Zeitung Heute : Im großen Strom

Berlin ist experimentierfreudig – und elektromobile Hauptstadt.

Clean Mobility. Die Spielarten der umwelt- und ressourcenschonenden Fortbewegung lassen sich in Berlin wie in einem Labor beobachten und unter Alltagsbedingungen erforschen. Foto: Emo Berlin/www.kaystrasser.de
Clean Mobility. Die Spielarten der umwelt- und ressourcenschonenden Fortbewegung lassen sich in Berlin wie in einem Labor...

Verglichen mit Peking oder Schanghai ist die Berliner Luft so sauber wie in einem heilklimatischen Kurort. Doch auch ohne Super-Smog kämpft die deutsche Hauptstadt mit großen Verkehrsströmen und entsprechenden Umweltbelastungen. Einen Bestand von gut 2,9 Millionen Kraftfahrzeugen zählt die Stadt, rund die Hälfte aller Berliner Haushalte hat einen eigenen Wagen. Zum Parken benötigen die zugelassenen Kraftfahrzeuge die Fläche von 1740 Fußballfeldern, hat die Senatsverwaltung ausgerechnet. Stoßstange an Stoßstange aneinandergereiht würden die Autos eine Schlange von 7100 Kilometern ergeben.

So beeindruckend – oder beängstigend – die Zahlen klingen: Berlin weicht als größte deutsche Metropole beim Verkehrsmix von der Norm ab. Die Motorisierung der Bevölkerung ist mit gut 324 Pkw pro 1000 Einwohner (2009) die niedrigste aller deutschen Großstädte. Und der Kfz-Verkehr nimmt, auch dank des gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehrs, seit 2000 statistisch gesehen sogar ab.

Stattdessen gewinnen innovative Mobilitätsformen wie Carsharing und Elektromobilität an Bedeutung. Auch sind immer mehr Berlinerinnen und Berliner mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs. Clean Mobility, die Spielarten der umwelt- und ressourcenschonenden Fortbewegung, lassen sich in Berlin wie in einem Labor beobachten und unter Alltagsbedingungen erforschen. Zahlreiche Unternehmen und Forschungseinrichtungen beschäftigen sich mit dem Thema.

Nicht zufällig zählt die Verkehrswirtschaft deshalb auch zu den Branchen, die der Senat für besonders förderungswürdig hält. Im Cluster Verkehr, Mobilität und Logistik arbeiten 15 000 Unternehmen (darunter Siemens, BMW, Daimler, Bombardier, Deutsche Bahn) mit 164 000 Mitarbeitern. Hinzu kommen 100 Forschungseinrichtungen. Insgesamt wird im Cluster ein Umsatz von jährlich rund 24 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Als internationales Schaufenster der Elektromobilität genießt die Region Berlin-Brandenburg größte Aufmerksamkeit. Dies unterstrich die Bundesregierung auch Ende Mai bei ihrer Internationalen Regierungskonferenz Elektromobilität im Kongresszentrum am Alexanderplatz. Nach Angaben der Berliner Agentur für Elektromobilität (Emo) arbeiten rund 130 Unternehmen aus der Hauptstadtregion im Bereich Elektromobilität – von B wie Bosch über I wie IAV bis V wie Vattenfall. Rund 1200 E-Autos sind in der Stadt unterwegs, etwa ein Viertel der 2000 Carsharing-Fahrzeuge fährt elektrisch. Gerade hat BMW 40 elektrische Active E-Modelle in seiner Carsharing-Flotte Drive-Now ans Netz gebracht. Das Netz der 220 öffentlich zugänglichen Ladepunkten soll bis 2015 auf 800 ausgebaut werden.

Doch das Schaufenster ist auch ein Beispiel dafür, wie abhängig die Stadt von den Initiativen der Industrie und vor allem den öffentlichen Finanzierungsquellen ist. Die rund 150 Berliner E-Mobility- Projekte in einem Gesamtvolumen von 100 Millionen Euro werden anteilig finanziert: 20 Millionen Euro kommen von den Ländern Berlin und Brandenburg, 40 Millionen von der Industrie und 40 Millionen soll der Bund beisteuern. Dieser bedient sich beim Energie- und Klimafonds (EKF). Doch weil der Fonds weniger aus dem Zertifikatehandel einnimmt als geplant, musste die Regierung etliche Finanzierungszusagen für Projekte der Energiewende zurücknehmen. Auch die Förderung der bundesweit vier Schaufenster der Elektromobilität und andere Vorhaben in diesem Bereich drohte zu platzen. Am Ende blieb das Budget von 426 Millionen Euro unangetastet – nach einer langen Hängepartie für die kleinen und mittelständischen Firmen sowie Forschungseinrichtungen, denen keine Förderbescheide ausgestellt werden konnten.

Emo-Chef Gernot Lobenberg spricht von einer „schwierigen Situation“. Zwar sollen im Verlauf des Juni die letzten Bescheide erteilt werden. Damit wären die 30 Kernprojekte mit mehr als 100 Partnern finanziert. Doch die Verzögerung von einem Vierteljahr brachte einige Forschungsvorhaben bereits in Existenznöte. „Einige Mitarbeiter mussten entlassen werden, es gab Unmut und Probleme“, sagt Lobenberg.

So ist das Berliner Schaufenster, dessen hochtrabendes Ziel die „Demonstration, Erprobung und Weiterentwicklung neuer Technologien für die Mobilität der Zukunft“ ist, bislang noch recht leer geblieben. Begonnen hat zum Beispiel die Erprobung eines neuen E-City-Logistik- Systems mit leichten, elektrisch betriebenen Nutzfahrzeugen. Oder die Entwicklung und Demonstration von Schnellladestationen. Die Wertschöpfungskette vom Windrad auf dem Dach bis zur Stromtankstelle im Hinterhof im Rahmen eines intelligenten Stromnetzes (Micro Smart Grids) kann man auf dem Campus des Europäischen Energieforums (Euref) am Schöneberger Gasometer studieren.

Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU), die sich im März bei einer „100 000-Volt-Tour“ ein Bild von den Berliner Aktivitäten im Bereich der Clean Mobility machte, wirbt mit dem Thema für den Innovationsstandort. Mit Blick auf die Arbeit des Continental-Werks für Elektromotoren in Moabit, wo fast 100 E-Motoren ge baut werden, sagte sie: „Wir wollen, dass das Neue, das in die Welt kommt, aus Berlin kommt.“ Als experimentierfreudige Metropole hat Berlin gute Voraussetzungen. „Hier kann sich keiner im Wolkenkuckucksheim verstecken und sagen: Ich bleibe unangetastet“, sagte Yzer im Tagesspiegel-Interview. Henrik Mortsiefer

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