Zeitung Heute : Im Kreis der Rache

„Alles, was sich in fünf Jahren entwickelt hat“, sagt ein deutscher Soldat im Kosovo, „ist weggebrannt.“ Und er meint damit nicht nur Häuser. Die Schutztruppen der Nato stehen zwischen den Fronten, die sie für befriedet hielten – ein vorhersehbarer Irrtum.

Josef-Otto Freudenreich[Prizren]

Wer über das Kosovo fliegt, wird den Eindruck nicht los, dass jemand viele rostbraune Würfel aus einem großen Becher auf dieses kleine Land geschüttet hat. Das sind die Häuser. Unten gelandet, sieht man, wie viele wieder verbrannt sind, und dann kommen einem die gewaltigen Militärlager dazwischen gar nicht mehr so beängstigend vor. Auch die 3200 Deutschen haben sich hinter hohen Wänden, Draht und Sandsäcken verschanzt. Seit einer Woche weiß man, warum.

Doch auch hier, bei der Brigade Südwest in Prizren, ist nicht alles Beton. Hier gibt es, inmitten des schweren Geräts, einen schmucken Holzbungalow, der „Oase“ heißt und den Soldaten zur Erholung dienen soll. Dort können sie unter Plastikpalmen, die bis an die Decke reichen, Gulasch für drei Euro essen, Skat spielen oder deutsches Fernsehen gucken. Aber an diesem Abend reizt keiner. Die wenigen, die um die Tische sitzen, spüren Beklemmung und Wut.

Als „Tage des Zorns“ bezeichnet ein Offizier jene Zeit, die seit dem vergangenen Mittwoch ins Land gegangen ist. Vor fünf Jahren sind sie ins Kosovo eingerückt, um die Menschen davor zu schützen, sich gegenseitig umzubringen. Die Serben vor den Albanern, die Albaner vor den Serben. Jetzt haben sie zusehen müssen, wie die Albaner orthodoxe Kirchen abgefackelt haben und wie sie die Serben in deren Häusern ausgeräuchert haben. „Alles, was sich in fünf Jahren entwickelt hat“, sagt der Soldat, „ist weggebrannt.“ Er meint nicht nur Gebäude, wenn er das sagt.

Der Zweimeterkerl hat Philosophie studiert und geglaubt, er könne die Menschen verstehen. Ihre Tradition, ihre Identität, ihre immer noch archaische Gesellschaft. Aus dem Schutt der orthodoxen Bischofskirche von Prizren hat er einen zehn Zentimeter langen Nagel geklaubt. Er wird ihn mit nach Hause nehmen, als „Symbol des Wahnsinns“. Und er wird erzählen, dass sie nichts tun konnten, als 36 Serben auf Lastwagen zu laden und in einer Turnhalle in Sicherheit zu bringen. Unter ihnen ein zweijähriges Kind, ein 86 Jahre alter Greis und eine Frau, die im achten Monat schwanger ist.

Regungslos vor den Trümmern

Eine Woche nach dem schrecklichen Mittwoch wandern wir mit Pater Walter Happel durch die Stadt Prizren, die gewiss die schönste ist im Kosovo. Die Menschen sitzen in den Cafés am Ufer der Bystrica, schlendern über die Allee zum Scherdewan, dem Wasserplatz, und wenn da nicht die verkohlten Reste der Kirche, des Priesterseminars, und der Wohnhäuser unterhalb der türkischen Festung wären, könnte man meinen, man sei im Tessin. Happel hat die Leute auch am Tag nach der Brandnacht gesehen und sich gewundert, wie regungslos sie vor den Trümmern standen, die heute noch nach Feuer riechen. Er habe in ihren Gesichtern weder Trauer noch Triumph erkennen können, berichtet er, nur stille Genugtuung. Als wollten sie sagen: „Jungs, ihr habt einen guten Job gemacht.“

Happel ist nach Prizren gekommen, um in der 200000-Einwohner-Stadt ein Gymnasium aufzubauen. So haben es ihm die Jesuiten, sein Orden, aufgetragen, und im Herbst hätten, wenn alles gut gegangen wäre, 700 Kinder dort lernen können. Das wäre sinnvoll gewesen, weil die Schulen schlecht sind, viele Lehrer für ihre 120 Euro im Monat wenig Ehrgeiz zeigen. In den Tagen nach dem Feuer ist der 58-Jährige, der zuletzt das Jesuitenkolleg St. Blasien im Schwarzwald geleitet hat, in seinem grauen Anzug immer wieder durch die Reste der Kulturdenkmäler gestolpert. Er weiß, wo die 20-Liter-Kanister liegen, aus denen das Benzin in die Flammen geschüttet wurde.

