Zeitung Heute : Im Jugendgericht

Fernsehen in Deutschland – Erste Folge: RTL

Christine Meffert

Fernsehen in Deutschland – Erste Folge: RTL

Es war dann so, dass ich in dieser Welt ganz unten anfing. Ich betrat sie an einem beliebigen Wochentag, das Licht war künstlich, der Raum eng und voller Menschen, die schrille Kleidung trugen. Vorn saß die Richterin in ihrer schwarzen Robe. Es kam an diesem Tag ein merkwürdiges Verbrechen zur Verhandlung. Einem jungen Mann war am Tage seiner Hochzeit der Ringfinger abgeschnitten worden. Verdächtigt wurde seine Braut. Die Vorgeladenen schrien, am lautesten die Angeklagte, die bald auch weinte. Sie sei es nicht gewesen. Sie liebe ihn.

Man kann nicht sagen, dass ich da ahnungslos hineingeraten bin. Ich hatte einen Auftrag, aber seltsam war es doch.

Warum schreien die alle so, dachte ich, ist das für Menschen, die keinen eigenen Krach zu Hause haben? Und wo sind all die Stars? Wo ist der Bohlen, der Küblböck, wo sind die Superstarmädchen, wo sind die nur alle?

Mein Auftrag war eigentlich ein Verbot. Man hatte mir gesagt: keine Fernbedienung! Du darfst deine Fernbedienung nicht benutzen, auf keinen Fall! Sonst heißt es ja immer: Jeder hat doch eine Fernbedienung, wenn es ihm nicht passt, kann er ja umschalten. Aber die wollten wissen, was mit einem passiert, der das nicht kann, der nicht mehr rauskommt aus dieser Welt. Aus der Welt von RTL.

Es war dann nicht die Braut, sondern ihr Vater. Für ein Jahr muss er ins Gefängnis.

Es gibt also das Jugendgericht und das Familiengericht und das Strafgericht. Man kann bei RTL den halben Tag im Gericht verbringen, sich anschauen, wie die Fernsehrichter Menschen bändigen, die wie böse, laute Kinder sind.

Die Fernbedienung war schon ein bisschen speckig geworden in meiner Hand, aber ich mochte sie nicht weglegen, sie gab mir ein Restgefühl von Freiheit. Ich durfte nicht, aber ich hätte können.

„Wenn die Mama aus dem OP kommt, wird sie ihre Tochter erst mal ganz lang in den Arm nehmen“, sagte die Stimme. Es waren Aufnahmen aus der St.-Elisabeth-Klinik in Essen. Eine Familie drängte sich um ein Bett. Schnitt. Dann: Schwangere bei der Wassergymnastik. Große Bäuche mit rudernden Beinen und Armen dran. „Mein Baby“ hieß die Sendung, es ging um Frauen, die Kinder kriegen vor der Kamera – ein so genanntes dokumentarisches Format. Es gibt auch eine Sendung, die heißt „Meine Hochzeit“, da geht es um Paare, die vor der Kamera heiraten. Alle müssen alles sehen. Ich will gar nicht alles sehen. Aber die Menschen haben nichts zu verbergen.

Es war Abend geworden, ich hatte viel über Joghurt und billigen Strom gelernt, über abgepacktes Essen, über Fertiggerichte ohne Kalorien. Es war Abend geworden, und dann waren sie plötzlich alle da, die Stars, die Gesichter von RTL, die RTL-Familie. Ich sah Daniel Küblböck im Wald auf einer Pritsche sitzen, was erstaunlich war, nicht wegen Daniel, sondern wegen des Waldes, davon gibt es in der Welt von RTL nämlich nicht so viel. Es ist eine Welt, in der es keinen undefinierten, keinen bedeutungsfreien Raum gibt, keine Natur und keine Kunst. Das würde zu viel Offenheit voraussetzen.

Ohne Würde alt werden

Wir waren also im Wald, und Daniel musste ekelige Sachen machen und in Insekten baden. Die lieben die, die sich zum Affen machen. Plötzlich leuchtete zwischen den Kakerlaken die Jugendrichterin auf wie eine Erscheinung. Aber das war gar nicht im Fernseher, das war nur in meinem Kopf.

„Wir würden nie Shows machen, die lebensgefährlich sind. Wir achten die Menschenwürde.“ Das hat Senderchef Gerhard Zeiler in einem „Spiegel“-Interview gesagt.

Es wurde lange über die Menschenwürde in dieser Welt gesprochen, und man ist nicht wirklich zu einem Schluss gekommen. Dabei ist Würde in der Welt von RTL ganz wichtig. Fast in jeder Sendung probieren sie, wie sehr man sie verletzen kann, wie weit man gehen kann, ohne rauszufliegen aus der RTL-Familie.

