Zeitung Heute : Im Kino rascheln

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Mann in der vorletzten Reihe hatte die Ruhe weg. Mit lässig angekrümmtem Rücken lümmelte er im Sessel und spielte ein wenig an seinem Handy herum; nur seine Gesichtszüge – die sahen irgendwie verkrampft aus. Vor allem, als er mich sah.

„Kein Popcorn hier, damit das klar ist!“, herrschte er mich an, als ich mich mit meiner Tüte auf dem Sessel neben ihm niederließ. „Aber das ist ein Kino“, sagte ich und sah flehend zu seiner Frau herüber. Die sagte nichts. „Nein, nein, nein, wenn der Film anfängt, wird nicht mehr geraschelt.“ Der Mann hatte die Ruhe gar nicht weg. Gerade wollte ich eine Tonart drauflegen – Spießer!, Weichling!, Geh doch nach Hause und guck Fernsehen! – da griff seine Frau ein. „Christoph, lass gut sein.“ Christoph schaute wütend zu seiner Frau, die schaute wütend zurück, Christoph schaute wütend zu mir, ich schaute triumphierend weg, und dann drückte Christoph mit durchgedrücktem Rücken seine Wut in sich hinein. Das Licht ging aus.

Es war ein trauriger Film. In manchen Momenten, als alles leise und melancholisch war, hörte man das Rascheln meiner Popcorntüte. Als ich das Kino verließ, dachte ich: Diesem Touristen habe ich es gezeigt!

Eine Woche später bereute ich meinen Triumph. Wieder saß ich im Kino, wieder kam ein leiser Film, wieder gab es Popcorn. Auch diesmal wollte ich ganz lässig sein. Doch irgendwann verkrampfte ich. Und das kam so: Eine Freundin kam zu spät. Sie sagte, sie habe noch etwas essen müssen vor dem Film – doch kaum saß sie in ihrem Sessel, fingerte sie ein Croissant aus einer mitgebrachten Bäckertüte. So eine Bäckertüte kann eine Menge Lärm verursachen. Schlimmer allerdings war der Mann, der vor mir saß. Er war schwerhörig. Deshalb ließ er sich von seinem Nachbarn laut alle Szenen erklären, die er nicht richtig mitbekommen hatte. Er hatte viele Szenen nicht mitbekommen.

Es war wieder ein trauriger Film. Mitten in der schwersten Melancholie klingelte irgendwo im Saal ein Handy. Als ich das Kino verließ, dachte ich: Alles ungehobelte Touristen!

Bin ich ungerecht? Spießig? Alt? Und: Warum schaue ich mir so oft traurige Filme an? Diese Fragen habe ich mir nach meinem zweiten Kinoabend gestellt. Ich habe mir auch Vorwürfe gemacht – wegen des wütenden Christoph und seiner genervten Frau. Erst zwei Wochen später traute ich mich wieder ins Kino – diesmal wählte ich extra einen als „heiter“ angekündigten Film. Ich lachte laut, die anderen auch, ja der ganze Saal war am Brüllen, und irgendwann, ich bekam es gar nicht mit, war meine Tüte Popcorn leer gegessen. Ich hatte das Rascheln selbst nicht gehört.

Zur Berlinale will ich jetzt nur in Komödien gehen. Vielleicht hilft das gegen die stille Wut beim Älterwerden.

Filme, in denen man die Stille nicht stören sollte: Lilja 4-ever (Schweden); Montags in der Sonne (Spanien). Heitere Filme bei der Berlinale: Muxmäuschenstill und Mitfahrer (beide Deutschland).

P.S. Wer bei der Berlinale zu spät kommt, weil er noch was essen geht, wird nicht mehr reingelassen.

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