Zeitung Heute : Im Labyrinth der rechten Winkel

Ein erster Gang durchs Berliner Holocaust-Mahnmal: Die Harmonie regiert, und vieles ist überraschend anders als vorher gedacht

Peter Becker

Sechs Gesichter schauen uns an. Sechs Gesichter mit Namen und Herkunft, stellvertretend für Millionen Tote. Einer der sechs ist Zdenek Konas aus Prag, auf dem Foto im Feiertagsanzug mit Krawatte und ernsten Augen, ein Elfjähriger, 1943 in Auschwitz verschollen, ermordet. Neben ihm ein hübsches junges Mädchen, lachend, Claire Brodzki aus Lyon, sie hatte die Befreiung von Auschwitz 1945 noch erlebt und war doch, in den ersten Wochen des Friedens, nicht mehr zu retten.

Diesen Gesichtern und ihrer Geschichte begegnet, wer das erste Foyer im „Ort der Information“ betritt. So schlicht heißt die neue Stätte mitten in Berlin, unter dem „Mahnmal für die ermordeten Juden Europas“. Der bisher für die Augen der Öffentlichkeit verborgene Ort soll illustrieren, für welche Erinnerung, für welche Trauer oder Scham sie stehen: jene 2711 schwarzgrauen Betonstelen des New Yorker Architekten Peter Eisenman.

Bisher waren wir nur Zaungäste. Vor dem Zaun, durch dessen Maschen man das größte und meistdiskutierte Denkmal des Landes zwei Jahre lang wachsen sah. Nun wird der Zaun in wenigen Tagen fallen, dann werden, nach den Politikern und Würdenträgern, tausende, wenn nicht hundertausende Menschen das Mahnmal und den „Ort der Information“ besehen, begehen, befühlen. Nicht nur die Steine unter freiem Himmel sind zum Anfassen, auch die Bildschirme, Touchscreens und Tastaturen der unterirdischen Informationsstätte sollen den Besucher zum eigenen Nachspüren anregen.

Ausgerechnet der Verstandesmensch Peter Eisenman war zunächst gegen jede informative Ergänzung des Holocaust-Mahnmals. Es spreche für sich, und: „You get, what you see“. Wir sind dieser Einladung gefolgt, wollen sehen, was wir sehen und was wir kriegen, als sich der Zaun vorab einmal öffnet und wir das ganze Mahnmalgelände, über 90000 Quadratmeter südlich des Brandenburger Tores, allein durchstreifen können.

„Wir“ – allein? Mit dem Plural, hinter dem sich der Reporter gerne versteckt, wird es hier schwierig. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sagt, das Denk- und Mahnmal, das die Deutschen den Opfern eines Menschheitsverbrechens setzen, trage „zur Selbstaufklärung der Gesellschaft bei“. Das ist die Hoffnung. Aber vor der diffusen Gesellschaft müsste ein solcher Ort doch erst einmal den Einzelnen treffen. Zumal sogar in der Masse der künftigen Besucher es immer Einzelne sein werden, die sich zwischen den jeweils nur 95 Zentimeter voneinander entfernten Betonstelen bewegen. Auch jede durchlaufende Gruppe löst sich hier wieder auf in ihre Mitglieder.

Es ist tatsächlich eine kurze Reise: vom Wir zum Ich. Nur von außen betrachtet, dominiert die schiere Masse, Größe, Weite des grauschwarzen Stelenfeldes. Da bleibt auch die Wahrnehmung eher kollektiv, pauschal, abstrakt – egal, ob man Eisenmans Architektur nun begrüßt oder ablehnt. Drinnen nimmt der Einzelne vor allem Einzelheiten wahr. Ich sehe, vom unterirdischen Würfel des „Orts der Information“ über eine grafitfarbene Betontreppe in das exakt gleichfarbige Stelenfeld emporsteigend, als Erstes zwei überirdisch weiße, an dem klaren Frühlingstag trügerisch nahe Gestalten hinter dem Mahnmal hervorleuchten. Es sind mit ihren hellen Hauben zwei Köche des Adlon-Hotels, die auf einer Dachterrasse des nördlich angrenzenden „Adlon-Palais“ offenbar ihre Zigarettenpause machen. Dabei sticht als Kontrast zum schwarzgrauen Mahnmal auch die grell gelbe Außenwand des Hoteltrakts heraus, eine Neuberliner Geschmacklosigkeit.

