Zeitung Heute : Im Land der strengen Brüder

Andrea Nüsse[Amman]

Saudi-Arabien ist ein streng muslimisches Land. Wie kommt es dazu, dass ausgerechnet dieser Staat vom Al-Qaida-Terror heimgesucht wird?

In Saudi-Arabien müssen alle Frauen von Kopf bis Fuß verhüllt sein. In Riad ist sogar ein Schleier vor dem Gesicht vorgeschrieben. Banken haben getrennte Filialen für Männer und Frauen. Alle Läden werden zu den fünf täglichen Gebetszeiten geschlossen. Alkohol gibt es nur illegal. Damit ist Saudi-Arabien das Land, in dem muslimische Vorschriften weltweit am stärksten befolgt und staatlich durchgesetzt werden. Dennoch ist Saudi-Arabien, das die beiden heiligsten Stätten des Islam – Mekka und Medina – beherbergt wie kein anderes muslimisches Land Ziel islamistischer Terroranschläge.

Die Ursache dafür liegt zum Teil in der puritanischen Islaminterpretation des Wahhabismus, der sich im 18. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel ausbreitete und bis heute offizielle Staatsreligion in Saudi-Arabien ist. Die von Mohammed bin Abdul Wahhab (1703-92) entwickelte Lehre sieht eine strikte und wörtliche Einhaltung islamischer Regeln vor. Der Gründer der Herrscherdynastie der al-Sauds, Mohammed bin Saud, schloss sich der Lehre Wahhabs an. Seither beruht die Legitimität und Macht des saudischen Herrscherhauses auf einer Symbiose mit den Religionsgelehrten.

Im Zuge dieser Kooperation überließen die al-Sauds den Religionsgelehrten lange Zeit einen großen Teil der Innenpolitik. Dafür mischten die Kleriker sich nicht in die Außenpolitik des Landes, die auf einer engen Kooperation mit den USA basiert, ein. Die Königsfamilie verteilte einen Teil der Öleinnahmen großzügig ans Volk, das im Gegenzug auf politische Mitsprache verzichtete. Doch dieser „contrat social“ funktioniert bereits seit Ende der 80er Jahre nicht mehr. Für die stark wachsende Bevölkerung reicht der Teil der Staatseinnahmen, den das Königshaus verteilen will, nicht mehr. Vor diesem Hintergrund regt sich Kritik am Stil des Herrscherhauses, doch da politische Parteien oder Vereine der Zivilgesellschaft verboten sind, kann sich Protest nur im Schatten der Moscheen ausdrücken.

So werfen die Anhänger von Al Qaida dem Königshaus die Abkehr vom „wahren“ Islam vor: Die weit verbreitete Korruption, der verschwenderische Lebensstil und die Zusammenarbeit mit den USA wird ihm zur Last gelegt. Das Königshaus versucht sich zwar seit einigen Jahren an zaghaften Reformen, aber das religiöse Establishment will diese verhindern, weil es einen Machtverlust befürchtet. Andererseits kann sich das Königshaus nicht völlig von dem Klerus abkehren, weil es die Legitimität der al-Sauds unterhöhlen könnte. Eine Kritik der alle anderen Islaminterpretationen ausschließenden wahabitischen Lehre gibt es nicht. Statt dessen beschränkt man sich offiziell darauf, islamistische Terroristen als „Abweichler“ zu brandmarken. Doch das wird nicht ausreichen, um die intellektuelle Verwirrung breiter Bevölkerungsschichten, die anfällig sind für den Missbrauch religiöser Slogans, zu beenden. Zumal wenn sie keine anderen Möglichkeiten der politischen Mitsprache haben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!