Zeitung Heute : Im Kloster Solowki im Weißen Meer ist der Boden "mit Blut getränkt"

Dorothea Hülsmeier

Kilometerweit fliegt das Flugzeug über Sümpfe, Seen, Lärchen- und Birkenwälder des Gebietes Archangelsk, über eine unbewohnte Region, wo die wenigen Straßen in der Einöde enden. Das Ziel, der russische Insel-Archipel Solowki im Weißen Meer, etwa 160 Kilometer vom Polarkreis entfernt, ist in einer Propellermaschine binnen eineinhalb Stunden von Archangelsk zu erreichen. Von Ferne erhebt sich die uralte Kreml-Anlage als eines der größten orthodoxen Klöster des alten Russland aus dem Meer. Auf die entlegenen Solowki-Inseln reisen wieder Touristen, die Einsamkeit suchen. Doch über dem Archipel liegt der Schatten des berüchtigten sowjetischen Lagersystems Gulag.

Von 1923 bis 1939 war der Archipel "Versuchslabor der Zwangsarbeit", heißt es im Schwarzbuch des Kommunismus. Das Solowki-Sonderlager war das "Grundmuster für einen anderen, noch zu errichtenden Archipel von der Größe des ganzen Landes, den Archipel Gulag", über das Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn und Warlam Scharlamow schrieben. Tausende Zwangsarbeiter starben auf den Solowki unter dem Terror der Kommunisten, erfroren in Erdhütten und Baracken oder wurden gefoltert hinter den eisig kalten Mauern des Klosters. Zeitweise waren auf den Inseln bis zu 45 000 Menschen - Politiker, Wissenschaftler, Künstler - interniert.

"Menschenleben zählten hier nichts", sagt der Reiseführer Michail. "Wie Sand wurden die Häftlinge herangekarrt." Wie viele Häftlinge auf den Inseln oder bereits auf dem beschwerlichen Weg in den eisigen Norden starben, ist unbekannt. Jahrelang wurde das Leid auf Solowki verschwiegen.

Erst Ende der achtziger Jahre wurde das Schweigen gebrochen. Im Gulag-Museum im Kloster zeigt eine Ausstellung Fotos und Namenslisten der Häftlinge. Unter dem Bild eines Institutslehrers aus dem damaligen Leningrad hängt eine rote Kunstnelke und ein letzter Gruß seiner Angehörigen. Sie erfuhren erst in den neunziger Jahren von seinem Schicksal. Doch Gräber gibt es auf der von 72 Seen überzogenen Hauptinsel Solowez nicht.

Heute versucht sich der Archipel von dem Schatten der Gulag-Vergangenheit zu befreien. Die sechs Inseln, von denen nur Solowez mit der Klosteranlage bewohnt ist, sind ein beliebter Urlaubsort für Familien. Aber auch kleine Kreuzfahrtschiffe aus Finnland, die über die Seen und Flüsse Kareliens bis zum Weißen Meer fahren, legen an. Durch die Sümpfe der Inseln führen Pfade aus Holzlatten und ein Kanalsystem. Finno-ugrische Völker legten 2000 Jahre vor Christi Geburt auf den Solowki ein geheimnisvolles Steinlabyrinth und Steingräber an.

1990 kamen die von den Kommunisten zu Beginn der 20er Jahre vertriebenen Mönche wieder und renovierten das Kloster, das vor 570 Jahren von den Asketen German und Sawatij unter schwierigsten klimatischen Bedingungen fernab der Zivilisation gegründet worden war. Heute leben hinter den mächtigen, erst im 16. Jahrhundert aus Stein errichteten Kreml-Mauern, wieder fast 40 Mönche. "Diese Insel ist mit Blut getränkt", sagt Nikita, ein junger Mönch aus Moskau. Doch die Spuren des Gulag sind heute weitgehend verwischt. Die Baracken der Gefangenen wurden vernichtet. Nur Holzkreuze, über die ganze Insel verstreut, halten die Tausenden Toten in Erinnerung.

Im Kloster mit bis zu fünf Meter dicken Mauern herrscht rege Bautätigkeit. Es wurde von der Kulturorganisation der Vereinten Nationen zum Weltkulturerbe ernannt.

Im kurzen Sommer geht die Sonne auf den Solowki gegen Mitternacht nur kurze Zeit im Meer unter, um Minuten später wieder aufzutauchen. Im acht Monate langen Winter sind die etwa 1000 Bewohner zum Nichtstun verurteilt. Der einzige Trost ist oft der Wodka.

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