Zeitung Heute : Im Hormonspiegel

Groschen, Bücher, Spaziergänge: Eine Studie zeigt, was die Deutschen glücklich macht. Sex ist es jedenfalls nicht

Sven Goldmann

„Geld macht nicht glücklich, es beruhigt nur die Nerven“, sang Rio Reiser in den Achtzigern. Blödsinn, sagt Eckart von Hirschhausen, Kleingeld kann sehr wohl glücklich machen, und zum Beweis erzählt er eine Geschichte aus der Zeit, als die Telefonzellen noch mit Münzen gefüttert wurden. Ob Arm oder Reich, jeder habe damals nach dem Betreten einer Telefonzelle geguckt, ob vielleicht noch ein Zehn-Pfennig-Stück drin war im Münzschacht, und wenn ja, dann war er für diesen Tag der glücklichste Mensch der Welt. Wissenschaftler präparierten manche Zellen mit Münzen und simulierten parallel dazu vor der Telefonzellentür Stürze von Passanten, direkt vor den Augen des Telefonierenden. Das Ergebnis des Versuchs: Kleingeldfinder sprangen fast immer spontan zur Hilfe, wer leer ausging dagegen seltener. – Geteiltes Glück ist doppeltes Glück.

So weit der wissenschaftliche Hintergrund. Weil der Mediziner und Krawattenträger von Hirschhausen auch Kabarettist ist, kleidet er die Erkenntnis noch in eine Frage: Wer ist Schuld an den deutschen Wohlstandsdepressionen? Die Kartentelefone! Das gibt einen Lacher zur Mittagsstunde in den Räumen der Bundespressekonferenz am Schiffbauerdamm, wo sonst die große Politik das Wort führt. Am Montag präsentierte dort „Emotion“, das Magazin für „Persönlichkeit, Partnerschaft, Psychologie“ mit Veronika Ferres auf der aktuellen Ausgabe – das Magazin „Emotion“ also präsentierte die Ergebnisse einer Studie, die es beim Allensbach-Institut in Auftrag gegeben hat: „Was Deutschland glücklich macht.“

Auf dem Podium sitzen neben Moderator von Hirschhausen fünf Experten: Wissenschaftler, Autoren, Demoskopen. Alle tragen sie gedeckte Grautöne, deren positiver Einfluss auf die Ausschüttung von Endorphinen von den Laien offensichtlich unterschätzt wird. Und alle sagen sie, die Deutschen müssten viel glücklicher sein, als sie es ohnehin schon sind – immerhin zwei Drittel bezeichnen sich als „tendenziell glücklich“. Matthias Horx, der Trendforscher mit der hohen Stirn, nennt die Deutschen das „Prekariat des Glücks: Sie sind zwar relativ zufrieden, denken aber immer noch, dass es mit der Welt total bergab geht.“ Ein erfülltes Sexleben und Erfolg im Beruf spielen nur für ein Drittel aller Deutschen eine Rolle. Lediglich 22 Prozent glauben, dass viel Geld wirklich glücklich macht.

Renate Köcher trägt diese und andere Zahlen vor. Frau Köcher ist die Elisabeth Noelle-Neumann der Neuzeit, sie leitet das Allensbach-Institut und hat ein paar Grafiken mitgebracht, mit gezackten Linien und Kreisen. Wenn man glaubt, eine verstanden zu haben, wird schon die nächste an die Wand geworfen. In Erinnerung bleibt: Glückliche Menschen gehen gern in die Natur und lesen ein gutes Buch. Unglückliche Menschen sitzen vorm Fernseher und trinken zu viel.

Eckart von Hirschhausen bedankt sich und erzählt noch ein Witzchen. „Neulich bin ich gut gelaunt ins Reisebüro gegangen und habe gefragt: Wo kann ich am billigsten hinfliegen?“ – „Auf die Fresse“, habe man ihm geantwortet, ja, so sei das eben im depressiven Berlin, wo einer, wenn er auf der Straße lacht, sofort unter Drogenverdacht stehe. Das gibt noch einen Lacher. Jetzt ist eine Diplom-Psychologin an der Reihe. Sie veranstaltet mit den Zuhörern ein kleines Gedanken-Experiment: „Denken Sie an etwas Schönes.“ – „Und jetzt an etwas nicht so Schönes.“ Das Ergebnis: man ist glücklicher, wenn man an schöne Dinge denkt.

Neben der Psychologin sitzt Stefan Klein. Seit 40 Minuten hört er jetzt schon zu, und das Stillsitzen fällt ihm schwer. Er schiebt den Kopf mal vor, mal wiegt er ihn abwägend, er blinzelt und presst die Lippen zusammen. Man wüsste schon ganz gern, was in seinem Kopf vorgeht, wenn er sich denn an dem Gedankenexperiment der Kollegin Psychologin beteiligt hat. Stefan Klein hat ein Buch geschrieben, es heißt „Die Glücksformel oder Wie die guten Gefühle entstehen“. Der Verlag, sagt er, habe den Titel zunächst abgelehnt, zu anstrengend, zu wissenschaftlich. Aber der Autor setzte sich durch. Ja, es ist ein wissenschaftliches Buch, es untersucht das Phänomen Glück aus Sicht der Hirnforschung und der Sozialpsychologie. Aber es ist so kurzweilig geschrieben, dass es auch außerhalb von Hörsälen zum Bestseller wurde.

Für alle, die „Die Glücksformel“ nicht gelesen haben, gibt Klein eine kurze Zusammenfassung: Glück lässt sich trainieren wie das Skifahren oder eine Fremdsprache. Das liegt an der Struktur des Gehirns, an den dort eingerichteten Schaltungen für Freude und Lust. Wie trainieren wir diese Schaltungen? „Wir müssen uns am kleinen Glück des Alltags erfreuen“, an Spaziergängen, Büchern, Gesprächen. Generell gilt: Aktive Menschen sind glücklicher als passive.

Nun verleitet aber gerade der Wohlstand nicht gerade zu einem Übermaß an Aktivität. Könnte die Regierung dieses Land auf einen Schlag glücklicher machen, wenn sie die Straßen mit Kleingeld präparieren würde? So wie die Wissenschaftler das damals mit den Groschen in den Telefonzellen gemacht haben? Nein, sagt Stefan Klein, „über eine gefundene Münze freut man sich nicht mehr, wenn es die Regel ist, dass man eine findet. Es ist die Überraschung, die das Glück auslöst.“ Und außerdem, er blickt hinüber zu Eckart von Hirschhausen, „war das damals eine Untersuchung amerikanischer Forscher“.

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