Zeitung Heute : Im Kopf des Terroristen

Was geht in einem Selbstmordattentäter vor? Erstmals wagt sich ein Regisseur an das Tabu – und das in Nablus, wo die Dreharbeiten täglich überholt werden von der Wirklichkeit

Annabel Wahba[Nazareth]

Khaled hat kein Glück mit dem Tod. Er hatte die Nacht im Gebet verbracht, sich gereinigt und in ein weißes Tuch gehüllt. Er hatte noch ein Foto von sich machen lassen, mit hoch erhobenem Kopf und Gewehr. Im Paradies würden die Jungfrauen schon auf ihn warten. Den Koran trug er in der linken Brusttasche, ganz nah am Herzen. Khaled wollte den Tod begrüßen wie einen alten Freund.

Zusammen mit Said machte er sich auf den Weg nach Tel Aviv, die Gürtel trugen sie um den Bauch geschnallt. Sie kannten sich gut, hatten gemeinsam den Schulabschluss gemacht. Aber an diesem Tag kamen sie nicht ans Ziel. – Sie leben noch. Jetzt steht Khaled wieder im Hauptquartier seiner Organisation, allein, und betrachtet sein Gesicht im Spiegel.

Sollte der Märtyrertod doch eine große Lüge sein?

Ali Suleiman ist Khaled. Ein großer dürrer junger Mann. Zuletzt spielte der israelische Araber im Theater Nathan, den weisen Juden. Davor übernahm er die Rolle eines Holocaust-Opfers. Jetzt spielt er einen, der sich in die Luft sprengen will, um möglichst viele Juden zu töten. „Es klingt verrückt“, sagt er, „aber als Schauspieler fühle ich mit allen drei Personen mit.“ Und als Mensch?

Die letzten 24 Stunden zweier Selbstmordattentäter. Ehe überhaupt eine Szene von „Paradise Now“ gedreht war, schon im Februar auf der Berlinale, wurde der Spielfilm in mehrere Länder verkauft. Während der Terror längst nach Europa gekommen ist, geht „Paradise Now“ zurück in das Land, wo Menschen vor elf Jahren begannen, ihre Körper zu Waffen zu machen. Es ist ein Film, der sich in die Köpfe palästinensischer Attentäter versetzt – daran hat sich noch kein Filmemacher gewagt.

Der Regisseur, Hany Abu-Assad, ist Araber, einer der Koproduzenten, Amir Harel, Jude. Beide sind sie in Israel aufgewachsen und seit vielen Jahren befreundet. Sie wissen, dass mit dem Erfolg ihres Filmes zumindest in Israel auch ein Sturm losbrechen wird. Allein die Dreistigkeit, zwei angehende Selbstmordattentäter zu Filmhelden zu machen, wird viele abstoßen. Aber die beiden Männer glauben, dass die aussichtslose Lage es verlangt, nach drastischen Mitteln zu greifen. „Die Zeiten für Salongespräche sind vorbei“, sagt Amir Harel. „Diese Wahnsinnigen auf beiden Seiten haben uns in einen Alptraum getrieben.“

Die meisten Szenen von „Paradise Now“ drehten sie, wo die Anschläge tatsächlich geplant werden, in Nablus. Die Menschen dort will der Film erreichen, deshalb muss er auch authentisch sein. Es war ein Wagnis, nach Nablus zu gehen, in eine Stadt, in der sich der Krieg eingenistet hat. In der Ausgangssperren die Drehpläne durcheinander bringen und zornige Männer ihre Bomben basteln. In eine Stadt, die man nur durch einen Checkpoint verlassen kann, die umgeben ist von Bergen. Die Bewohner kommen hier nicht raus, und drinnen im Kessel kocht es.

Was passiert, wenn man die Realität eines Ortes zur Fiktion macht? Wenn täglich Schüsse hallen, während der Dreharbeiten Freunde sterben, wenn sich Realität und Fiktion verwischen? Der Schauspieler Ali Suleiman sagt, noch nie hat eine Rolle ihn so verändert.

Ali Suleiman ist in Nazareth aufgewachsen, seine Familie musste ihr Heimatdorf 1948, nach der Staatsgründung Israels, verlassen. Man siedelte sie um. Das Dorf, ihr Haus, es existiert nicht mehr, heute steht dort ein Kibbuz. Seine Eltern fuhren mit ihm dorthin, um ihm zu zeigen, wo seine Wurzeln sind. Aber Ali Suleiman sagt, er hat nichts gespürt dabei.

Nach Drehschluss läuft er in einer thailändischen Wickelhose herum, sie ist ihm viel zu groß, am Bund guckt die Unterhose hervor. Er hat in Tel Aviv Schauspiel studiert. Wie ein Mensch mit einem Knall aus dem Leben gehen kann, sich zur Bombe macht, das konnte er nicht verstehen. Er selbst ist in Tel Aviv ja ein potenzielles Opfer. Ali Suleiman war noch nie in den besetzten Gebieten gewesen. Jetzt hat er zwei Monate in Nablus, im Westjordanland hinter sich.

