• Im Kielwasser von Spreequell: Recycler meldet Ansprüche an Papierverwerter will brachliegendes Grundstück verkaufen / Senat bremst

Zeitung Heute : Im Kielwasser von Spreequell: Recycler meldet Ansprüche an Papierverwerter will brachliegendes Grundstück verkaufen / Senat bremst

Der Tagesspiegel

Von Stefan Jacobs

und Christoph Villinger

Weißensee / Reinickendorf. Schon heute entscheidet sich möglicherweise die Zukunft von Spreequell in Berlin: Nach Auskunft des Betriebsrates will Wirtschaftssenator Gregor Gysi (PDS) mit Spreequell-Geschäftsführer Frank Arndt und dem Vorstandsvorsitzenden des Mutterkonzerns Brau und Brunnen, Michael Hollmann, über einen Verbleib des Unternehmens in Berlin verhandeln. Eine offizielle Bestätigung dieses Termins war gestern allerdings weder aus Gysis Büro noch von der Spreequell-Geschäftsleitung oder der Dortmunder Konzernzentrale zu bekommen.

Das Engagement des Senates für den Weißenseer Getränkehersteller hat unterdessen einen anderen Unternehmer auf den Plan gerufen. Das in Reinickendorf ansässige Papierrecycling-Unternehmen Bartscherer beklagt vom Senat aufgestellte bürokratische Hürden: Man habe ähnliche Probleme wie Spreequell – nämlich ein teilweise brachliegendes Grundstück, das unnötige Kosten verursache und deshalb verkauft werden solle, berichtet Bartscherer-Geschäftsführer Joachim Lange. Während die Senatsverwaltung für Wirtschaft bereits im vergangenen Oktober ihr Einverständnis zum Verkauf dieses Areals an eine Supermarktkette erklärt habe, verhindere die Stadtentwicklungsverwaltung die dafür nötige Umwidmung mit Verweis auf den Flächennutzungsplan. Dieser weise das Gelände als Industriegebiet aus, so dass eine Nutzung für den Einzelhandel momentan nicht erlaubt wäre. Lediglich die Schaffung von Büroflächen sei ihm als Alternative angeboten worden. „Dabei stehen in der Stadt schon jetzt über zwei Millionen Quadratmeter Büroflächen leer. Das ist doch weltfremd“, sagt Lange und legt nach: „Wir heißen zwar nicht Spreequell, aber wir haben auch 80 Mitarbeiter.“ – Anspielung auf die Bemühungen des Senates, mit Spreequell einen Kompromiss über dessen Grundstück auszuhandeln und dabei auch eine Umwidmung zu prüfen.

Bartscherer will das rund 5500 Quadratmeter große Firmengrundstück an der Reinickendorfer Roedernallee verkaufen, weil es nach Auskunft von Lange seit zwei Jahren nicht mehr benötigt wird. „Es gibt zurzeit keinen Industriebetrieb, der uns das Grundstück abkaufen würde. Aber mit einem Supermarkt sind wir schon handelseinig. Das Geld aus dem Verkauf brauchen wir für Investitionen in unseren Betrieb.“

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will mit ihrer Ablehnung offenbar einen Präzedenzfall vermeiden, der irgendwann auch andere Flächennutzungspläne ad absurdum führen könnte. Sprecher Joachim Günther erklärte nur, „dass wir in diesem Gebiet keinen großflächigen Einzelhandel genehmigen werden“. Er verwies auf ein für Freitag geplantes Gespräch zwischen Stadtentwicklungs- und Wirtschaftsverwaltung.

Im Reinickendorfer Rathaus betrachtet man die Auseinandersetzung zwischen Bartscherer und dem Land mit gemischten Gefühlen. „Wenn hier eine Ausnahme gemacht werden sollte, wäre das eine eindeutig politische Entscheidung, die sich über fachliche Bedenken hinwegsetzt“, sagte Baustadtrat Michael Wegner (CDU). Ebenso wie das Land befürchtet auch der Bezirk einen Domino-Effekt, falls das Unternehmen sich durchsetzen sollte.

Insofern scheint es Reinickendorf recht zu sein, dass man die Entscheidung dem Senat überlassen kann. Zu dessen Engagement sagt Lange: „Ich könnte auch nach Oranienburg ziehen. Dort küssen sie mir die Füße und schenken mir ein Gewerbegebiet. Aber eigentlich will ich in Berlin bleiben.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben