Zeitung Heute : Im Kreis

Wochenlang mussten die Männer auf dem Dorfplatz sitzen. Dann wurden sie geholt und umgebracht. Szenen aus dem Sudan

Ilona Eveleens[Kas]

Fatima sitzt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in der Ecke eines Schulraumes in dem sudanesischen Ort Kas. Von ihrem Heimatdorf Kailek, rund 60 Kilometer weiter westlich, ist nicht viel mehr übrig als ein paar zerstörte Küchengeräte, Betten und Schränke. „Eines Tages im Februar hörte ich nachmittags so gegen vier Schüsse und viel Lärm“, erzählt die 15-jährige Fatima. „Soldaten kamen in Autos, Milizionäre auf Pferden und Kamelen. Sie schossen auf alles, was sich bewegte.“

Fatima rannte los, lief auf die Hügel zu, um sich verstecken, aber sie wurde eingeholt. Fünf Männer schleppten sie in ein Zelt ein wenig außerhalb von Kailek. „Alle fünf vergewaltigten mich immer und immer wieder. Wenn sie mich nicht vergewaltigten, fesselten sie meine Hände und Füße, dass ich nicht weglaufen konnte.“ Es waren Männer der arabischen Janjawid-Reitermilizen.

Fatima ist eine von 76 Frauen und Mädchen aus Kailek, die tagelang meistens durch ganze Gruppen von Männern vergewaltigt worden sind. Sie ist die Jüngste. Nach zehn Tagen ließen die Janjawid Fatima endlich in Ruhe. Sie konnte nicht stehen oder sitzen. Ihre Mutter erhielt von den Janjawid die Erlaubnis, das Mädchen nach Hause zu bringen. Dort sah Fatima, dass ihr Dorf abgebrannt worden war, und sie erfuhr, dass man ihren Vater ermordet hatte.

Adam Ahmed, ein 41-jähriger Mann, erzählt, wie Fatimas Vater ums Leben kam. „Die Armee zog nach zwei Tagen wieder ab, aber die Janjawid blieben. Sie suchten in den Hügeln nach Flüchtlingen und brachten sie zurück nach Kailek. Manche der Geflohenen kamen auch freiwillig, weil sie nichts zu essen und zu trinken hatten. Die Frauen durften zu ihren zerstörten Häusern gehen, aber die Männer mussten sich in einen Kreis setzen, den sie wochenlang nicht verlassen durften. Jeden Tag wurden ein paar Männer aus dem Kreis geholt und am Dorfrand von Kailek umgebracht.“

Dutzende von anderen Männern, ebenfalls aus Kailek, nicken und ergänzen den Bericht mit eigenen Erfahrungen. Auch Fatimas Vater sei aus dem Kreis geholt worden, man habe ihn nie wieder gesehen. Fatima hört mit unbewegtem Gesicht zu: „Ich habe keine Tränen mehr. Die habe ich alle geweint, als ich vergewaltigt wurde.“

In der Gesprächsrunde drängt sich ein dickbäuchiger Mann nach vorne, er grinst und sagt: „Ich wurde auch aus dem Kreis geholt, um getötet zu werden. Aber Allah hatte andere Pläne mit mir.“ Trotz der dramatischen Situation fangen jetzt die Umstehenden an zu lachen, denn sie kennen seine Geschichte schon. Die Janjawid, erzählt er, hätten ein Gewehr an seinen Kopf gedrückt, aber es habe Ladehemmung gehabt. Dann hätten sie einen Strick um seinen Hals geknüpft und ihn an einem Baum aufgehängt. „Aber der Ast brach, und ich blieb wie tot auf dem Boden liegen“, sagt der Dicke. Nach einer halben Stunde seien die Janjawid verschwunden, und er habe fliehen können. Um seine Geschichte zu belegen, zeigt der Mann eine tiefe Narbe in seinem Nacken.

Die Geiselnahme der Bewohner von Kailek hatte erst ein Ende, als Mitarbeiter einer ausländischen Hilfsorganisation ins Dorf kamen. Kurz darauf zogen die Janjawid sich zurück und die Bewohner konnten in den Ort Kas ziehen.

Der Krieg im Westen des Sudan hatte im vergangenen Jahr begonnen, als eine Rebellengruppe in der abgeschiedenen, schwer zugänglichen Region Darfur, die Sudanesische Befreiungsarmee (SLA), in der Stadt Al Fasher Soldaten der Regierungsarmee angriff. Fünf Flugzeuge der Luftwaffe wurden zerstört und ein halbes Dutzend Offiziere gefangen genommen. Die SLA-Rebellen fordern, dass „die arabische Clique“ – wie sie die Regierung in Khartum nennt – die Macht mit den afrikanischstämmigen Volksgruppen im Darfur teilt. Auf den Angriff reagierte die Regierung mit Härte. Sie setzte die Armee ein – die zu 60 bis 80 Prozent aus Soldaten aus dem Darfur besteht – und sie nutzte die Janjawid. 10000 Menschen sollen seitdem ermordet worden sein, eine Million, heißt es, sind auf der Flucht.

Gestern und heute ist US-Außenminister Colin Powell im Sudan zu Besuch. In Gesprächen mit Regierungsvertretern in Khartum hat er mit Sanktionen gedroht, wenn sich die humanitäre Situation im Darfur nicht ändert.

Die Chancen dafür stehen indessen nicht gut. Denn nun droht auch noch eine Hungersnot. Die meisten Bauern im Darfur sind Afrikaner, und sie werden in diesem Jahr nichts aussäen können, weil sie in den Tschad oder in die Lager nahe der Kleinstädte im Darfur geflohen sind. Sie weigern sich heimzukehren, das Risiko ist ihnen viel zu hoch. Wie gefährlich ihre Lage ist, zeigt sich nämlich schon in den Flüchtlingscamps. Wer sich nur ein wenig außerhalb der Lager wagt, der geht das Risiko ein, von den Janjawid umgebracht zu werden.

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