Zeitung Heute : Im Hinterhof des Krieges

Panzerfäuste, Pumpguns, Pistolen: Das pakistanische Dorf Darra versorgt die afghanischen Kämpfer mit Waffen. Ein Werkstattbesuch

Carsten Stormer[Darra Adam Khel Pakistan]

Das Dauerrattern einer Maschinenpistole erfüllt die Luft, und immer wieder das langsame, unermüdliche Hämmern eines schweren automatischen Gewehrs. Es klingt wie ein Krieg, aber es ist keiner. Oder noch nicht.

Diesmal geht es ihm um eine Glock 18, seit Jahren sucht er so etwas, obwohl er zu Hause schon zwei Kalaschnikows hat und neun Pistolen – unter anderem jeweils eine Glock 17, 22 und 34, einen Neun-Millimeter-Colt, eine Walther PPK, eine Luger MK II sowie eine Maschinenpistole HK MP5. Eine Glock 18 ist selten und wertvoll. „Wenn ich die Knarre nicht hier finde, wo sonst?“, fragt er und streichelt über einen silberbeschlagenen Neunmillimeter-Revolver mit graviertem Lauf. „Nenn mich Zac“, sagt er, sein richtiger Name ist Moeen Zackarias, er ist Pakistani mit starkem amerikanischen Akzent. Zac ist Anfang 40, trägt Bomberjacke, vergoldete Pilotenbrille und rote Cowboystiefel. Lässig lehnt er an einer Hausmauer und füllt Patronen in das Magazin des Revolvers. Einmal die Woche fährt er hierher, nach Darra Adam Khel im Norden Pakistans, die Grenze zu Afghanistan ist nicht weit. „Dies ist das härteste Dorf in Asien“, sagt er, hebt die Waffe über den Kopf und jagt eine Kugel in den Himmel.

In Darra wimmelt es von Leuten wie Zac. Der winzige Ort liegt 42 Kilometer südlich der staubigen Millionenstadt Peschawar, mitten im Stammesgebiet der Paschtunen. Ausländer dürfen eigentlich nur mit Erlaubnis der autonomen Stammesregierung in die Umgebung des Dorfes reisen, aber die wird nicht mehr erteilt. „Zu unsicher“, hatte ein turbantragender Beamter im Ausländerbüro von Peschawar gesagt. Wenn Ausländer auf dem Weg dorthin erwischt würden, steckten sie die Behörden ins Gefängnis. „Zu ihrer eigenen Sicherheit“, hatte der Beamte gesagt. Seitdem die Amerikaner in Afghanistan einmarschiert sind, könnte jeder Ausländer ein CIA-Agent sein, den es in den Augen mancher entweder zu entführen oder zu ermorden gilt.

Darra Adam Khel ist vermutlich das einzige Dorf der Welt, das ausschließlich von der Herstellung und dem Verkauf von Waffen lebt. Auf jeden Fall ist es die größte illegale Waffenschmiede Pakistans. Seit den 80er Jahren entstehen dort alle erdenklichen Schusswaffen – amerikanische M 16- und deutsche G 3-Sturmgewehre, russische Kalaschnikows, italienische Pumpguns. Bei Bedarf auch Raketenwerfer und Panzerfäuste.

Wer sich trotz des behördlichen Verbots auf den Weg von Peschawar nach Darra macht, sieht am Autofenster zunächst kahle Berghänge vorbeihuschen. Darauf stehen fensterlose, von meterhohen Mauern umgebene Ziegelbauten, die wie mittelalterliche Wachtürme aussehen. Auf den Mauern stehen Parolen: „Dschihad den USA“ etwa oder „Kampf den Ungläubigen“. Darra Adam Khel selbst sieht aus wie jedes andere Dorf in dieser Gegend – eine Reihe ein- und zweistöckiger Lehmbauten an einer löchrigen Schotterpiste, nur Männer sind zu sehen. In jedem Haus ein Geschäft, in einigen Schaufenstern liegen dicke braune Quader: Haschisch, zwölf Dollar das Kilo. In den meisten Läden hängen auch automatische Gewehre, Pistolen, Pumpguns. An die 18 000 Stück davon verlassen Darra jährlich, schätzt der Fahrer des Mietwagens. Die meisten landen in den Bergdörfern der hiesigen Clans, einige bei Stammesbrüdern in Afghanistan.

