Zeitung Heute : Im Kopf des Feindes

Che-Guevara-Plakate, ein Infostand der Trotzkisten, hennarote Haare – bei der Attac-Sommerakademie sieht es aus wie bei den Linken der 70er Jahre. Aber die Attackies sind anders: Keine Richtungskämpfe, keine Hierarchie, keine Ideologie. Stattdessen wollen sie ihre Gegner von innen kennen lernen.

Harald Martenstein[Münster]

Von Harald Martenstein,

Münster

Die Frauen haben bei der Attac-Sommerakademie eine klare Zweidrittelmehrheit. Zum Beispiel Friederike von der „AG Globalisierung und Feminismus“. Friederike kommt aus der Friedensbewegung und hat damals den legendären Kurs „Wie blockiere ich richtig?“ besucht. Dann war sie in einer K-Gruppe, anschließend als Autonome in Hamburg, danach im Dschungel bei den Zapatistas und ihrem Subkommandante Marcos. Jetzt sitzt sie also bei Attac auf dem Podium bei irgendeiner Diskussion. Faszinierend ist, dass man solchen Menschen ihre von politischen Leidenschaften durchzuckte Biografie nicht im Entferntesten ansieht. Sie trägt ein schwarzes Sommerkostüm, tritt perfekt gestylt und mit professioneller Lockerheit auf, sie könnte ohne weiteres auch Vorstandssprecherin von Bayer sein.

Oder Christina. Christina ist 25, sehr höflich, sehr sachlich, freundlich, aber auch distanziert, mit einem Wort: distinguiert. Bestimmt spielt sie Klavier. Früher hätte man gesagt: Tochter aus gutem Hause. Sie stammt aus Celle, studiert Politik, gehört zum harten Kern von Attac und den Gründerinnen der Sommerakademie, letztes Jahr in Marburg. Vor fünf Jahren war sie schon bei Demonstrationen gegen den Castor-Transport dabei, bald darauf bei Robin Wood. „Ich habe aber gemerkt, dass es letztlich auf die Wirtschaftspolitik ankommt.“ Sie hat die Grüne Jugend ausprobiert, das war nichts. Keine Dynamik. Christinas Eltern sind Post-68er. Grüne. Christina will sich von ihren Eltern nicht abgrenzen. Sie will lediglich einen eigenen Weg gehen. Über „Generation Golf“ sagt sie: „Das Buch steht für genau die Art von Welt, die ich nicht haben will.“

Wenn eine Attac-Frau die Wahl hat, ob sie mit Florian Illies zu Abend isst oder mit George W. Bush, nimmt sie Bush.

In Münster leitet Christina mit zwei anderen Frauen und einem Mann das Seminar „Privatisierung“. Vier Tage. Das Thema wird am Beispiel des Wassermarktes und des Gats-Abkommens durchgespielt. Über Gats wird zur Zeit verhandelt, ohne dass die Öffentlichkeit viel davon mitbekommt. Es soll die internationalen Wassermärkte für Großunternehmen öffnen, Endziel ist die völlige Privatisierung des Gutes Wasser, überall. Gats ist ein beliebiges Beispiel, privatisiert wird schließlich fast alles, mit immer den gleichen Argumenten. Im Seminar, das wegen Überfüllung geteilt werden muss, trainiert man Gegenargumentation. An der Wand hängen Zettel: „Dem anderen Fragen stellen!“ „Tempo aus der Diskussion nehmen!“ „Gegner dahin lenken, wo du dich sicher fühlst!“ In Rollenspielen übernimmt man, bei fiktiven Podiumsdiskussionen, die verschiedenen Positionen – jemand spielt Konzernsprecher, ein anderer die Bundesregierung, jemand die EU, wieder ein anderer Attac, und so weiter. Wir sollen die Positionen der Gegner von innen kennen lernen, indem wir in ihre Haut schlüpfen. Die Attac-Leute sollen schon vorher wissen, was ihr Gegenüber als nächstes sagen wird. Ich spiele den Regierungsvertreter von Ghana. Ich würde meine Wasserrechte gerne behalten, aber ich stehe nun mal unter starkem Druck der Konzerne und bin leider auch ein bisschen korrupt.

Am Ende des Seminars singen alle gemeinsam die „Wasserhymne“ von Attac, zur Melodie von „Wasser ist zum Waschen da“. Man darf aber auch vorher schon gehen.

Theaterarbeit als sozialer Widerstand

Attac versteht sich als „Bildungsbewegung mit Aktionscharakter“, das Konzept erinnert an die Arbeiterbildungsvereine des 19. Jahrhunderts. Hinter der Sommerakademie steht die Idee, jedes Jahr zahlreiche Personen zu geschulten, nicht leicht zu widerlegenden Anti-Globalisiern zu machen. Es geht darum, würde ein Attac-Mensch vielleicht sagen, die gesellschaftliche Hegemonie zurückzugewinnen. Diesmal sind es tausend Teilnehmer. Attac will Deutschland drehen, weg vom Neoliberalismus. Jeden Morgen kommt ein aktuelles Programm mit Seminaren und Workshops heraus, 50 oder mehr Punkte: „Moderationstraining“, „Copyright, das virtuelle Öl des 21.Jahrhunderts“, „Theaterarbeit als Möglichkeit sozialen Widerstands“.

Attac ist die am schnellsten wachsende Gesinnungsgemeinschaft in Deutschland. Gegründet 2001, von 200 Leuten. Heute, sagt die Geschäftsführerin Sabine Leidig, sind es 25000 Mitglieder und Mitarbeiter. Eine Verhundertfünfundzwanzigfachung innerhalb von zwei Jahren.

Sabine Leidig, mitteljung, hat rote Locken und war früher beim DGB. Die Mitglieder nennt sie „Attackies“.

Fast jede Bewegung hat einen Gründungsmythos. Attac, so heißt es, sei durch einen Leitartikel entstanden. Er stand 1997 in „Le Monde diplomatique“, einem angesehenen, nicht sonderlich radikalen Monatsblatt aus Paris, Auflage 180000, und hieß „Entwaffnet die Märkte“. Es muss wirklich ein Wahnsinnsleitartikel mit unglaublicher Power gewesen sein. Die Reaktion waren 4000 Leserbriefe und die Gründung von Attac. Der Name ist eine französische Abkürzung, so kompliziert, dass nicht mal die Geschäftsführerin es hinkriegt.

Attac verbreitet sich über die ganze Welt, in Deutschland geht es besonders schnell. Sabine Leidig sagt: „Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es bei uns keine Partei, die gegen Globalisierung und Neoliberalismus ist. Die gesamte Opposition sammelt sich bei uns.“ Die PDS zählt offenbar gar nicht mehr. Dann beschreibt sie die Struktur von Attac. Es ist gleichzeitig vage und kompliziert - viele Gremien, aber keines hat etwas Entscheidendes zu sagen. Attac besitzt kein Programm, keine Satzung, keinen Vorsitzenden und keine verbindliche Ideologie. Jeder darf mitarbeiten, egal, ob er Beiträge bezahlt oder nicht. Es funktioniert wie das Internet, weltweit und verknüpft, eine neue Internationale, aber ohne Zentrum. In der Organisation herrscht das Konsensprinzip. Das heißt: Man unternimmt nur etwas, wenn restlos alle dafür sind. Sämtliche strittigen Fragen werden ausgeklammert.

Sie lieben den Wissenschaftsjargon

Keine Richtungskämpfe. Keine Fraktionen. Keine Hierarchie. In Attac bilden sich die Erfahrungen der Linken ab. Die linke Geschichte kann man als eine Geschichte von erbarmungslosen Fraktionskämpfen, von Machtgier und Verrat, Intrigen und enttäuschten Hoffnungen schreiben. Attac aber sieht aus, als hätte es ein Organisationstheoretiker entworfen. Sein Auftrag: Erfinde eine Struktur, in der sogar ein Joschka Fischer garantiert nicht Häuptling werden kann. Erfinde etwas Linkes, aber minimiere die Gefahr von Verrat und Spaltung.

Keine verbindliche Ideologie. Die Leerstelle füllen sie mit Wissenschaft aus. Attackies lieben den Wissenschaftlerjargon. Sie wollen bessere Experten sein als ihre Gegner. Als es in einer Diskussion um die Warteschlangen in der Mensa geht, sagt ein vielleicht 18-Jähriger: „Wir müssen eben das Zeitmanagement effizienter gestalten.“ Sogar die Forderungen von Attac verstehen oft nur Experten, Sachen wie „Verbot der Hedge-Fonds“. Eine Studentin sagt: „Am Weltbild der Neoliberalen stört mich am meisten, dass es so schlicht ist.“

Das Weltbild von Attac sieht etwa so aus. Es gibt heute zwei politische Kräfte auf der Welt. Einerseits die Neoliberalen, die fast alles dem Markt überlassen möchten, alles privatisieren, grenzenloser Kapitalismus, Abbau des Sozialstaates, Agenda 2010. Sie sitzen in allen Parteien, schreiben alle Leitartikel, haben die Hegemonie. Auf der anderen Seite: die Verteidiger des Staates, des Sozialen, der Solidarität. Attac.

Entweder sind sie das letzte Aufgebot der Linken oder der Beginn ihres neuen Aufschwungs. Eines von beiden. Aber was?