Es gibt viel Ablenkung. Denn das Mahnmal wirkt in der Innenansicht viel weniger dominant als erwartet. Wie oft war seit den späten 90er Jahren, seitdem über Eisenmans Entwurf debattiert wurde, vom „monströsen Labyrinth“ die Rede gewesen. Vom steinernen Wald. Darin könnten sich Kinder und auch Erwachsene verirren oder in Schluchten abstürzen, könnten von der Enge erdrückt, von der dunklen Wucht erschlagen werden.

Stattdessen sehe ich zwischen den Stelen die Außenwelt von allen Seiten eindringen. Schaut man Richtung Osten zur Wilhelmstraße, stehen da als Nachbarn des Mahnmals geparkte Autos, ein paar schüttere Bäume und die grauen Plattenbauten mit ihren monotonen Hauben aus Industrieziegeln. Als unverbundener Kontrast dann im Süden, Richtung Leipziger und Potsdamer Platz, die Sparkassenarchitektur der neuen Landesvertretungen; nördlich beherrschen die Baustelle der künftigen US-Botschaft und ein Stück Reichstagskuppel das Bild. Nur der Durchblick nach Westen, wo die Stelen immer niedriger werdend im Trottoir der Ebertstraße versickern, findet das Auge Ruhe und Halt. Dahinter beginnt der Tiergarten, und die Parklandschaft nimmt die hier flachen, an Sarkophage erinnernden Stelen auf – als gäbe es doch noch die letzte Idee eines Friedhofs, sogar für die, die ihr Grab nur in den Lüften haben.

Weitgehend parallel laufen zwischen den Stelen Quer- und Längsschneisen, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten. Diese Wege kreuzen sich im rechten Winkel. Kein Irrgarten, das ist die größte Überraschung. Ich bewege mich wie in einem ordentlichen Planquadrat: auf sanft welligen, mal an- und absteigenden Passagen, der Boden ist mit dunkelgrauen kleinen Betonwürfeln und feinem Schotter gedeckt. Alles wirkt übersichtlich, nichts ist bedrückend, aber auch nichts erhebend. Die Stelen, von denen die höchsten 4 Meter 70 messen, die meisten indes eher eine intime offene Raumhöhe markieren, sie sind mit Eisenmans akribischer Berechnung wohl immer ein bisschen schief und ungleich hoch gesetzt, um Bewegung in das starre Steinfeld zu bringen. Aber das scheint sich in der tausendfachen Fülle wieder auszugleichen, das Chaos ist aufgebraucht.

Und Harmonie regiert. Ich fahre mit der Hand über den glatten, kalten Stelenstein. Da ist wie eine zweite Haut etwas von einer Versiegelung zu spüren. Das muss der Graffitischutz der Firma Degussa sein, über den wegen der vormaligen Verstrickung des Unternehmens in den Holocaust gestritten wurde. Hieran wird künftig wohl kaum jemand mehr denken. Und „anstößig“ dürfe dieses Denkmal nach Meinung seiner Initiatoren durchaus sein.

In mir stößt es bei der ersten näheren Betrachtung kaum etwas an. Meine Großmutter, die im Sommer 1944 einem der letzten Transporte nach Auschwitz entkam und, anders als einige Tanten und Cousinen, das Massenmorden bei mutigen Bauern im Schwarzwald überlebte, sie hätte wohl nur gelächelt. Wer es braucht und wem es gefällt, höre ich ihre allemal sanftmütige Stimme, der soll diese Steine haben. Das ist, zwischen den Stelen, eine Eingebung. Ein inneres Bild. Doch der Stein allein macht Herz und Hirn nicht satt. Oder werden es, statt einsamer Kontemplation, künftig gerade die vielen Menschen sein, die dieses Mahnmal, das kein Friedhof sein soll, in bunten Scharen und ohne übertriebene Ehrfurcht beleben?