Ein Mann springt auf die Straße, reißt eine Schrotflinte an die Schulter, feuert zweimal in die Luft und geht zurück in das Geschäft, aus dem er kam. Niemand zuckt zusammen, keiner blickt auf, überall schießen Paschtunen in den Himmel oder auf die Felsen, die das Dorf umgeben, um Waffen zu testen. Es hört sich an, als tobe eine Schlacht. „In Darra bekommt ihr Kopien der besten Waffen“, sagt einer und zeigt auf seine Kalaschnikow. „Das Original kostet 300 Dollar. In diesen Läden bekommt ihr sie für 30.“

Die Waffenschmieden und Werkstätten liegen in den Hinterhöfen der Hauptstraße. Es sind Löcher, in die gerade mal ein VW-Käfer passen würde. Die Böden sind übersät mit halbfertigen Waffen, Schrauben, Federn, Abzugshähnen und Patronen. In einer Garage drechseln Männer Kolben, in einer anderen werden Läufe geschliffen. Ein Junge stapelt Magazine. Es wird gehämmert, lackiert, geschliffen. Ein weißhaariger Mann fährt prüfend mit der flachen Hand über den Lauf eines Kalaschnikow-Imitats – der Lieblingswaffe der Paschtunen. Bei der kleinsten Unebenheit im Lauf könnte die Waffe explodieren, sagt der Alte.

„Ich habe gehört, dass Präsident Musharraf ein Waffenverbot im Paschtunenland aussprechen will“, sagt der Greis, lacht schallend und klopft sich auf die Oberschenkel. „Das soll er mal versuchen.“ Es wäre etwa so, als ob in Deutschland ein Tempolimit auf der Autobahn eingeführt würde. Die Paschtunen zählen Waffenbesitz zu ihrem kulturellen Erbe. Die Kalaschnikows werden gepflegt, mit Öl eingerieben, auseinandergebaut und wieder zusammengesetzt – und zu den andern Waffen an die Wand gehängt. Sie sind Statussymbole, die Macht und Stärke repräsentieren und sie auch verleihen.

Draußen ruft der Waffensammler Moeen Zackarias, genannt Zac: „Willkommen in Gun-City.“ Hinter ihm diskutieren fünf Männer lautstark mit dem Besitzer eines Waffenladens. Es hört sich an, als würde jeden Moment eine Fehde ausbrechen. „Keine Sorge“, sagt Zac. „Die haben gerade eine Ladung Waffen bestellt und einigen sich über den Preis.“

Für ihn, sagt Zac, gebe es keinen schöneren Ort auf der Welt als Darra. Einmal in der Woche fährt er die 170 Kilometer von Islamabad nach Darra, um den Krieger in sich zu befriedigen. „Ich finde meinen Frieden, wenn ich Waffen um mich habe“, sagt er. Er liebe sie mehr als den Porsche, den er besitze. Die Männer in Darra grüßen Zac wie Barkeeper einen Stammgast.

„Jede Waffe der Welt können sie nachmachen. Fünf Tage brauchen sie für ein Schnellfeuergewehr, sieben für eine Pistole. Zehn Tage für ein Modell, das sie nicht kennen“, erzählt Zac. „Die Qualität ist natürlich dürftig. Die meisten Gewehre überleben nicht mal eine unserer Ballereien zu Hochzeiten.“ Das liege daran, sagt Zac, dass die Präzisionsinstrumente zum Anbohren der Läufe fehlen. „Aber dafür sind die Kopien ja auch viel, viel billiger.“ Wer will und Geld hat, so wie Zac, kann in Darra natürlich auch die Originale kaufen.

Zac geht zu einem Waffenhändler, flüstert ihm etwas ins Ohr und kommt wenig später mit zwei AK 47 zurück. „Die sind gerade fertig geworden“, sagt er und geht auf einem Trampelpfad aus dem Dorf heraus und an einem dampfenden Müllberg vorbei. Vor einer Felswand bleibt er stehen. „Ich habe sie auf Automatik gestellt, das macht mehr Spaß.“ Der Spaß kostet Besucher umgerechnet 20 Euro, für 30 Schuss. Zac zielt auf einen Feigenbaum auf einer Felskuppe, drückt ab und hofft, dass er nicht einen der Ziegenhirten trifft. „Very good, very good“, sagt Zac und hüpft vor Freude ein paar Mal auf und nieder. Der Muezzin, der zum Mittagsgebet ruft, lässt für einen Moment das Gewehrfeuer verstummen. Auch Zac setzt sich auf einen Stein und blickt in den Himmel. Gleich muss er nach Islamabad zurück. Eine Glock 18 hat er immer noch nicht gefunden.

Es ist kein Krieg in Darra. Nicht hier – aber ein paar Kilometer weiter liegt Afghanistan. Am vergangenen Sonntag starben dort nach einem Anschlag auf einen US-Konvoi 16 Personen, bis zu 34 Menschen wurden verletzt. Der Konvoi sei von mehreren Seiten aus mit automatischen Waffen beschossen worden, teilten die US-Streitkräfte mit. Die Soldaten hätten das Feuer erwidert. Laut afghanischem Innenministerium schossen die US-Soldaten auch auf Zivilisten. Nach dem Vorfall blockierten Demonstranten die Schnellstraße nach Pakistan und riefen Parolen wie „Tod Amerika“.

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