Vielleicht gibt es ja gar kein Oben und Unten in dieser Welt, vielleicht hat das Jugendgericht mehr mit der Dschungelshow gemeinsam, als es scheint.

Langsam kannte ich alle Gesichter. Da war ja auch dieses große rote Sofa, das zwischen den Sendungen immer auftaucht, auf dem die alle zusammensitzen, obwohl sie in verschiedenen Sendungen auftreten. Da hat man sich ein bisschen zu Hause gefühlt. Und dann gratulieren sie sich zwischendurch dauernd zum 20. Geburtstag. So alt ist RTL jetzt schon. Ich fühlte mich gar nicht mehr so fremd, nur das Prinzip, das hatte ich noch nicht so ganz verstanden.

In Köln lag Schnee. Ich hatte die Fernbedienung beiseite gelegt und bin raus aus der Welt von RTL und rein in die Wirklichkeit. Ich wollte die Realität hinter der Fiktion sehen, wollte in die Zentrale von RTL, wollte wissen, was das Prinzip ist. Was die wollen.

Diesmal sind die Superstarmädchen pummelig, las ich auf der Zugfahrt in der „Bild“-Zeitung. Ja, das stimmte, das hatte ich im Fernsehen gesehen. Und der Daniel hatte einen Autounfall. Und die Frau, die mal in der Oliver-Geissen-Show gesagt hat, dass sie ihren Mann betrogen hat, die war jetzt tot. Ihr Mann hatte sie umgebracht.

Die Welt von RTL ist eine Welt, die als Splitter – wie im Märchen von der Schneekönigin – überall durch die Realität fliegt, und wenn man nicht aufpasst, hat man ihn irgendwo stecken, als Klatsch oder als Ohrwurm im Gehör oder man sieht plötzlich selber so aus wie die Superstaraspiranten.

„Je nonkonformistischer eine Gesellschaft, umso kreativer ihr Fernsehen“, sagt Senderchef Zeiler. Doch die Glücklichen in seiner Welt, die sind normiert, haben gegelte Stachelhaare und konfektionierte Brüste. Ihre Sprache passt dazu, auch ihre Lieder. Es sind die Lieder der Gewinner, der Charts, der Quote. Dahinter steckt immer das Urteil der Masse. Immer geht es darum, was Menschen mit Menschen machen, was sie von ihnen erwarten, von ihnen halten, wie sie gegenseitig ihr Bild, ihre Identität formen.

Dann stieg ich aus, stand vor dem Kölner Dom, mitten in dieser expressionistisch verkanteten Kölner Alt-Neu-Stadt. RTL liegt weiter draußen an der Aachener Landstraße, nicht direkt im Zentrum. Der Dom auf der einen, RTL auf der anderen Seite. Das alte und das neue Deutschland.

Die Fernseh-Waage

In der Broschüre von der Pressesprecherin stand: „Das Jugendgericht hat sich mit durchschnittlich 20,7 Prozent der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen klar an die Spitze seines Timeslots gesetzt. Im Schnitt verfolgen 1,94 Millionen Zuschauer (ab 3 Jahre), wie die sympathische aber auch strenge Jugendrichterin in ihrem Verhandlungssaal der Wahrheit auf den Grund geht.“

Im Jugendgericht heißt die Jugendrichterin Dr. Ruth Herz, und in Wirklichkeit heißt sie auch so. Frau Herz ist keine Fiktion, sie war 25 Jahre lang Jugendrichterin in Köln, ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande für die Einführung des Täter-Opfer-Ausgleichs „Die Waage“, hat ein Lehrbuch für Jurastudenten geschrieben und geht gern ins klassische Konzert. Sie sagt: „Das Verrückte ist: Ich spiele mich selbst. Anfangs dachte ich, das bin einfach ich. Aber das stimmt nicht: Wir spielen uns.“ Sie mache diese Sendung, weil sie Millionen erreichen und zeigen kann, wie man mit Jugendlichen im Gericht umgehen soll. Die Zuschauer sehen: Es passieren die schlimmsten Dinge, aber die staatliche Instanz wird damit fertig. Vor kurzem hatte sie Jubiläum, 500. Sendung. Doch die Welt des Fernsehens ist ihr ein wenig fremd geblieben. Hier zählten andere Werte als in der Wissenschaft, wo sie eigentlich zu Hause sei. Dennoch: Was sie im Fernsehen mache, sei kein Trash. Vor einem echten Gericht schreien die Leute nicht so und sie sind auch nicht so ordinär. Aber ob man immer auf der sicheren Seite sei, weil man sich gesitteter ausdrücke, fragt sich Dr. Herz.