Höchst wahrscheinlich, dass sehr bald, wenn das Mahnmal ohne Schranken Tag und Nacht von allen Seiten zugänglich sein wird, hier auch Kinder zwischen den Stelen Verstecken und Fangen spielen werden. Peter Eisenman, der säkulare New Yorker Jude, hätte nichts dagegen. Es sei, den Ermordeten gewidmet, ein Denkmal für die Lebenden. Und György Konrád, der ungarische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende, hatte sich als einstiger Präsident der hier demnächst benachbarten Akademie der Künste statt eines „monumentalen Friedhofs“ ohnehin einen Kinderspielplatz für alle Völker, Farben, Religionen gewünscht.

Jenseits der Pietät, des persönlichen Empfindens oder der Political Correctness geht es freilich immer noch um die Erinnerung an einen Jahrtausendschrecken. Darum noch einmal hinab in den „Ort der Information“. Zu den sechs Gesichtern, mit denen dort eine Erzählung des nie ganz Vorstellbaren beginnt. „Erwarten Sie kein Holocaust-Museum!“, sagt Dagmar von Wilcken. Sie hat die unterirdischen Räume entworfen. „Wir haben keine Originale, wir stellen nichts aus, sondern stellen nur dar. Um mit Bildern und Texten das Mahnmal zu ergänzen.“

Da klingt gleich die sympathisch-kluge Bescheidenheit an, mit der die 46-jährige Berliner Designerin und Kuratorin ihr ganzes Werk sieht. Schwarz, weiß, grau, alles bleibt in der Farbgebung des Mahnmals, dessen Stelen sich deutlich in den Decken der vier quadratischen Haupträume und der Foyers abzeichnen, auch durchdrücken: bis hin zu acht Wandstelen, in die Videoschirme eingelassen sind, auf denen exemplarisch an acht der schlimmsten von hunderten Mordstätten und Vernichtungslagern erinnert wird.

Neben den namenlosen, unzähligen Opfern soll hier jedoch immer wieder das Schicksal Einzelner und ihrer Familien in Fotos und Briefen wachgerufen werden. Weniger die Dokumente der Täter als die letzten Zeichen der Opfer stehen im Vordergrund. Einmal liest man auf dem Boden, hinter einer erleuchteten Glasplatte, das Faksimile eines Tagebuchs aus dem Ghetto von Lodz. Sein Autor Oskar Rosenfeld fragt am Ende: „Wozu noch Krieg? Wozu noch Hunger? Wozu noch Welt?“

Das ist ein stiller Schrei, hier in den abgedimmten, klimatisierten Räumen. Anders als im neuen Holocaust-Museum der Jerusalemer Gedenkstätte Jad Vaschem sind die meisten Bilder relativ klein, wenige Aufnahmen von den Leichenbergen, selten der Horror des Vergasens, Erschießens, Erschlagens, Erhängens, Zu-TodeFolterns. Mit der Abstraktion des Mahnmals korrespondiert eine gewisse Dezenz der Dokumentation. Dagmar von Wilckens räumt das ein: „Man kann verschont bleiben, ja. Wir wollten auch keine emotionale Überwältigung, wir sind hier nicht in Auschwitz, auch nicht in Israel, nicht in Jad Vaschem. Es ist kein primärer Ort der Trauer. Wir möchten aufklären, und wer sich in den einzelnen Räumen wirklich auf die Inhalte einlässt, der erfährt schon mehr, als die meisten fassen können.“

In einem Raum wird auf alle Wände jede Minute ein Name projiziert und deutsch und englisch an die Biografie erinnert. Aus der riesigen Datenbank von Jad Vaschem wurden dazu 700 Namen ausgewählt. Hätte man sechs Millionen Namen und für jeden nur diese eine Minute – es würde über zehn Jahre dauern.

