Zeitung Heute : Im heißen Brei

Tradition ist recht, aber auch ein wenig lästig – der Politische Aschermittwoch der CSU

Robert Birnbaum[Passau]

Sieben Mann hoch sind sie gekommen, mit drei Fässchen Bier. Zehn Stunden sind sie mit der Bahn gefahren, am Dienstag, vom hohen Norden in den verschneiten Süden, das Bier haben sie ratzeleergetrunken, obwohl es für die Rückfahrt auch noch reichen sollte, und jetzt schiebt also der unter dem Jägerhut die Sackkarre mit den Fässchen vor die Frau Hotelwirtin und gebietet: „Das musstu nachfüllen!“ Die Wirtin lächelt beflissen. Die Herren kommen jedes Jahr im gleichen Zustand hier an. Und am nächsten Tag balgen sie sich wie jedes Jahr ganz früh in der Passauer Dreiländerhalle um die besten Plätze. Das Publikum beim Politischen Aschermittwoch der CSU hält auf Tradition. Der mit dem Jägerhut hat noch Franz Josef erlebt, darum ist er der Anführer. Die aus Peine sind sogar schon zum 30. Mal hier. Man sieht ihnen das überwiegend an.

Die CSU hält ebenfalls auf Tradition, aber lästig ist ihr die Folklore gelegentlich auch. „Eine schwierige Veranstaltung“, sagt einer, der sie mit organisiert. 8000 Leute im Saal wollen johlen und trampeln und Schilder hochhalten, auf denen „Hoch König Edmund“ steht und „Stoiber bleib stark“ oder auch „Christian Wulff – Kanzlerkandidat“. Der CSU-Spitze ist das als Kulisse schon recht. Aber: „Dies ist nicht die Fortsetzung des Fasching mit anderen Mitteln“, sagt der Staatsminister Erwin Huber gleich zu Anfang. Er meint es ernst hier. Sein Chef auch.

Es ist nämlich keineswegs ein dummer Versprecher gewesen, dass Edmund Stoiber dem Kanzler vor einer Woche auf dem Umweg über die Arbeitslosigkeit die NPD in die Schuhe geschoben hat. Es war eine kühl kalkulierte Provokation. In der CSU-Führung finden sie, die Rechnung sei prächtig aufgegangen. Reden nicht plötzlich wieder alle über die Arbeitslosigkeit, nachdem der Fünf-Millionen-Rekord eigentümlich unaufgeregt zur Kenntnis genommen worden ist? Haben Rote und Grüne nicht aufgejault vor Wut, weil sie mit der Arbeitslosigkeit und deren Folgen am liebsten gar nicht in Verbindung gebracht werden wollen? Hat nicht obendrein Gerhard Schröder herrlich unsouverän mit einer persönlichen Beleidigung reagiert?

„Ich habe es nicht nötig, auf billige Polemik einzugehen“, sagt Stoiber. Er empört sich viel an diesem Vormittag. Zum Beispiel über Alt-68er-Multikultis, die statt der deutschen Einheit lieber Mohammeds Geburtstag feiern wollten oder – großer Jubel! – über Außenminister Joschka Fischer, der nach Bayern kein Visum gekriegt habe. Auf der Internet-Seite der SPD und im Pressearchiv haben sie Belegstellen gesucht. „Das Wiedererstarken des Rechtsextremismus liegt vor allem in der Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt“, hat Schröder 1998 gesagt. „War das richtig, was Sie vor Jahren gesagt haben?“ fragt Stoiber den abwesenden Kanzler. „Dann war auch richtig, was ich gesagt habe.“

Zufrieden, sehr zufrieden sind sie in der CSU mit ihrem Chef. Dass viele in der großen Schwesterpartei CDU mal wieder nicht glücklich sind über den Poltergeist – nicht weil ihnen der Inhalt nicht passt, aber der Stil ist nördlich der Mainlinie halt ruhiger – was soll’s! „Wir gehen voran, und die werden schon nachkommen“, sagt einer aus der CSU-Spitze. Angela Merkel kommt bei Stoiber ein einziges Mal vor, mit beiläufigem Dank für gemeinsamen Einsatz gegen den EU-Beitritt der Türkei. Zufrieden, sehr zufrieden sind sie in der CSU mit ihrem Chef, wie er da auf einer Art blau-weißer Rednertorte im Publikum steht, mittendrin zum ersten Mal, sehr amerikanisch – eine Regie-Idee zwecks optischer Umsetzung des Parteimottos „Näher am Menschen“. Das glauben sie hier wirklich. Dass sie näher dran sind, und dass sie darum wissen, wie man’s macht. Warum kämen die aus Peine sonst seit 30 Jahren her?

„Nach diesem Jahr 2004 müssen wir wieder in die Offensive“, sagt einer der Maßgeblichen in der CSU. Dass darin das Eingeständnis steckt, dass die Union 2004 in die Defensive geraten ist – nun ja. Dass bayerische Daueroffensiven die Geschlossenheit mit der CDU trüben könnte, Grundbedingung für einen Wahlsieg 2006 – ach ja? Darüber, wie sich ein Wahlkampf überhaupt unfallfrei bewältigen lässt im schrägen Duett einer nüchtern-abwägenden Kanzlerkandidatin mit einem CSU-Chef, der das Fortissimo pflegt, darüber macht sich in München erkennbar niemand Gedanken. Wie hat Stoibers General Markus Söder am Abend vor dem Aschermittwoch gesagt? „Die Zeit des Schmusekurses ist vorbei.“

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