Zeitung Heute : Im Handumdrehen

Es war die Geste, auf die Berlin so lange gewartet hat: Präsident Bush reicht Kanzler Schröder die Hand. Doch im Zentrum des Nato-Gipfels stand die Aufnahme Osteuropas. Und so war er vor allem ein Triumph der USA.

Robert von Rimscha[Prag]

Gerhard Schröder lächelte, als er um 8 Uhr 49 am Donnerstagmorgen die Worte „Good Morning, Mr. President!“ sagte und dazu beherzt die Hand ausstreckte. Nur war der Mann, der ihm auf dem blauen Nato-Teppich gegenüberstand, nicht George W. Bush. Es war der Gastgeber, Vaclav Havel. Weil der amerikanische Präsident – er kam um 9 Uhr 08 – aber erst „lovely!“ sagte und dann ebenfalls Havel die Hand reichte, hatte es eine Art indirekter Entspannung gegeben: Schröder und Bush schüttelten innerhalb von nur 19 Minuten dieselbe tschechische Hand.

Zunächst sah es so aus, als sei das der einzig medial verwertbare Akt der deutsch- amerikanischen Wiederannäherung. Denn am Mittwochabend auf dem Hradschin, war es beim festlichen Dinner zwar zu jenem Handschlags gekommen, dem Berlin seit Wochen entgegenfiebert – nur leider war da keine einzige Kamera dabei. Erst am nächsten Tag, bei der Aufnahme des Familienfotos der Staatsoberhäupter, gelang Schröder ein für alle sichtbarer Handschlag vor den Kameras der Welt. Und ein bisschen hatte man den Eindruck, der Kanzler habe da womöglich nachgeholfen: Bei der Aufstellung zum Foto zwängte er sich hinter Bushs Rücken vorbei, stupste ihn an, woraufhin ihm Bush die Hand reicht. Aufatmen ist jetzt angesagt, Amerika hat Deutschland nicht verstoßen.

Champagner für alle

Doch nun zum Wesentlichen. Die Nato gipfelt in Prag. Über Bush und Schröder und den anderen Staatschefs ragt ein rotes Herz in den bitterkalten Himmel. Drei Stockwerke hoch leuchtet es vom Hradschin hinab auf die Stadt, das Erbe der roten Fahnen, die hier früher hingen. Doch das rote Herz ist nur ein Umriss aus Licht. So geht es dem Herz wie der Nato. Jeder sieht darin, was er sehen möchte. Make Peace, not War? Oder steht die Nato für eine politische Allianz statt einer militärischen? Ist sie durch die zweite Osterweiterung geschwächt – oder gestärkt? Bereit zum entschlossenen Kampf gegen den Terror – oder bestenfalls ein Club-Haus, aus dem sich Amerika als der heimliche Eigentümer ausleiht, was es gerade braucht?

Es ist nicht so, dass sich die Europäer der Herausforderung des Anti-Terror-Kampfes und des möglichen Krieges gegen den Irak verschließen. Unter dem roten Herz rast einer der Delegationsbusse von einem Palais ins nächste, ein weiterer Gala-Empfang steht an. Ein wichtiger Deutscher, der mit den Beziehungen zu Washington betraute Karsten Voigt, denkt laut darüber nach, ob man Jürgen W. Möllemann nicht für den Post-Saddam-Irak zum UN-Verwalter in Bagdad bestellen könne – aber nur, wenn er es auf Lebenszeit mache.

Das war nur ein Scherz. Und soll nicht bedeuten, dass die Deutschen kleinliche Sorgen hätten, die Amerikaner aber die wahren. Die ganz große Sorge, die die in Prag Versammelten umtreibt, hat auch etwas mit einem Handschlag zu tun. Zum Abschied aus seinem Präsidentenamt hat Havel den Mit-Europäern und den Amerikanern gesagt, wir lebten in einer „Zeit der ernsthaften Prüfungen“. Der Westen solle sich nicht als „Wächter der Wahrheit“ aufführen, der den „Barbaren, Heiden, fehlgeleiteten Kreaturen oder Wilden“ im Rest der Welt überlegen sei. Die Nato solle sich verbal zurücknehmen und sich zu einer „gewissen Wahrnehmung“ von Werten bekennen, die universell seien. Klarer, wenn auch weniger poetisch, sagt es der britische Historiker Timothy Garton Ash wenige Stunden später: „Die große gemeinsame Aufgabe besteht darin, dem Islam die Hand zu reichen.“ Das wäre ein Handschlag der wirklich zählt.

Das wäre die ganz, ganz große Herausforderung. Einen „Transformationsgipfel“ nennt die Nato ihre Zusammenkunft. Die Transformation hat viele Gesichter, auch kleine, auch interne. Lettlands Präsidentin schwebt bestens gelaunt durch prunkvolle Empfangssäle und verspricht allen ihren Mitarbeitern für die Nacht zum Freitag Champagner bis zum Umfallen. Es gilt, den Beitritt zu feiern. Aber nicht nur den. Lettland plant noch anderes für die Zukunft. Da Havel bald aus dem Amt scheidet, brauchen die Ost-Europäer ein neues intellektuelles Schwergewicht unter ihren Staatschefs. Die Letten glauben, ihre Präsidentin könne diese Rolle übernehmen.

