Zeitung Heute : Im Kittchen ist ein Zimmer frei: Der kriminelle Sohn des Ex-Diktators Suharto narrt die indonesische Polizei

Armin Wertz

Die Zelle, die auf Häftling Nr. 2085 wartet, kennt inzwischen ganz Indonesien. Zwölf Quadratmeter ist der Raum groß, nicht nur ein Bett steht darin, sondern auch ein Fernsehapparat. Zu den Mahlzeiten gibt es meist Reisbrei mit einem hartgekochten Ei oder panierten Fisch, haben die Journalisten der Illustrierten "Tempo" herausgefunden. Dass sich so viele Menschen für die Haftbedingungen in Block IV A des berüchtigten Cipinang-Gefängnisses interessieren, hat einen einfachen Grund: Der Mann, für den die Zelle reserviert ist, heißt Hutomo Mandala Putra und ist der jüngste Sohn von Ex-Diktator Suharto.

Der 38-jährige Lieblingssohn des Ex-Präsidenten, der unter seinem Spitznamen "Tommy" bekannt ist, denkt allerdings nicht daran, die Zelle zu beziehen. Der Playboy und Rennsportfan war angeklagt wegen eines illegalen Immobiliengeschäfts, bei dem er den Staat um elf Millionen Dollar geprellt hat. Gespannt hatten die Indonesier die Verhandlung des Obersten Gerichts in Jakarta verfolgt. Denn zum ersten Mal musste sich ein Angehöriger der einst mächtigsten Familie des 210-Millionen-Einwohner-Staates für begangenes Unrecht verantworten.

Vor sechs Wochen hatte ein Richter den Sohn des Ex-Präsidenten zu 18 Monaten Haft und zur Zahlung von drei Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt. Freundlich in die Kameras der wartenden Journalisten lächelnd, verließ der Angeklagte damals das Justizgebäude - und verschwand. Seither ist Tommy nicht mehr aufgetaucht, sein Gnadengesuch hat Präsident Abdurahman Wahid abgelehnt. Er werde nur in Begleitung seiner Bodyguards in den Knast gehen, erklärte der Verurteilte, er habe gefährliche Drohungen erhalten.

Stundenlang standen die Beamten vor der Villa des auf 800 Millionen Dollar geschätzten Suharto-Zöglings im Regen, bevor sie an die Pforte pochten. Als niemand antwortete, entschieden sie, dem Häftling in spe ein paar Tage "Ruhe" zu gönnen, ehe sie das Haus durchsuchen wollten. Schließlich kündigte die Polizei fünf Tage später an, den Angeklagten "am Mittwoch, den 8. November, um fünf Uhr morgens" zu verhaften. Sie habe nur einen Haftbefehl aber keinen Haussuchungsbefehl gehabt, erklärte sie, als sie auch an diesem Tag unverrichteter Dinge wieder abzog. Als die Polizisten später zunächst in Tommys Villa, dann in den Anwesen seiner Geschwister sowie seines Vaters suchten, und zwar sogar in "der Küche und in Schränken", war der Verurteilte ausgeflogen. Auch bei der Verwandtschaft in anderen Landesteilen war er nicht zu finden. "Verhaften Sie Tommy sofort", wies der wütende Präsident seinen Justizminister an. Der bat die aufgebrachte Öffentlichkeit um Geduld. "Tommy kann jede von den Behörden ausgelobte Summe für Hinweise, die zu seiner Verhaftung führen, überbieten", erklärte ein Menschenrechtsanwalt.

Ein Regierungssprecher räumte inzwischen ein, die Behörde sei unerfahren im Umgang mit Mächtigen: "Wir haben noch nie den Sohn einer Person verhaftet, die super-superstark war und immer noch super-superstark ist." Der Justizminister gab zu, seine Behörde werde von eigenen Mitarbeitern behindert, die mit Suharto sympathisieren.

Sogar der Präsident geriet in Verdacht. Zwei Mal nach dem Urteil des Obersten Gerichts traf er Tommy Suharto im Hotel Borobodur in Jakarta. Der Präsident habe dem Verurteilten nur "in aller Freundschaft" geraten, die Strafe zu akzeptieren, verbreitete ein Wahid-Vertrauter. "Es gab keine Absprachen." Über den Vertrauten erzählt Tommys älteste Schwester Tutut übrigens eine interessante Geschichte. Danach hat der Berater des Präsidenten, der gleichzeitig Direktor einer islamischen Schule ist, den Flüchtigen um 15 Milliarden Rupiah (3 Millionen Mark) für die Unterstützung des Islam-Unterrichts gebeten.

Angesichts von Tommys gewaltiger Finanzkraft will die Presse noch weniger verstehen, warum er seine Strafe nicht antritt. Zumindest die schlechte Verpflegung in der Zelle dürfe kein Hindernis sein. "Jemand, der so reich ist wie Tommy", schreibt die Illustrierte "Tempo", "kann eine Menge Dinge bekommen, die das Leben im Gefängnis komfortabler gestalten."

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