Einmal unterhielt er sich am Drehort mit einem Komparsen, der schon fertig gekleidet für die nächste Szene dasaß und weinte. Ein Freund von ihm war kurz zuvor erschossen worden. In Nablus ist der Tod allgegenwärtig. Jederzeit kann neben dir eine israelische Rakete einschlagen, weil dort vielleicht gerade ein Hamas-Führer liquidiert wird. Die Kinder sehen zu. Die Ursache, was diesen Krieg einmal ausgelöst hat, haben die Menschen vergessen. „Du bist der Besatzungsmacht völlig ausgeliefert“, sagt Ali Suleiman.

Er war zusammen mit anderen Schaupielern schon drei Wochen vor Drehbeginn nach Nablus gereist. Der Regisseur wollte, dass sie die Enge spüren, die Verzweiflung, um sie dann auch überzeugend spielen zu können. Suleiman sagt, er versteht jetzt zumindest, wie Attentäter denken: Wenn du schon nicht leben kannst, dann musst du sterben mit deinem Feind. Menschen, die bereit sind, sich in die Luft zu sprengen, kann man nicht beherrschen, sie nehmen dem Besatzer die Macht aus der Hand. Das ist ihr Ziel.

Seit den Wochen in Nablus trägt Ali Suleiman eine Traurigkeit in sich, die er vorher nicht gekannt hat. Tel Aviv war einst sein Zuhause, jetzt schämt er sich für sein bequemes Leben dort, und fragt sich, was er tun kann für seine Freunde in Nablus, die er nach den Dreharbeiten zurückgelassen hat. „Ich habe gesehen, was die Besatzung aus Menschen macht. Aus den israelischen Soldaten, die ihre Feinde demütigen und töten, und aus den Palästinensern, die ihren letzten Ausweg darin sehen, sich in die Luft zu sprengen.“

Nachdem die wichtigsten Szenen in Nablus gedreht waren, zog das Filmteam weiter nach Nazareth in Israel. Hier ist es ruhiger. In Nablus saßen junge Männer mit Gewehren, verborgen in Plastiktüten, am Drehort. Als Beschützer des Filmteams. In Nazareth sind es ältere Herren mit Wasserpfeifen. Wenn sie nicht rauchen, sorgen sie dafür, dass Schauspieler und Techniker genug zu essen haben. Auf dem Tisch vor ihnen liegt ein kleiner Föhn. Bevor der parfümierte Tabak auf die Kohle in der Pfeife kommt, muss sie richtig glühen. Ein tiefer Zug, es duftet nach Apfel, süße Rauchwolken, künstliches Aroma. Vögel zwitschern im Nebel, und irgendwo weit weg wimmert die Alarmanlage eines Autos. „Quiet please, we’re shooting.“

Eine große blonde Frau, Knopf im Ohr, Walkie-Talkie in der Hand, passt auf, dass keiner redet. Sie führt das Kommando, wenn einer der Herren den Mund aufmacht, ist sie sofort zur Stelle. Das ist gewiss kein Paradies. Von drinnen, im alten israelischen Militärgebäude, hört man Schreie. Ein paar Tage lang hat hier eine Terrororganisation ihren Sitz. Suha, gespielt von der Belgierin Lubna Azabal, ist da drin. Sie will den Chef der Organisation überzeugen, Said und Khaled nicht noch einmal mit dem Sprengstoff nach Israel zu schicken. Bei der ersten Fahrt hatte ihnen eine Militärpatrouille den Weg abgeschnitten, so dass sie wieder umkehren mussten. Suha liebt Said. Aber das nützt nichts, denn wenn die Entscheidung einmal gefallen ist, gibt es kein Zurück.

Am Abend nach dem Dreh sitzt Regisseur Hany Abu-Assad im Restaurant in Nazareth, seiner Heimatstadt. Vor ihm liegt gebratener Fisch, hier isst man mit den Fingern. Aber wie macht er das mit den Gräten? Es sieht so aus, als zermalmt er sie zwischen den Zähnen. Der hat keine Angst, dass ihm mal die Luft wegbleibt.

„Filmemacher sind immer ein bisschen wahnsinnig“, sagt Hany Abu-Assad. „Wie sonst könnte man über Jahre hinweg all seine Zeit einer einzigen Idee widmen, bis am Ende vielleicht ein Film daraus wird?“ Abu-Assad, 42, lebt in Amsterdam. Jetzt, da die Dreharbeiten zu Ende sind und er wieder in Nazareth ist, sagt er: Nablus war ein Trauma. „Ich hatte nicht erwartet, dass die Zerstörung der Gesellschaft schon so weit fortgeschritten ist.“ Er hätte nicht gedacht, dass die Wirklichkeit sie so schnell einholen würde. In Nablus gibt es keine Autoritäten mehr, Dutzende bewaffneter Gruppen ringen um die Macht. Die Chefs der Hamas, der Al-Aksa-Brigaden und der PFLP sitzen hier. Dutzende Terroranschläge wurden in Nablus geplant.