Er kennt die Säulen, auf die das Zeichen der UCK gemalt ist, jener brutalen Militärs, die einmal die Armee des Kosovo sein wollten und nach denen die Albaner wieder rufen. Und er sieht den aufgebrochenen Putz, aus dem die elektrischen Leitungen gerissen wurden, und die Kinder, die wegschleppen, was irgendwie verwendbar ist. Happel steht davor und weiß nicht, ob er schreien oder weinen soll. Er entscheidet sich gegen beides. „Es ist halt so. Das ist nur mit Bildung zu ändern.“

Erst später wird er wütend sein, und er wird über alle schimpfen, die immer noch behaupten, der Islam sei eine Religion der Versöhnung. Die Politiker, meint der Pater, sonst die Ruhe selbst, sollten sich den Balkan einmal anschauen, bevor sie vom Dialog zwischen den Ethnien schwadronierten. Im Kosovo müssten sie mit Albanern, die 90 Prozent der zwei Millionen Bewohner stellen, mit Türken, Bosniern, Roma und Serben reden. Happel möchte lieber seine Schule haben, wo die Kinder von klein auf frei von nationalistischem Hass ein friedliches Miteinander lernen können. Aber nach diesen Tagen ist das Projekt gefährdeter denn je.

Eine solche Schule fürs Leben wäre wohl eine Chance, künftig zu verhindern, was Lutfi Tahiri (Name geändert) geschehen ist. Der weißhaarige Mann sitzt vor seinem zweistöckigen Haus, das noch nicht ganz fertig ist und am Eingang zum Serbenviertel liegt. Tahiri ist 52 Jahre alt. Er hat es zu bescheidenem Wohlstand gebracht, weil er lange Jahre in Luzern als Kellner, Schlafwagenschaffner und Marmeladenhersteller gearbeitet hat. Sein Stolz ist ein blauer Golf und eben dieses Haus. In jener Nacht sind drei Männer davor aufgetaucht, mit Molotowcocktails. Sie klingelten und schrien durch die Tür, dies sei ein Serbenhaus und deshalb müssten sie es anzünden. Tahiri brüllte vom Balkon hinunter, er sei katholisch und Albaner, und wenn sie hereinkämen, würde er sein Gewehr holen und schießen. Es waren nicht die Worte, es war die Waffe, von der sich die Männer, deren jüngsten er auf 17 schätzt, zum Gehen bewegen ließen. Sie suchten sich ein anderes Haus aus, 50 Meter weiter, und Tahiri sagt in seinem bedächtigen Schwyzerdütsch: „I hab’ das nüt verstanden.“

Mit seiner Unfähigkeit zu begreifen ist er nicht alleine. Auch der Parlamentsabgeordnete, dessen Name aus Rücksicht auf seine Unversehrtheit verschwiegen sei, kann nur mit Erklärungsversuchen dienen. Der Mittvierziger zählt zur kleinen intellektuellen Elite, die noch geblieben ist, und zur Opposition in der stärksten Partei, der LDK von Präsident Ibrahim Rugova. Die Menschen setzen keine Hoffnung mehr in ihn, sagt er, weil Rugova eine Marionette der Vereinten Nationen sei. Der Abgeordnete hat ein 30-seitiges Papier der UN-Verwaltung Unmik mitgebracht, die das Kosovo wie ein Königreich regiert. Fein untergebracht in blau verspiegelten Hochhäusern, gut ausstaffiert mit durchschnittlichen Monatsgehältern von 6500 Euro und berechtigt, jeden Parlamentsbeschluss zu kippen, der ihr nicht passt.