Der Ort der Information, am südöstlichen Ende des Mahnmals nahe der neuen Hannah-Arendt-Straße gelegen, er wird an 362 Tagen im Jahr von 10 bis 20 Uhr geöffnet sein. Bis zu 250 Besucher sollen sich darin zur gleichen Zeit aufhalten können. Dabei rechnet man mit durchschnittlich 40 Minuten Verweildauer. Es ist der einzige Teil des Mahnmals, der nur nach einer Sicherheitskontrolle zugänglich ist. Im Stelenfeld selbst gibt es zwar einen Wachdienst und nachts in den Passagen ein paar Bodenleuchten, aber keine Scheinwerfer, keine Kameras. Das Informationszentrum soll dagegen besonders geschützt werden.

Weil man den Besucheransturm hier noch nicht abschätzen kann, vertraut das Landeskriminalamt Berlin zunächst nicht den Sicherheitsschleusen im Eingangsbereich der Dokumentationsstätte. Also stehen nun inmitten der puristischen Architektur vier Blechcontainer: ein Augenhammer. Hier sollen die Besucher in den „ersten sieben, acht Monaten“, so Baustellenleiter Günter Schlusche, durchleuchtet werden und ihre Taschen und Garderobe abgeben. Falls es stark regnet, dürfte man auf dem Weg zwischen Containern und Eingang tropfnass werden – da ist statt Ergriffenheit erheblicher Ärger bereits vorherzusehen.

So hat einen die Banalität des Realen schnell wieder eingeholt. Für eher kuriosen Ärger sorgt unweit der Container ein Provisorium der nächsten Tage. Bewohner der Plattenbauten an der Wilhelmstraße wurden von ihrer Hausverwaltung angeschrieben, dass ein Teil ihrer am Rande des Mahnmals gelegenen Parkplätze bis 13.Mai nicht zur Verfügung stehe. Für die etwa 1000 Gäste der offiziellen Mahnmaleröffnung am kommenden Dienstag werde dort ein „Festzelt“ gebaut. „Ein starkes Stück“, sagt Dr. A., ein Anwohner. Er meint nicht das Parkverbot, sondern das Wort „Festzelt“. Vom „Festzelt“ spricht freilich auch die von Bundestagspräsident Thierse geleitete Mahnmal-Stiftung in ihrem letzten Info-Brief.

Es ist die Berliner Wirklichkeit. Die Hannah-Arendt-Straße endet am Mahnmal vorerst zwischen zwei Plattenbauten. Dort wird es für die Besucher im Sommer kein Festzelt, doch gewiss Getränkebuden geben. Bisher wirbt an einem Hauseck nur hellblau der „Gate Game & Fitness Club“ und dunkelblau gegenüber die Sparda-Bank. Blau ist auf der anderen Straßenseite, neben den Landesvertretungen von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, auch das Spielfeld des „Sportvereins IHW Alex 78 e.V.“ Da kicken und rennen außer Schülern auch Gruppen des Bundestages, vom Kanzleramt, der ARD und einer PR-Agentur.

Hier, zwischen Wilhelmstraße und Tiergarten, waren ursprünglich die Ministergärten der Weimarer Republik und der Nazis. Auf der Nordseite des Mahnmals stand Goebbels’ Stadtvilla, weiter südlich, entlang der Voßstraße, Hitlers Neue Reichskanzlei. Einen Steinwurf vom Mahnmal sehe ich an diesem Nachmittag einen jungen Mann mit Fellmütze, der zwei Ausländern anhand einer Mappe mit alten Fotos und Plänen die Lage erklärt. Er ist Kunsthistoriker und privater Fremdenführer. „Direkt unter uns war der Führerbunker“, sagt der Fellmützenmann; er deutet zu den Autos und einem kleinen Kinderspielplatz: „Dort drüben wurden Hitler und Eva Braun nach ihrem Selbstmord am 30. April 45 verbrannt.“

Auf die erst 1987 von DDR-Grenztruppen endgültig gesprengten Bunkeranlagen verweist kein Schild. Die einzige Hinweistafel beim Kinderspielplatz sagt, dass das Benutzen der Anlage nur Anwohnern gestattet sei. Allerdings steht es dort, Ironie der Geschichte, auch auf Russisch.

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