Irgendwann stand dann eine dieser Splittergruppen im Büro des Filmteams, Männer mit Gewehren. Ihr müsst Nablus verlassen, sagte der Anführer, sonst passiert hier was. Vielleicht hat ihnen das Drehbuch nicht gefallen, dass sich Suha und Said küssen, dass einer der Attentäter eine Wandlung erlebt. „Aber vor allem ging es ihnen um Geld“, sagt Hany Abu-Assad, „Schutzgeld“. Da kommt er, um einen Film zu drehen, und sie behandeln ihn, als wäre er ein Eindringling. Wahrscheinlich hat den Männern mit den Gewehren schließlich eine Gruppe mit größeren Gewehren Druck gemacht. Jedenfalls kamen die Männer ein paar Tage später zurück, butterweich, und sagten: Bitte, bleibt. Denn die Bewohner hatten die Leute aus dem Filmteam längst schätzen gelernt, auch wenn sie mit ihren Dreadlocks und opulenten Tätowierungen nicht ganz dem nahöstlichen Schönheitsideal entsprachen. Immerhin brachten sie Arbeit in die Stadt.

Aber irgendwann wurde Nablus zu gefährlich. Vielleicht würde schon bald eine andere Miliz mit ihren Gewehren im Büro stehen? Als im Mai dann noch das israelische Militär zum ersten Mal seit langem wieder Raketen auf Nablus schoss – um Hamasaktivisten zu töten – zog die Filmproduktion nach Nazareth.

Am Tag vor der Abreise hörten alle eine laute Explosion. Rukaya Sabah, die die Dreharbeiten filmte, um darüber eine Dokumentation zu machen, saß gerade beim Mittagessen in der Altstadt. Sie nahm ihre Kamera und rannte los. Die Wirklichkeit ist grausamer, als es ein Drehbuch je sein kann: Sie filmte ein Auto, ausgebrannt und ohne Dach. Genau an dieser Stelle hatten am Tag zuvor zwei aus dem Team Besorgungen gemacht. Während Helfer zwei Leichen wegtragen, sammeln Passanten die Überreste eines Dritten auf. Körperteile liegen am Boden, Kinder stehen daneben, ein Mädchen ruft aufgeregt: Das Gehirn liegt in unserem Garten.

In den Nachrichten heißt es, das Auto sei explodiert, weil die drei Männer darin Sprengstoff transportierten. Augenzeugen wollen jedoch israelische Hubschrauber über der Stadt gesehen haben, die das Auto beschossen. Für viele in Nablus macht es ohnehin keinen Unterschied. Und selbst die Kinder werden wieder zu den Aufmärschen gehen, Dutzende zwischen acht und zwölf, im Gleichschritt, marsch. Mit ihren schwarzen Masken überm Gesicht sehen sie aus wie kleine Sensenmänner. Todesengel mit weicher, duftender Haut.

Die Wirklichkeit ist grausamer als es ein Drehbuch je sein kann. Aber dafür ist das Kino der Wirklichkeit auch ein Stück voraus. Niederländer, Deutsche, Franzosen haben mit Israelis und Palästinensern an diesem Film gearbeitet. „Dass es so eine Zusammenarbeit überhaupt gibt“, sagen Roman Paul und Gerhard Meixner von der Berliner Produktionsfirma Razor, „zeigt für sich schon eine Alternative zum Hass.“

In Israel werden sich trotzdem viele fragen: Wozu brauchen wir einen Film, der sich in den Kopf zweier Attentäter versetzt – auch wenn einer der beiden nach dem gescheiterten Anschlag Zweifel bekommt? Die Wut wird vor allem den jüdischen Koproduzenten Amir Harel treffen. Aber er sagt, dass er die Palästinenser, die keiner mehr versteht, zu Wort kommen lassen will – ohne damit die Anschläge zu rechtfertigen. „Was in Politik und Medien hier mittlerweile stattfindet, ist eine Entmenschlichung der Palästinenser.“ Umgekehrt ist es natürlich nicht viel anders.

Zwei Männer, die noch 24 Stunden haben, um zu leben. Was geht in denen vor?

„Bist du glücklich?“, fragt Said einer der palästinensischen Kämpfer vor dem Attentat.

„Ja, sehr.“

Er will als Märtyrer die Familienehre retten, denn sein Vater hat mit den Israelis kollaboriert.

Sein Freund Khaled unterdrückt die Zweifel erst einmal. Er hat Said versprochen, mit ihm zu sterben.

„Mein Auto“, fällt Khaled am Abend vor dem Attentat plötzlich ein, „ich muss es noch verkaufen.“

Ein Auto. Dabei hat er sein ganzes Leben der Organisation geschenkt. Und was ist dieses Leben wert? 150 Dollar. Mehr kostet ein Attentat nicht.

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