Der Bericht handelt von der Rückführung der geflohenen Serben, dem zentralen Thema der Unmik. Stolz führen die UN-Bürokraten an, dass seit Ende des Krieges 9000 Serben in das Kosovo zurückgekommen sind und dafür allein im Jahr 2002 rund 30 Millionen Euro bezahlt wurden. Sie räumen ein, dies seien weniger als fünf Prozent der Geflüchteten, womit „wir erst am Anfang sind“, aber die Rückführung soll weitergehen. Das ist auch der Wille von Präsident Rugova, der im vergangenen Dezember erklärte: „Die Serben sollen heimkehren, um ein demokratisches, friedliches, sicheres, multiethnisches Kosovo aufzubauen, in dem alle Bürger gleich behandelt werden.“

„Die schlagen dich tot“

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Zum Beispiel in Mitrovica. Vor einem Monat saßen hier noch Schüler am Grenzfluss Ibar, haben gelacht und Steinchen auf dem Wasser tanzen lassen. Auf die Frage, ob sie nicht mal nach drüben, in den serbischen Teil der Stadt, gehen wollten, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Nein, niemals zu diesen Verbrechern.“ Und auf der anderen Seite knurrte der Wirt auf die gleiche Frage: „Nie, die schlagen dich tot.“ Damals wäre es noch möglich gewesen überzuwechseln, weil die Unmik gedacht hat, alles sei friedlich. Sie hatte nur die internationale Polizei, die von der Bevölkerung wegen ihrer rotweißen Autos als „Coca-Cola-Polizei“ verspottet wird, an der Brücke postiert. Seit Dienstag, dem 16.März, steht dort wieder die Kfor mit ihren Panzern. Es war der Tag, an dem zwei albanische Kinder in der Ibar ertranken. Die Albaner behaupten, weil sie von Serben ins Wasser getrieben wurden, die Serben sagen, die Kinder hätten die Strömung unterschätzt.

Doch auf solche Unterschiede kommt es im Kosovo schon lange nicht mehr an. Wer mit den Menschen spricht, was für einen Deutschen leicht ist in einem Land, in dem die Bäcker ihre Läden schwarz-rot-gold streichen, der spürt den Hass fast körperlich. Das beginnt beim Schimpfen über das Geld, das die „heimgeholten“ Serben für den Hausbau erhalten und endet bei diesen furchtbaren Geschichten, die jeder aus seiner Familie zu erzählen weiß. Berichte von Massakern hüben wie drüben. Dann genügt eine ungesicherte Information, wie jene aus Mitrovica, und das Land brennt. Es gibt eine Regel in dieser Rachegesellschaft, die den Schutz des Clans vor das staatliche Recht stellt. Sie ist so schlicht wie verhängnisvoll: Wer mein Kind tötet, wird getötet. Eine verheerende Mischung aus Blutrache, Nationalismus und dem Gefühl tiefer Demütigung, gepaart mit wirtschaftlicher Not und politischer Perspektivlosigkeit.

Wer steckt dahinter?

Mag sein, sagen sie bei der Nato, dass das Fanal nicht geplant war, aber bereits die ersten Stunden nach der Meldung aus Mitrovica hätten gezeigt, dass eine steuernde Hand dahinter stecke. Warum wohl, fragen die Soldaten in Prizren, haben die Demonstranten ihre Ausfahrt blockiert, während in der Altstadt der Mob die Molotowcocktails warf? Warum war das lokale Fernsehen mit einem Ü-Wagen hier, noch ehe die Flammen in die Höhe schossen? Warum haben die Serben zwei Tage zuvor Bücher aus der Bibliothek der Stadt weggetragen?

Die Antwort suchen viele bei der UCK, die sich im Krieg als Befreiungsarmee gerierte und doch nicht viel besser war als der Feind. Ihre Helden stehen heute in Granit gemeißelt auf jedem Dorfplatz und jedem Friedhof, ihre Nachfolger sind in der paramilitärischen Organisation namens TMK, die als eine Art Technisches Hilfswerk dargestellt wird. Nur ihr ist es zu verdanken, gestehen sie bei der Nato, dass es in Prizren nicht zu einem Blutbad gekommen ist. Auf sie haben die Demonstranten gehört. Seitdem ist die TMK ein Vermittlungspartner, und die UCK ist wieder mit im Boot.

Für die Soldaten in der „Oase“ ist das keine Antwort. Nicht, weil sie jetzt auch noch Alkohol und Ausgang gestrichen bekommen haben. Sie fragen einfach nach dem Sinn ihrer Mission, die dem Frieden dienen sollte und nun im Desaster zu enden droht. Es wird ihnen wenig helfen, wenn ihre Befehlshaber jetzt „Show of force“ ankündigen, was ins Deutsche übersetzt bedeutet: zeigen, wo der Hammer hängt. Dieses verlorene Land, in dem die Häuser immer wieder brennen werden, ist nicht mit Gewalt zu retten. Es bräuchte die Happels dieser Welt.

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