RTL als Erziehungsanstalt? Ich weiß nicht. Ich gehe mal rüber auf die andere Seite der Aachener Landstraße, dort hat André Zalbertus seine Produktionsfirma „AZ Media“. Für RTL produziert er „Mein Baby“ und „Meine Hochzeit“, aber er hat auch öffentlich-rechtliche Kunden.

Zalbertus kennt die Welt, und er findet, dass es uns in Deutschland immer noch sehr gut geht. Anfang der Neunziger war er vier Jahre Korrespondent in Moskau. Er war auch Reporter im Nahen Osten.

Jetzt macht er ein „Wohlfühlprogramm“, damit die Hausfrau vormittags ein gutes Gefühl hat. „Wir machen das jetzt zwei Jahre. Und es ist einfach schön.“ Bei jeder neuen Geburt hätten die Redaktionsmitarbeiter wieder Tränen in den Augen. Es gehe um das normale Leben, um ein Stück Deutschland in einem sonst sehr durchgestylten Programm. Zalbertus ist stolz auf dieses dokumentarische Format. Er glaubt, dass Heimat wieder ein ganz großes Thema werden wird. Die Serie „Meine Hochzeit“ sei ein Beitrag dazu – ein Kaleidoskop der Hochzeitskultur in Deutschland. Auch dieses ganze „Heimwerkerzeug“ hänge ja mit der Sehnsucht nach Heimat zusammen, sagt er. Die Leute würden sich jetzt mehr zur Gemütlichkeit und auch zur Spießigkeit bekennen. Es gehe ihm darum, Fernsehen für Zuschauer zu machen – ein Satz, den ich in Köln noch oft hören werde. „Bei 39 Kanälen besteht die Kunst darin, Bindungen herzustellen“, sagt Zalbertus. Und was ist Heimat anderes als Bindung.

Auch Peter Kloeppel macht Fernsehen für Zuschauer. Er ist der Anchorman der Nachrichtensendung RTL-Aktuell, er wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, und er sieht in seinem Kölner Büro genauso aus wie im Fernsehen. Peter Kloeppel ist sehr ernst, er würde nie aus der Rolle fallen. In der Redaktionskonferenz geht es an diesem Tag um Uri Geller, der mit seinem Willen Besteck verbiegen kann. Uri Geller geht gerade so durch, aber die Idee, einen Parapsychologen dazu zu befragen, findet Peter Kloeppel nicht so toll. Die könne man doch nicht ernst nehmen. Kloeppel würde nie Kakerlaken essen, das merkt man. Dieser Mann ist geradezu das Gegenteil eines Kakerlakenfressers – er wäre gerne auch Diplomat geworden oder Raumfahrer. In die Welt von RTL bringt er ein wenig Distanz, Distanz zum Thema und zum Zuschauer.

Ich fahre durch Hürth, einen Nachbarort von Köln, wo weitere Studios von RTL stehen. Das ist eine tolle Gegend, voller Normalität. Dort stehen Einfamilienhäuser, Baracken und verspiegelte Fernsehstudios. An einer Fassade klebt Günther Jauch ganz groß. Zwischendrin eine Schafherde, Pferde, ein Graureiher an einer Autobahnabfahrt.

Schließlich habe ich die Fernbedienung sauber gemacht. Fernsehen für Zuschauer, haben die mir gesagt: Der Pressesprecher, der Zalbertus, der Kloeppel und auch die Frauke Ludowig, die das Prominentenmagazin „Exclusiv“ moderiert. RTL ist einfach näher am Zuschauer dran, hat sie gesagt. Das ziehe sich durch.

Ich versuche es also nochmal, rücke meinen Sessel näher ran, lege die Fernbedienung außer Reichweite.

Es geht wieder los.

Geiz ist ab sofort auch im Bordell geil. Ich erfahre: Vor der Umstellung auf den Euro kostete eine Hure etwa 150 Mark, jetzt sind es 100 Euro. Die Chefin vom Bordell „Geizhaus“ sagt: „Man muss halt mit der Zeit gehen.“ Bei ihr verkaufen sich die Frauen für 38,50 Euro. Masse statt Klasse?, fragt eine Frauenstimme. „Nee, seh ich gar nicht“, sagt die Bordellchefin der Reporterin von „Explosiv“.

