Zeitung Heute : Im Hass vereint

Anhänger des Schahs besetzten Lufthansa-Maschine. Militante Exilgruppen kämpfen mit allen Mitteln gegen das Regime in Iran

Martin Gehlen

60 iranische Monarchisten haben in Brüssel 16 Stunden lang ein Flugzeug der Lufthansa besetzt. Was sind ihre politischen Ziele? Welche anderen militanten iranischen Exilgruppen gibt es? Und wie groß ist deren Einfluss in Iran?

Um 4 Uhr 30 war alles vorbei. Nach einem Ultimatum der belgischen Polizei verließen die 60 aus Iran stammenden Passagiere schließlich Freitag früh auf dem Brüsseler Flughafen die Lufthansa-Maschine, die sie nach der Landung in ihre Gewalt gebracht hatten. 16 Stunden lang hatte sich die Gruppe geweigert auszusteigen. Und ihr Sprecher hatte zunächst mit pathetischen Worten erklärt, die Demonstranten an Bord seien in einen Hungerstreik getreten: „Wir werden hier nicht weggehen, bis wir sterben und sie unsere Leichen aus dem Flugzeug tragen.“ Die Mitglieder seiner Gruppe seien Anhänger der Monarchie und sie kämpften für den Sturz des Mullah-Regimes in ihrer Heimat.

Diese skurile wie spektakuläre Aktion wirft erneut ein Schlaglicht auf das Treiben der zahllosen militanten exiliranischen Gruppierungen. Im Warteraum des Brüsseler Flughafens gab sich ein junger Iraner namens „Ramin“ als Vertreter der Demonstranten aus, die fast alle Pässe europäischer Staaten haben. Er sagte, die Aktion sei seit fünf Monaten in London vorbereitet worden. Man fordere die Europäische Union, die USA und Russland auf, ihre Gespräche mit der Regierung in Teheran abzubrechen.

Die militante iranische Exilszene umfasst vier Hauptgruppen, die Monarchisten, die marxistisch-islamischen Volksmudschahedin, die iranischen Kurden sowie die iranische Sunniten. Unter den Monarchisten gibt es etwa 40 verschiedene Vereine, die untereinander heillos zerstritten sind. Sie agieren in der Regel ohne Gewalttaten. Ihre Zentralen sind in London und Washington, ohne dass sie in der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeit große Resonanz finden. Sprachrohre sind die in London erscheinenden Zeitungen „Kayhan“ und „Nimruz“. Die Monarchisten, die in Iran selbst nur eine winzige politische Anhängerschaft haben, kämpfen für die Wiederherstellung der Pahlawi-Dynastie und bemühen sich um die Rückkehr des Schah-Sohnes Resa Pahlawi an die Macht. Ein Teil von ihnen plädiert für eine konstitutionelle Monarchie mit Parlament. Ein anderet Teil strebt nach einer autoritär-autokratischen Schahherrschaft, die ihre Macht primär auf das Militär stützt.

Die so genannten Volksmudschahedin Iran (MEK) formen eine straff organisierte Kaderpartei. Sie gelten als die schlagkräftigste und militanteste Oppositionsgruppe. Durch ihre lautstarke und professionelle Propaganda gelingt es der MEK immer wieder, die Aufmerksamkeit der westlichen Medien auf sich zu ziehen. Einen beispiellosen Höhepunkt bildeten die Selbstverbrennungsaktionen in London, Paris, Rom und Bern im Juni 2003. Die Volksmudschahedin praktizieren einen totalitären Führerkult um Masoud Radjavi, den sie als Exil-Präsidenten bezeichnen. MEK-Anhänger treten in Europa und den USA auch als Anhänger des „Nationalen Widerstandsrates Iran“ (NWRI) in Erscheinung. Als demokratische Fassade haben sie 1993 ein so genanntes iranisches Exilparlament gegründet, welches 580 Mitglieder hat und alle drei Monate in Paris zusammenkommt.

Ziel der Volksmudschahedin ist ein autoritäres Ein-Parteien-System in Iran unter der Führung Radjavis und seiner Frau Marjam. Abgesehen von einigen Untergrundzellen haben sie jedoch keine nennenswerte Machtbasis im Lande. Ihre vom Irak aus operierenden Kommandos verübten zwar bis 2003 immer wieder Anschläge auf Kasernen, Revolutionsgarden, Polizeistationen und staatliche Einrichtungen. Doch nach dem Irakkrieg wurden die 5000 im Lager Aschaf stationierten Kämpfer von der US-Armee entwaffnet. Seit 2002 wird die MEK in den USA und in Europa als Terrororganisation eingestuft.

Die iranischen Kurden im Exil kämpfen für mehr Unabhängigkeit ihrer Volksgruppe innerhalb eines demokratischen und föderalen Iran. Ihre Partei, die Demokratische Partei Kurdistan-Iran, ist straff organisiert und hält außerhalb des Landes etwa 5000 Kämpfer unter Waffen. Der spektakulärste Zwischenfall ereignete sich 1992 in einem Hinterzimmer des Berliner Restaurants Mykonos. Dort erschossen von Iran beauftragte Killer vier kurdische Exilpolitiker. Die gefassten Täter wurden zu Haftstrafen verurteilt. Als Auftraggeber identifizierte das Berliner Kammergericht den damaligen Geheimdienstminister Ali Fallahian.

Die iranischen Sunniten im Exil wiederum kämpfen für eine Gleichstellung ihrer Glaubensrichtung mit den Schiiten. Sie setzen auf Gewalt und werden vor allem von fundamentalistischen Zirkeln in Saudi-Arabien und Pakistan unterstützt. Mitte der neunziger Jahre zündeten sie Bomben innerhalb des Iman-Resa-Mausoleums in der Pilgerstadt Maschad sowie in der Freitagsmoschee von Zahedan, bei denen 26 Menschen starben. Die meisten ihrer Anhänger leben in den kurdischen Gebieten im Nordwesten Irans.

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