Auf dem „Platz der weißen Rose“, wo die Attac-Leute nach harter Nacht in Jugendherberge oder Turnhalle frühstücken und sich zwischen den Seminaren erholen, sieht es auf den ersten Blick aus wie in den 70er Jahren. Nichts fehlt. Che-Guevara-Plakate, Einstein mit rausgestreckter Zunge, der Infostand der Trotzkisten, der handgeschriebene „Helferplan“, die hennaroten Haare, die Schlangen bei der Essensausgabe. Irgendwer spielt irgendwo auf der Gitarre irgendwas von Bob Dylan. Es sind viele aus der DDR dabei. Sie sind vielleicht 19 oder 21, aber bei der Vorstellung sagen sie: „Ich bin der Frank aus der DDR.“ In der DDR hält man wenig vom Neoliberalismus.

Einerseits ist Attac professioneller als fast alles, was die Linke in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat. Andererseits bleibt Attac ein politisches Phantom. Attac ist gegen Privatisierungen, gegen kapitalistische Globalisierung – aber es ist unmöglich, zu sagen, wofür Attac eigentlich steht, für welche Art von Alternative. Dazu ist das Bündnis viel zu breit. Auch ganze Organisationen können beitreten, 250 haben es getan, von Pax Christi und Terre des Hommes bis zum Institut für angewandte Psychoanalyse und dem „Arbeitskreis Frauen und Weltwirtschaft der Fachstelle für Frauenarbeit“. Das Motto der Sommerakademie könnte von Dr. Motte und seiner Love Parade stammen, so unverbindlich und leicht gaga klingt es. Letztes Jahr: „Aufstehen für eine andere Welt“. Diesmal: „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“.

Die erste Sommerakademie wurde, typisch Attac, von einem Soziologenteam auf Effizienz überprüft und bis ins Kleinste analysiert. Deshalb darf als wissenschaftlich bewiesen gelten, dass „keine einzige Person die Atmosphäre beim Kongress als unangenehm empfand“ und dass Infostände der Grünen, die fast alle Attackies als Verräter verachten, starke Unlustgefühle hervorrufen. Die Teilnehmer gehören drei Hauptgruppen an, erstens Studenten, zweitens Lehrer, drittens Wissenschaftler. Das Durchschnittsalter beträgt 33,17 Jahre.

So lügen Statistiken. Auf dem Platz der weißen Rose sieht man alle möglichen Menschentypen, aber so gut wie nie einen 33-Jährigen. Die meisten Leute sind jung, ab 14 bis etwa 25. Eine Minderheit ist 50 und älter. Die Altersgruppe dazwischen fehlt fast völlig.

Letztes Gefecht

Für die letzten kompromisslosen 68er, die nicht den Weg von Joschka Fischer gegangen sind, ist Attac ein Glück, mit dem realistischerweise nicht mehr zu rechnen war und dass sie wahrscheinlich kaum fassen können. Plötzlich ist wieder eine Massenbasis da. Man sieht pittoreske Persönlichkeiten wie Werner Rätz, früher Kommunistischer Bund, der im Film als Karl-Marx-Darsteller auftreten könnte. Oder John Holloway, einen Soziologieprofessor, der Rudi Carrell verblüffend ähnlich sieht und hinreißende Reden gegen den „bürgerlichen Begriff von Raum und Zeit“ hält. Klassenkampf, Revolution, der Glaube an die Macht der Thesenpapiere, alles wieder da. Manche Veteranen treten auf, als hätte man sie 1970 in eine Zeitmaschine gestopft und als seien sie gestern wieder herausgekrabbelt, etwas verstrubbelt, ein bisschen grauer und dicker zwar, aber unverdrossen. Es ist ihr letztes Gefecht, aber auch das letzte Gefecht kann man ja gewinnen.

Allerdings hält sich die Begeisterung der Jugend in Grenzen. Beifall gibt es vor allem für feurige Bekenntnisse zur Revolution, das Pathetische kommt als Stil gut an. Es wird aber auch kräftig gebuht, zum Beispiel, wenn jemand etwas gegen die repräsentative Demokratie sagt. Besonders weitschweifige Theoretiker werden durch Dauerbeifall zum Schweigen gebracht, auch, wenn sie aus der Dritten Welt kommen. Eine Frage des Zeitmanagements.

Am heißesten Tag findet bei Peter von Attac Mainz ein überfülltes Seminar statt, zum Thema „Lebensstil und Politik“. Peter trägt einen – natürlich inoffiziellen und unverbindlichen – Wertekanon für Attackies vor. Grundprinzip: „Vom viel haben zum gut leben.“ Ehrfurcht vor dem Leben. Wahrhaftigkeit. Solidarität statt Konkurrenz. Die Werte stammen aus Speicherbeständen der Ökumene. Von Zeit zu Zeit schwankt eine Person aus dem Raum, der Ohnmacht nahe, es sind bestimmt 50 Grad da drin. Peter schaut auf und sagt: „Ich bin nicht Jürgen Möllemann.“ Münster war die Heimat von Jürgen W. Möllemann. „Wir haben bei Attac kein Projekt 18. Aber ich sage euch: In zehn Jahren haben wir zehn Prozent der Bevölkerung hinter uns. Dann können wir wirklich etwas bewegen.“ Aber was?

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