„Die Folgen des 11. Septembers sind keine Theorie“, sagt der tschechische Premierminister in einen der Säle hinein. Bulgarien und Rumänien gelten vielen als die eigentlichen Profiteure des Anschlags auf das World Trade Center. Aus geostrategischen Gründen will Amerika beide in der Nato haben. Es gilt, das Schwarze Meer zu umarmen. Auf dessen Ostseite liegen Georgien und Aserbaidschan. Zbigniew Brzezinski, einst wichtigster Präsidentenberater in Washington und noch immer ein führender Stratege, sieht beide künftig in der Nato.

Vielen Europäern ist das zuviel der Umarmung. Doch so richtig offen will niemand widersprechen. Bei den Essen allerdings, wenn Achterrunden im Zofin-Palast die Weltlage zu erhellen versuchen, gestehen selbst Vertreter aus Bulgarien und Rumänien ein, dass man politisch längst nicht so weit sei wie die Balten. Doch alle sind nun im Club. Auch, weil nach dem 11. September niemand so richtig den Amerikanern widersprechen möchte.

Deren Sieg ist der „Big Bang“, die Erweiterung um sieben Staaten. Wenn Deutschland Prag als Sieg begreifen möchte, muss weiter ausgeholt werden. Klaus Naumann, einst der höchste Militär der Nato, sitzt in einem anderen Palais, dem Waldstein-Palast, und erinnert an den Prager Fenstersturz, mit dem der Dreißigjährige Krieg begann. Die Deutschen hätten 250 Jahre gebraucht, um sich danach zu einen. Für Europa aber, so beschreibt es Naumann, begann in Prag eine fast 400-jährige Phase immer neuer Kriege, die mit den „drei großen Kriegen“ des 20. Jahrhunderts endete, den beiden Weltkriegen und dem Kalten Krieg. Und jetzt steht Prag dafür, dass von Europa nie wieder ein Krieg ausgeht.

„Ganz frei und in Frieden“ sei Europa, sagt der US-Präsident in den Sitzungssaal, langsam, um Nachdruck und Eindringlichkeit bemüht. Die Erweiterung ist seine Erweiterung. Die 21000 Mann starke Eingreiftruppe ist Amerikas Forderung. Die verpflichtende Steigerung der militärischen Effizienz, PCC (Prague Capabilities Committment) heißt das Kürzel dafür, ist Washingtons Drängen geschuldet.

Und die Deutschen? Die Letzten, die widersprechen würden. US-Vertreter erzählen spät abends mit gesenktem Kopf und einem verzweifelt-amüsierten Ton, der ebenso belustigt wie entsetzt klingt, dass Kanzler Schröder Präsident Bush doch tatsächlich habe übermitteln lassen, man möge ihm doch dankbar sein für seinen Irak-Feldzug im bundesrepublikanischen Wahlkampf. Immerhin habe er, Schröder, damit doch der PDS den Garaus gemacht. Ein finaler Triumph über den Post-Kommunismus, sei das etwa nichts und etwa nicht im Sinne Bushs?

In Prag ist jedenfalls außerhalb der deutschen Delegation niemand zu finden, der nicht glaubt, dass Berlin sich letzten Endes an einem Irak-Krieg beteiligen werde. Nein, nicht mit Spezialtruppen im Häuserkampf gegen die Republikanischen Garden Saddams, wenn es denn dazu kommt. Aber danach. Beim Aufräumen. Beim Wiederaufbau. Das ist der Bündnistreue-Test, den Amerika durchzieht. Ein Teil davon ist die Anfrage der USA an 50 Staaten, was sie in Sachen Irak beizutragen bereit sind.

Das „R-Wort“

Für den Treuetest gibt es einen Begriff. Es gehe um das „R-Wort“, sagen die Amerikaner. R wie Reliability, Verlässlichkeit. Als R-Beweis reicht jedenfalls kein Foto. Im Gegenteil: „Je mehr geschwiegen wird, desto leichter gibt’s den deutschen Beitrag“, sagt einer aus der US-Delegation. Längst beteiligt sich die Bundeswehr höchst aktiv an der logistischen Vorbereitung eines Krieges, an der Verlegung amerikanischer Truppen. Doch jetzt etwas an die große Glocke zu hängen, das wäre kontraproduktiv.

Wie leicht man die realen Verhältnisse unterschätzen kann, demonstrierte Jacques Chirac. Der Franzose, der seine Bedeutung gern dadurch anzeigt, dass er als Letzter kommt, betrat den blauen Nato-Teppich vier Minuten nach Bush. Gleich vor der Tür blieb Chirac stehen, um sich dem Volk und den Kameras zuzuwenden. Er winkte kurz, ehe er merkte, dass da niemand war. Für die Nato gilt nach Prag, dass die Europäer sich vorsehen müssen. Sonst laufen alle ihre nett gemeinten Gesten ins Leere. Handschlag hin oder her.

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