Zeitung Heute : Im Kino lernen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

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Paul kennt jetzt Ali. Nicht persönlich, das nun doch noch nicht, aber ein bisschen weiß Paul jetzt über den Boxer. Das kam, weil Paul, der Pubertist, mit seinen Mitpubertisten und Mitpubertistinnen und mit Vorliebe solche Filme anschaut wie „Spider Man“, „Men in Black“ oder „Scary Movie“. Filme, die der Vater nicht das Eintrittsgeld wert findet, erst recht nicht, weil er es bezahlen muss. Aber soll man’s verbieten? Die eigenen Eltern hatten dem Vater, als der noch Pubertist war, zum Beispiel die Lektüre von Superman-Heften verboten, der Vater hatte sich seinerzeit aber mitnichten ans Verbot gehalten. Also hat der Vater nun gedacht, er sei pädagogisch besonders wertvoll und schlau und hat einen gemeinsamen Kinotag eingeführt. Auf dass der Bub den Unterschied selber merke und was lerne. Das hat der Vater nun davon.

So alle 14 Tage gehen Paul und der Vater ins Kino. Die Filme suchen sie gemeinsam aus, und auch wenn die Wahl nicht immer das trifft, was Cineasten heulen lässt vor Glück, die beiden sind’s zufrieden. Das sind nämlich schöne Abende. Einmal etwa, da hatten sie sich „Elling“ angeschaut, jenen wunderbaren Film über zwei verhaltensgestörte Männer, die in die große Stadt und die Selbstständigkeit entlassen werden und sich darin ganz wundersam behaupten. Anschließend sind Paul und der Vater sehr, sehr heiter heimgeradelt, fast hätten sie geheult vor Glück. Ein anderes Mal war es weniger lustig, weil der Vater „A beautiful mind“ ein stinklangweiliges Filmchen nannte, wohingegen Paul „genial“ rief und am liebsten noch ein paar Oscars mehr ausgelobt hätte als die vier, die der Film ohnehin schon bekommen hat. Sie hatten dann noch ein wenig gezankt, und auch das war ein schöner Abend gewesen.

Nun also Ali, der Film. Tief im Klischee war der Vater ja überzeugt gewesen, dass das nichts werden könne, wenn Hollywood die Helden der Jugend verkitscht. Aber dann hatte Paul schon während des Films leise nach Malcom X gefragt, nach Martin Luther King und nach Rassismus. Er fand auch klasse, wie Ali am Ende des Films den Onkel Tom, George Foreman, vermöbelte. War das alles so, hatte Paul gefragt und der Vater gesagt, ja, so war das alles. Und dann hatte sich Paul noch eine völlig belanglose Szene gemerkt, der Bub soll ja was lernen. Das war die Szene, in der Will Smith (der Schauspieler) als Ali mit seiner Frau schmusen will und von nebenan der Säugling plärrend stört. Genervt lässt sich Smith in die Kissen fallen: „Papa und Mama können nicht, Papa und Mama sind nach Mexiko ausgewandert.“ Das ist bestimmt erfunden, hatte der Vater noch gesagt, aber da war es schon zu spät.

Es kam am anderen Tag der Moment, als der Vater spülen wollte und Paul ums Abtrocknen bat. Paul, der Pubertist, hilft ja bekanntlich, wo er kann. Aus Pauls Zimmer ertönte Pauls Stimme: „Paul kann nicht, Paul ist nach Mexiko ausgewandert.“ Klasse Ali, super, Ali, danke, Ali, hatte der Vater gedacht.

Helmut Schümann

„When We Were Kings“, die grandiose Dokumentation von Leon Gast, läuft ganz ohne schädliche Erfindungen im Central in Mitte und im Moviemento in Kreuzberg.

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