Zeitung Heute : Im Labyrinth

PLÜMPER

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Ach, herrje, meine Frau ist weg! Gerade jetzt, am Sonnabend um 20 Uhr, bin ich durch die Pendeltür in den Saloon eingetreten. Drinnen werden im Dunklen Pornos abgespielt. Eine seltsam gekleidete Frau bewegt rhythmisch ihren nackten Hintern und beklagt sich manisch, ein Mann mit Cowboyhut und Zigarillo scheint zu onanieren. Die Luft ist schlecht, eine junge Frau neben mir bestaunt mit starrem Dauerlächeln das Geschehen auf der Leinwand. Also schnell hinaus, durch eine zweite Pendeltür hinaus ins Freie des Hamburger Bahnhofs. Wo ist meine Frau? Ist sie in eine der fünf Schwingtüren des Saloons von McCarthy eingetreten? Oder rechts die Treppe hinauf? Oder den langen Gang hindurch? Also erst einmal warten! Aber ich muss auf die Toilette, nötig sogar: Kaffee getrunken.

Ich werfe einen Blick auf eine Installation von J. Rhoades. Ein entfesselter Baumarkt: absurde Konstellationen von Werkzeugen, eine Modelleisenbahn in Fahrt, auf langen Stangen kleben pornografische Bilder. Ich freue mich über eine Maschine: In unregelmäßigen Abständen bläst sie Rauchringe, perfekt rund, mindestens einen Meter im Durchmesser. Der Künstler erklärt diese Maschine zum eigenen „ass“. Wahnsinn! Wo ist meine Frau?

Also suchen! Hinein in einen nackten fensterlosen Übergang, der in die neue Halle führt. Ich frage eine Aufseherin nach der Toilette. Mit wissendem Lächeln zeigt sie auf das Ende des Ganges. Der wird nach hinten ganz, ganz klein, verjüngt sich, anscheinend ist hinten ein Spiegel angebracht, der den Flur und die Menschen verkleinert . Links am Gang lauter Kunst der ungewöhnlichen Art. Sehr spannend! Wo ist meine Frau? Und außerdem muss ich auf die Toilette. Der Spiegel erweist sich als Täuschung: Der Gang zur Toilette misst – wie mir später die Aufseherin sagt – 300 Meter! Ich schaff’s! Aber auch hinterher: Meine Frau ist weg! Also 300 Meter durch den kahlen Gang zurück!

Dann freut sich der Rentner: Meine Frau steht neben dem Saloon, blickt auf einen toten Motorradfahrer, der blutend und verschmutzt neben seiner Maschine liegt. Duane Hanson hat ihn gemacht. Und die Kunst? Na, ja? Na, ja! Selber sehen! Unbedingt selber ansehen! Tipp: Flick-Collection, Hamburger Bahnhof

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