Zeitung Heute : Im klassischen Schinkel-Stil

Die Gießerei „H. & Ph. Behr“ fertigt im traditionellen Sandgussverfahren und setzt die alte Familiengeschichte fort

Nora Sobich

Auf dem Tisch im Büro liegt gerade die Anfrage eines Berliners, der sein Familienwappen gegossen haben möchte. Er hat eine alte, nur schwer erkennbare Fotokopie mitgeschickt. „Davon wird jetzt eine Reinzeichnung angefertigt. Die kommt dann zum Graveur, der ein dreidimensionales Modell erstellt. Das wird dann im Sandgussverfahren gegossen“, erzählt Markus Behr. „Man kann sich den Guss später an die Wohnzimmerwand oder ans Haus hängen. Wie man es gern möchte.“

Mit dem rußigen Schornstein, dem Hochofen und der kantigen Backsteinarchitektur erinnert der alte Industriehof in der Friesickestraße in Weißensee an eine Großstadtstudie von Adolph Menzel. Seit dort vor 125 Jahren das Familienunternehmen Behr seine Eisengießerei gründet hat, scheint sich kaum etwas geändert zu haben. Nur die riesige Wanduhr aus DDR-Zeiten ist im Laufe der letzten Jahre auf halb Vier stehen geblieben und in der Produktionshalle wird seit Monaten auch kein glühend heißes Eisen mehr gegossen. Bis Ende des Jahres will die Firma nach Hohenschönhausen in eine 1800 Quadratmeter große Halle umgezogen sein. „Die Umweltbelastung war für ein Wohngebiet einfach zu groß“, sagt Johannes Behr, der das 1990 reprivatisierte Unternehmen gemeinsam mit seinem Bruder Markus Behr in der fünften Generation führt.

Durch das historische Berlin kann man wohl kaum einen Schritt machen, ohne auf ein Stück aus dem Unternehmen Behr zu stoßen: die verschnörkelten Straßenlaternen vor dem Opernpalais, die Kandelaber im Nikolaiviertel, die massiven Geländer der Schlossbrücke und Liebknechtbrücke, die historischen Schilder am Pariser Platz oder Unter den Linden. Nicht alle diese prächtigen Stücke haben schon hundert Jahre auf dem Buckel. Vieles von dem historisierenden Stadtmobiliar, zu dem auch Bänke, Papierkörbe, Poller oder Absperrgitter gehören, hat die Firma Behr während des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg oder erst jüngst im Zuge des Zusammenwachsens Berlins angefertigt.

An der Gusstechnik hat sich im Laufe der Jahrzehnte kaum etwas geändert: in einem mit Sand gefüllten Formkasten wird zunächst ein Negativabdruck erstellt. In dessen Hohlraum wird dann das glühend heiße Metall gegossen. Gerade für Objekte, die sich durch filigrane und verschnörkelte Formen auszeichnen, eigne sich der traditionelle Sandguss besser als Schmieden, Schweißen oder Biegen, erklärt Markus Behr: „Und für schlichtes, modernes Massenmobiliar ist das Verfahren wiederum viel zu aufwändig.“

Nicht nur der öffentliche Raum wird mit Gussstücken verschönert. Es gibt auch bei Privaten noch Bedarf für Dekoratives und Kleinteiliges wie Türklopfer, Stiefelknechte, Reliefplatten für die Wand oder den Kamin, Blumenschalen, Weihnachtsbaumständer, Wandleuchter und die berühmten Schinkelstühle, -bänke und -tische im Stil des preußischen Klassizismus. Wegen der Stilllegung der Produktionsstätte in Weißensee und der vorläufigen Einstellung des Eisengusses musste Behr inzwischen das Material wechseln. Ende der neunziger Jahre kaufte das Unternehmen in Schöneweide eine Aluminiumgießerei und in Köpenik eine Bronzegießerei auf. Aus Aluminium wird nun das gesamte Programm gegossen, das früher in Eisen gefertigt wurde. Aluminium ist zwar teurer und empfindlicher als Eisen, dafür aber rostfrei und um zwei Drittel leichter, wodurch sich wiederum die Transportkosten verringern. Markus Behr weint der Eisenzeit auch keine Träne hinterher: „Jetzt ist es Aluminium. Wer weiß, was es in zwanzig Jahren ist“, sagt er und freut sich, dass das Familienunternehmen aktiv ist. „Gerade, wenn man daran denkt, dass in den letzten fünfzig Jahren viele Gießereien den Bach runtergegangen sind. Durch unsere Einzelfertigung konnten wir dem Strudel entrinnen, vielleicht auch, weil unsere Firma in Ost-Berlin steht.“

Das handwerkliche Know-how der Firma Behr findet auch bei renommierten Architekturbüros wie „Ortner und Ortner“ oder „Hilmer + Sattler + Albrecht“ Beachtung. So entstanden die Lichtkränze in der Berliner Gemäldegalerie und demnächst werden im alten Chicago-Style Fassadenelemente aus Aluminium- und Bronzeguss für die Neubauten am Leipziger Platz erstellt. Auch Restaurateure aus ganz Deutschland gehören zu Behrs Kunden. Mal sind es alte Zäune, denen Rosetten, Pfeiler oder Spitzen fehlen, ein andres Mal gilt es, historische Grabmäler zu restaurieren wie das von Carl Friedrich Schinkel auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof oder das von General von Scharnhorst auf dem Invalidenfriedhof. „Man wundert sich dann, wenn man später hört, an welch berühmten Plätzen und Orten unsere Sachen eigentlich stehen“, sagt Markus Behr.

Die Aufteilung des Unternehmens in unterschiedliche Bereiche ist Strategie. „Mehrere Standbeine zu haben, ist heute lebenswichtig“, meint Johannes Behr. „Wenn mit den leeren öffentlichen Kassen jetzt am Stadtmobiliar gespart wird, bedeutet das für uns mit insgesamt 18 Beschäftigten nicht gleich eine Katastrophe." Auch der jüngst erworbene Bronzeguss soll kein Weg zur Massenfertigung sein. Aber man ahnt gar nicht, welche Unternehmen so alles Bronzeschilder mit ihren Firmen-Insignien bedürfen.

Wenn es auch nur ein kleines Standbein des Unternehmens ist: Private Wünsche werden angenommen. Eine Familie aus Süddeutschland wollte im vergangenen Jahr das abgebrochene Bronzeohr einer Rehstatue nachgebildet haben. Ein Berliner Familienvater wünschte die selbst erstellten Gipsbüsten von seiner Familie in Bronze verewigt. Ein ehemaliger Diplomat drückte Markus Behr eine schlichte Plastikschachtel mit Wachsabdrücken von Leopardenspuren in die Hand. Er hatte sie in Kenia gemacht. Die Tatzen in Bronze sollen Erinnerung für seine fünf Kinder sein. Nur 800 Euro hat die Sache gekostet. Und Behr fügt hinzu. „Das sind die schönen Besonderheiten, wenn hinter dem einzelnen Stück auch etwas steht.“

Eisenguss Behr. Friesickestraße 17 (Weißensee). Telefon: 924 65 12. Im Internet: www.behr-giesserei-berlin.de .

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