Zeitung Heute : "Im Herzen Europas": Ein Stück Zukunft Europas

Christoph Marschall

Bescheiden klingt der Titel nun wahrlich nicht. Wie müsste Europa aussehen, wenn Polen tatsächlich in seinem geografischen Herzen läge? Aber Norman Davies ist ja Historiker - und in diesem Falle zudem Missionar. Er möchte den Leser überzeugen, dass mit der demokratischen Wende 1989 eine große historische Nation auf die politische Bühne Europas zurückgekehrt ist.

Für die meisten Deutschen, für die meisten Westeuropäer ist Polen in den Jahrzehnten der Ost-West-Teilung zur Terra incognita geworden - nicht direkter Nachbar, sondern ein ziemlich weißer Fleck im politischen Bewusstsein. Ist zum Beispiel in der Schule die historisch-politische Wende angekommen? Welches Kind lernt, welche historische Mitgift der größte Beitrittskandidat in die Europäische Union einbringt? Etwa, dass die Verfassung der französischen Revolution nicht die erste demokratische Verfassung Europas war. Das war die polnische Konstitution vom 3. Mai 1791.

"In der Mitte Europas" könnte man ebensogut einen langen politischen Essay nennen. Davies beginnt in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts und geht dann in den Epochen rückwärts, um der polnischen Mentalität nachzuspüren, um nach und nach immer tiefer liegende Schichten von Traditionen und Handlungsmustern offenzulegen. Ganz am Ende kehrt er in die Gegenwart zurück.

Die deutsche Ausgabe basiert im wesentlichen auf der englischen Fassung, die Davies schon 1984 vorlegte. Damals hatte das kommunistische Regime den ersten Anlauf zur Freiheit der Gewerkschaft Solidarnosc durch das Kriegsrecht gestoppt. Die Wut über die Diktatur scheint immer noch durch. Seine Sympathien für Polen erschweren Davies mitunter die analytische Schärfe. Als überzeugter Antikommunist schildert er den Alltag der Diktatur sehr hart - um dann hervorzuheben, in Polen sei der Kommunismus erträglicher gewesen als anderswo im Ostblock: menschlicher, weniger verbissen, polnischer eben.

Davies geht es nicht darum, Polens Geschichte von den Anfängen bis heute detailliert zu schildern, sondern zu vermitteln, dass Polen über Jahrhunderte europäisches Kernland war. Die Zeit vor 1795 schildert er nicht detailliert, sondern nur, soweit sie bewusstseinsprägend war: der Freiheitsgedanke, oft romantisch verklärt, die militärischen Traditionen, die Identität einer Gesellschaft, die sich auch ohne Eigenstaatlichkeit behauptet, die besondere Bedeutung der katholischen Kirche.

Das Buch kann jedoch nicht verleugnen, dass es wenig mehr ist als die deutsche Ausgabe des englischen Textes, der vor der großen Zeitenwende von 1989 geschrieben wurde. Das Abschluss-Kapitel über das neue, demokratische Polen wirkt angestückelt. Überhaupt hat Davies das Manuskript zu wenig aktualisiert und überarbeitet. Im Kapitel über das Kriegsrecht heißt es, dessen Vorgeschichte sei weitgehend ungeklärt, es mangele an Quellen. Das kann man heute nicht mehr behaupten.

Doch das schmälert den Wert des Buches nur unwesentlich. Es öffnet den Blick für das politische Denken Polens, das ein Schwergewicht der künftigen EU sein wird.

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