Zeitung Heute : Im Kino weinen

Lars von Törne

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Die Zahl der Filme, bei denen mir die Tränen kamen, kann ich an einer Hand abzählen. Vier davon stammen aus meiner frühen Kindheit. Ich weinte bei: Winnetou I (als Nscho-tschi starb), Winnetou III (als Winnetou starb), Heidi (als Heidi den Alm-Öhi verlassen musste) und bei Timm Thaler (als der sein Lachen verlor). Danach habe ich mir das Weinen in Filmen irgendwie abgewöhnt, wie das bei werdenden Männern nun mal so üblich ist.

Bis ich vor ein paar Monaten bei der Berlinale den Film „Veer und Zara“ sah. Das indische Polit-Liebes-Drama, das jetzt auch im regulären Kinoprogramm läuft, ist der schönste, ergreifendste, herzschmerztränenanrührendste Bollywood-Film, den ich seit Jahren gesehen habe. Bei der dreistündigen Berlinale- Vorführung war ständig ein Rascheln der Papiertaschentücher und ein untersdrücktes Schniefen zu hören. Irgendwann an diesem langen Abend im Delphi-Kino weinte jeder von uns im Saal vor Ergriffenheit über die tragische Liebesgeschichte eines indischen Piloten zu einer jungen pakistanischen Frau, deren Vollendung durch allerlei Intrigen, politische Schweinereien und sonstige Schicksalsschläge auf viele Proben gestellt wird. Das ganze wird mit den wunderschönsten Liebesliedern, Gesängen und bis ins letzte Detail choreographierten Massentanz-Szenen garniert. Tief kitschig, aber so gut gemacht und mit genug Ernst vorgetragen, dass es auch bei emotional stabilen Menschen wie mir sofort ins Herz ging.

Als meine Schwester kürzlich in Indien war, brachte sie mir eine Veer-Zara-CD mit, außerdem ein paar Pakete scharf gewürzten Knabberkrams. Damit setzten wir uns vor einen anderen Bollywood-Film, der gerade im Fernsehen lief. Obwohl auch dort der indische Superstar Sharukh Khan aus „Veer und Zara“ mitspielt, war die Handlung nicht so überzeugend, der Kitsch zu dick aufgetragen und die Schauspieler ziemlich schlecht. So dass die einzigen Tränen wegen des scharfen Knabberzeugs flossen. Hinterher hörten wir den Soundtrack zu „Veer und Zara“. Da wurde uns wieder warm und schwer ums Herz.

„Veer und Zara“ läuft derzeit in den Kinos City Wedding (19 Uhr) und Hackesche Höfe (11 und 15 Uhr). Der Soundtrack ist inzwischen auch in Deutschland auf CD erhältlich.

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