Zeitung Heute : Im Internet werben neue Firmen um die wachsende Zahl studierender Surfer - Ansturm von Singles

Josefine Janert

An der Uni findet man zwar viele Kontakte, doch die Bekanntschaften bleiben trotzdem oft oberflächlich. "Viele Studenten wurschteln allein vor sich hin und haben gar keine Zeit, Kommilitonen kennen zu lernen", sagt Claudia Kempke. Die 33-jährige Studentin der Veterinärmedizin saß letzten Sommer mit Freunden in der Mensa der Freien Universität und diskutierte das altbekannte Problem. Von dem Gespräch erzählte sie ihrem Freund, einem Berliner EDV- Techniker. Wenig später sicherte sich Valentin Akdemir die Internet-Adresse "Unisingles.de". Jetzt verzeichnet die "Seite fürs studentische Privatleben" eine Viertelmillion Abrufe pro Monat. Wer " Unisingles.de " anklickt, findet nicht nur die traditionellen Partnerschaftsannoncen, sondern auch Mitfahr- und Mitwohngelegenheiten. Claudia Kempke bekam auf diese Weise eine Lernpartnerschaft für die Chemieklausur. "Auf meine Anzeige haben sich zwölf Personen gemeldet", berichtet sie.

Beliebte Rubrik "Er sucht sie"

Die meisten Besucher von "Unisingles.de" kommen aus dem Norden und den mittleren Regionen Deutschlands. Nur jede zehnte Person ist weiblich. Deshalb gibt es in der Rubrik "Er sucht sie" überdurchschnittlich viele Angebote. "Frauen werden eben mehr umworben", sagt Valentin Akdemir verständnisvoll. Der 33-jährige Tempelhofer hat sein Büro in einer hellen Erdgeschoss- Wohnung. Dort hockt er mitunter bis zu 15 Stunden vor dem Bildschirm. Als Chef von "Unisingles.de" wird er von mehreren freien Mitarbeitern unterstützt, die in anderen Hochschulstädten Plakate kleben und die Werbetrommel rühren. Auch Claudia Kempke hilft mit. Akdemir will in Zukunft auch "Unisingles.de"-Partys organisieren. Bislang können die Surfer nicht nur kostenlos Anzeigen schalten und beantworten, sondern sich an virtuellen Diskussionen beteiligen und eine Witz-Seite abrufen. Sie finden die Tagebücher von derzeit 13 anonymen Personen. Regelmäßig notieren diese Mutigen dort Anekdoten aus ihrem Uni-Leben. Des Weiteren denkt Akdemir sich Spiele aus, bei denen die Gewinner zu einem Restaurantbesuch mit Studenten aus ihrem Wohnort eingeladen werden.

Mit seiner Internet-Seite liegt der Computer-Fachmann voll im Trend. Nicht nur Hochschulen, auch andere Einrichtungen stellen häufig Informationen speziell für Uni-Angehörige ins Netz. Natürlich sind dort auch Campus-Artikel aus dem Tagesspiegel abrufbar (unter www.tagesspiegel.de ). Studenten werden von Unternehmen als bevorzugte Zielgruppe umworben. Das hängt damit zusammen, dass junge, gebildete Menschen eine Vorliebe für das neue Medium entwickeln. "Über die Anschlüsse in der Uni kommen sie auch besonders günstig ins Netz", weiß Sven Kolthof, Vorstandssprecher der Campus2day AG mit Sitz in Darmstadt und Heidelberg. Auf der Seite "www.campus2day.de", die es seit Ende Januar gibt, kann man sich umfassend und kostenlos über Studienangebote, Karriere- und Freizeittipps auf dem Laufenden halten.

An den Berliner Hochschulen wächst die Nachfrage nach dem Internet. Die Studenten nutzen es für verschiedene Zwecke (siehe Umfrage). Allein über das zentrale Rechenzentrum haben sich an der Technischen Universität 13 000 Studenten einen Zugang verschafft, an der Humboldt-Universität mehr als 21 000 und an der Freien Universität 30 000 - hier werden die Mitarbeiter mitgezählt.

Außerdem bieten viele Institute Extra-Anschlüsse. Ob die Surfer das Netz nur für wissenschaftliche Zwecke nutzen, ist allerdings fraglich. Die meisten verschicken wohl auch private E-mails. Wo die Studentinnen und Studenten sich vom PC-Pool aus einklinken, wollen die Unis aus Datenschutzgründen nicht nachprüfen.

Vielleicht werden manche Studenten noch einsamer, wenn sie Stund um Stund am Computer ausharren, statt mit Freunden ein Bier zu trinken. Valentin Akdemir hofft, dieses Problem mit "Unisingles.de" zu beheben. "Es gibt kaum eine Annonce, die ohne Resonanz bleibt", behauptet er. Die Startseite sieht viel versprechend aus. Eine junge Frau beugt sich zu ihrem Partner hinüber und knutscht, was das Zeug hält. Ansonsten hat "Unisingles.de" den Charme einer gut gemachten Schülerzeitung. "Campus2day.de" scheint hingegen die Aura eines anonymen Großkonzerns anzustreben.

"Studenten sind dynamisch"

Die Urheber präsentieren sich im Internet als frisch geföhnte Jungunternehmer, die folgende Floskeln absondern: "Studenten sind aktiv, dynamisch, voller Ideen und suchen neben der Uni nach Herausforderungen der besonderen Art." Bravo Jungs - da wären wir ohne Euch gar nicht drauf gekommen! Ebenso inhaltsreich wie dieser Satz sind etliche Artikel über die Themen Wohnen, Karriere und Liebe.

"Campus2day.de" wird nach eigenen Angaben täglich von 15 000 Personen besucht. Davon studieren bis zu achtzig Prozent - vor allem Fächer wie Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften und Informatik. Die meisten Nutzer wohnen in Berlin, erzählt Sven Kolthof. "Die Artikel werden von Studenten geschrieben", sagt der 29-jährige Betriebswirtschaftler. Damit die Surfer "Campus2day.de" kostenlos nutzen können, sind dort etliche Anzeigen geschaltet. Schon jetzt hat die Firma 34 fest angestellte und viele freie Mitarbeiter in den großen Hochschulstädten. Diese ackern schwer, um Informationen über das Campus-Leben an ihrem Wohnort zusammenzutragen. Die Ausweitung auf andere westeuropäische Länder ist für dieses Jahr geplant. Dann könnten deutsche Studenten zum Beispiel auch Neuigkeiten über französische oder italienische Unis aus dem Netz ziehen. Valentin Akdemir will mit seinen "Unisingles" bald den gesamten deutschsprachigen Raum erreichen. Im Chatroom klagen derweil einsame Seelen ihr Herzeleid. Unter Fantasienamen wie "Rudilustig" finden sie wenigstens anonym Kontakt zu Gleichgesinnten.

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