An diesem Tag hat auch Dieter Geburtstag. Seine Arbeit macht er trotzdem, weil: Man muss immer an sich arbeiten. Obwohl, Dieter Bohlen hat schon so viel gearbeitet an sich, er kann jetzt andere an sich arbeiten lassen, ein paar Tipps geben und stolz auf sich sein. Heute aber ist er fast schüchtern, oder besser: gerührt. Denn heute ist eben sein Geburtstag, und da ist doch vieles ein wenig anders als sonst. Die blonde Fee Michelle Hunziker überreicht ihm eine Torte, all die kleinen Superstars, die es bis in eine der letzten Runden geschafft haben, bringen ein Ständchen, und plötzlich ist auch seine Estefania auf der Bühne.

In der Nacht träume ich von dem roten RTL-Familien-Sofa. Nur ein Graureiher sitzt drauf.

Am Morgen bin ich ein wenig müde, ich sehe die Oliver-Geissen-Show, das Motto: „Pfundig – Nimm ab, oder ich bin weg“. Angela, verbriefte 180 Kilo, streitet mit Thorsten, geschätzte 65 Kilo. Sie streiten darüber, ob Gewicht oder Charakter mehr zählen. Angela glaubt, dass Dicke auch Menschen sind, Thorsten, dass Sex mit fetten Frauen nicht möglich ist. Dicke Männer kommen nicht vor. Es geht dann auch noch darum, wer mehr schwitzt und stinkt, Dicke oder Dünne. Und dann kommt ein Moment, da geht durch diese Welt plötzlich ein feiner Riss.

Ich glaube, das war, als Thorsten sagte, dass man ihn ja gar nicht reinkriegen könnte in so eine Fette, weil das „rein anatomisch“ nicht möglich sei. Jedenfalls sah Oliver Geissen, der Moderator, für den Bruchteil einer Sekunde aus, als schäme er sich. Das Thema seiner nächsten Sendung: „Kochnische – Hier ist meine Frau zu Hause“.

Ist das die Welt, in der sich junge Menschen wohl fühlen? RTL hat nicht nur die meisten Zuschauer in diesem Land, sondern auch sehr viele junge. Dabei ist es doch eine strenge Welt, wie die des Mittelalters, in der die Wege der Menschen vorherbestimmt sind von Mächten, die nicht mehr Gott, sondern Bohlen heißen oder Jauch oder positive Sympathiepunkte. Es sind keine Menschen in Freiheit, es sind Menschen, die, so gut sie können, den vorgeschriebenen Weg beschreiten. Vielleicht ist es ja diese Klarheit, diese Eindeutigkeit, die so fasziniert.

Es gibt ein klares Bild von Liebe: der Bachelor, ein Bild von Humor: Jürgen von der Lippe, ein Bild von Weisheit: Günther Jauch. Ein Bild von menschlichem Umgang miteinander: Oliver Geissen, ein Bild von Wirklichkeit: Peter Kloeppel. Der Versuch, der Zweifel, die Suche existiert in dieser Welt nicht.

Vielleicht zeigt sich das RTL-Prinzip in der Gerichtssendung von Ruth Herz am deutlichsten. Es geht um soziale Kontrolle, um Urteile, um Wenige, die von Vielen gerichtet werden.

Versuchslabor im Schnee

Der Richter – sei es nun Bohlen, Dr. Ruth Herz, Jauch – ist überall. RTL ist kein großes Versuchslabor, wie es manchmal heißt. Wie der Mensch in so einer Welt funktioniert, weiß die Menschheit schon lange. Viele haben nachgedacht, geschrieben, gebetet, geglaubt, geforscht, erzogen, damit sich das ein bisschen ändert. Es ging ihnen dabei um die Möglichkeit des Menschen, anders zu sein als egoistisch, eitel, konkurrierend und hämisch. Es ging um Bildung. Es gab mal eine Zeit, da hießen Romane – also die Unterhaltungsmedien – so: Bildungsromane. Bei RTL aber geht es darum, den Menschen in seiner Unzulänglichkeit abzustrafen oder zu feiern. Das ist befreiend und beengend zugleich. Wir sind so, wie wir sind, und wir sind stolz darauf.

RTL ist eine Marke, würden die Erfinder dieser Welt sagen. Eine Marke ist in sich geschlossen, aber nicht hermetisch – es gibt viele Anknüpfungsmöglichkeiten. Bohlen kann auch Werbung machen oder eine Nachricht werden bei Frauke Ludowig im Prominentenmagazin. Er kann in der Werbung mit seinem Handy aufs Klo gehen oder einen Baumarkt loben. Sein Erfolg besteht vor allem darin, dass er Erfolg hat.

Das Geniale an diesem System ist, dass die Menschen sich ihm freiwillig fügen, weil sie darin das Menschliche schlechthin zu erkennen glauben. Es ist Fernsehen für Zuschauer. Alles macht hier Sinn.

Die Serie wird am nächsten Sonntag fortgesetzt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar