf der nächsten 1000 (!) Jahre in ein neues Gleichgewicht zurechtrütteln.

So gesehen ist "die Gegenwart der Zukunft" nirgendwo greifbarer als beim menschgemachten Klimawandel. Wir wissen mit großer Wahrscheinlichkeit, was auf uns zukommt. Wir unternehmen allerdings nichts Erfolgversprechendes dagegen, weil das Problem erst in 30 bis 50 Jahren dramatische Züge annehmen wird und weil die populistische Staatskunst des ausgehenden Milleniums offenbar nicht mehr die Kraft für Langfriststrategien aufzubringen vermag!

Dies erinnert mich an ein Sujet, das in den Geschichten von "Tausendundeiner Nacht" immer wieder vorkommt: Der Held des Geschehens erfährt auf übernatürliche Weise, wann und wie er dereinst zu Tode kommen wird. Ausgestattet mit dieser Information unternimmt er mancherlei, um dieses Schicksal abzuwenden. Aber er tut es so halbherzig und töricht, daß er am Schluß genau den vorherbestimmten Tod stirbt . . .

Doch wie wird denn nun das Schicksal von Natur und Zivilisation in einer deutlich wärmeren Welt aussehen? Ich will versuchen, auf diese Frage keine Alibiantwort zu geben, sondern tatsächlich eine Reihe von nicht unplausiblen Erwartungen benennen. Dabei ist es sinnvoll, zwischen zwei Arten von Effekten zu unterscheiden, nämlich stetig sich entfaltenden Klimawirkungen einerseits und sprunghaften Konsequenzen des Klimawandels andererseits.

Mit aufwendigen Computersimulationen auf der Grundlage interdisziplinärer Modelle lassen sich Auswirkungen der ersten Kategorie leidlich abschätzen, insbesondere für die wichtigen Bereiche Ökosysteme, Wasserwirtschaft, Landwirtschaft, menschliche Gesundheit und Küstenmanagement. So findet man beispielsweise, daß eine Fortsetzung des heutigen Erwärmungstrends einen tiefgreifenden Umbau der Landvegetation und der marinen Lebenswelt zeitigen wird. Bestandsgrenzen von Baumarten werden ebenso zu wandern beginnen wie wärme- beziehungsweise kälteliebende Tierarten - falls für diesen globalen Flüchtlingszug überhaupt Migrationskorridore (zum Beispiel über die Alpen) zur Verfügung stehen.

Außerordentlich zweifelhaft ist, ob die Korallengärten rund um den Äquator fortbestehen können, da ihr Überleben bereits durch die Temperaturschwankungen im Verlauf eines gewöhnlichen El Niño-Ereignisses stark gefährdet ist. Die Konsequenzen einer solchen Entwicklung - in Verbindung mit dem Anstieg der Meeresspiegel infolge wärmebedingter Ausdehnung - für die Stabilität vieler Küstenlinien sind nicht abzusehen.

Auf die Kontinente der Erde wird insgesamt mehr Regen fallen, denn die Verdunstung aus den subtropischen Meeren nimmt mit dem Temperaturanstieg zu. Dies kann sich für bisherige Dürregebiete als segensreich erweisen, in vielen Regionen wird es dagegen zu deutlich erhöhten Überschwemmungsrisiken kommen: Schließlich haben sich die Flüsse ihr Bett unter jahrtausendelang recht stabilen Niederschlagsbedingungen gegraben. Und unser gesamtes Hochwasserschutzsystem orientiert sich am Status Quo. Es ist ja die Änderung der Klimabedingungen schlechthin, die einen ungeheuren Anpassungsdruck auf die meisten Sektoren und Systeme aufbauen und exorbitante Kosten verursachen wird.

Alle seriösen Studien weisen darauf hin, daß sich die landwirtschaftliche Gesamtproduktion auf dem Globus mit dem Klimawandel erhöhen ließe. In dieses Kalkül geht als entscheidender Faktor die Tatsache ein, daß die Kohlendioxidemissionen der Zivilisation den Pflanzen mehr Nahrung für ihr photosynthetisches Wachstum liefern. Aber jene Studien zeigen auch, daß nur die Landwirtschaftsgiganten der heutigen Welt (also die USA, Kanada, die EU, die Ukraine etc.) von dieser Entwicklung profitieren werden, während die aktuellen agrarischen Notstandsländer (also Äthiopien, Burkina Faso, Pakistan, Nordostbrasilien und andere) zusätzliche empfindliche Einbußen bei der Lebensmittelproduktion erleiden müssen. Mit anderen Worten, die Nord-Süd-Schere öffnet sich noch weiter.

Weniger verheißungsvoll für die wohlhabenden Industrieländer sind die Perspektiven für die Gesundheitsverhältnisse in einer deutlich wärmeren Welt. Die Ausbreitung von tropischen Krankheiten ist gewissermaßen beschlossene Sache. Beispielsweise wird sich der globale Flächenanteil der malariagefährdeten Gebiete von gegenwärtig 45 Prozent auf über 60 Prozent erhöhen. Ob die durch den Klimawandel mobilisierten tropischen Ökosysteme außer AIDS noch weitere mikroorganismische Überraschungen bereithalten, ist Gegenstand aufkeimender Spekulationen.

Dieses überwiegend düstere Gemälde der Welt im Treibhaus stimmt die Fachleute aber nicht wirklich melancholisch. Das Vertrauen in die menschliche Anpassungsfähigkeit ist - zu Recht - groß. Was uns Experten wirklich Sorgen bereitet, ist die Möglichkeit von abrupten und irreversiblen Ereignissen im Zuge des globalen Klimawandels, also die Existenz der zweiten Kategorie von Effekten.

Ein Beispiel: Die Kulturen in Süd- und Südostasien sind auf Gedeih und Verderb dem "Monsun" ausgeliefert, genauer der mit den Sommerwinden einsetzenden und zumeist sintflutartigen Regenszeit. Der Monsun schädigt und verdirbt und ertränkt; sein Ausbleiben aber ist eine Strafe der Götter, welche die Existenzgrundlage einer Agrargesellschaft zerbricht. Nun liefern die neuesten Modellrechnungen führender Wissenschaftlergruppen Hinweise darauf, daß sich die gesamte Monsundynamik im Verlaufe des menschgemachten Klimawandels in ihrem Charakter verändern könnte. Insbesondere wäre es möglich, daß sich extreme Schwankungen in Stärke und Verteilung dieser jährlichen Sintflut ausformen werden. Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen wären dramatisch.

Diese Monsunprognose ist eine Illustration der drastischen Umbrüche in der globalen Umwelt, welche ein ungebremster zivilisatorischer Umbau der Erdatmosphäre provozieren könnte. Ein weiteres Beispiel wird gegenwärtig in wissenschaftlichen Zirkeln ebenso wie in den Medien intensiv erörtert, nämlich die Möglichkeit einer durchgreifenden Transformation der ozeanischen Strömungsverhältnisse infolge der industriell provozierten Klimaveränderung, welcher unter anderem der für Nordwesteuropa segensreiche Golfstrom zum Opfer fallen würde. Die Wahrscheinlichkeit, daß einige dieser "Special Effects" von der Natur schlußendlich auch realisiert werden, ist leider allzu hoch.

So betrachtet ist das Klimaspiel der Menschheit wie "Amerikanisches Roulette". Diese verschärfte Form der gesellschaftlichen Unterhaltung, bei der die Mitwirkenden die Trommel eines Revolvers rotieren lassen, in der nur eine Kugel fehlt, und sich anschließend den Lauf an die Schläfe setzen, stammt aus irgendeinem (ziemlich schlechten) B-Movie. Der Held des Films hat übrigens Glück im Unglück; er überlebt das Spiel mit einem dauerhaften Gehirnschaden.

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