Zeitung Heute : Im Land der Supernasen

Kokain ist auf dem Weg zur Volksdroge

Elke Binder

Diego Maradona, Konstantin Wecker, Christoph Daum, die Liste prominenter Kokain-Konsumenten ist lang. Nun wird auch Michel Friedman verdächtigt. Und jeder neue Fall trägt dazu bei, den Ruf des weißen Pulvers fortzuschreiben, der „Champagner unter den Drogen“ zu sein.

Zu Unrecht. „Mittlerweile konsumieren auch viele Menschen aus dem Mittelstand Kokain“, sagt Suchtforscher Christian Haasen vom Uniklinikum in Hamburg. Einer Erhebung des Instituts für Therapieforschung in München zufolge, sollen etwa eine Million Deutsche die Droge schon mal probiert haben. Gut ein Drittel von ihnen in den vergangenen zwölf Monaten. Nicht zuletzt ist Kokain in Form des billigeren Kokain-Derivats Crack längst zu einem Problem in den Drogenszenen von Hamburg, Frankfurt und Berlin geworden.

Mitten in die Lustzentrale

Kokain wirkt auf die Lustzentrale des Gehirns, auf das limbische System. Bei gutem Essen oder beim Sex schütten die Nervenzellen in diesem Teil des Gehirns große Mengen des Botenstoffes Dopamin aus. Der sorgt für ein rauschhaftes Wohlgefühl – auf natürliche Weise. Normalerweise wird Dopamin nach kurzer Zeit wieder zurück in die Nervenzellen transportiert. Diesen Vorgang hemmt das Kokain. Mit dramatischen Folgen: „Beim Sex steigt der Dopaminspiegel vielleicht um 50 Prozent an, mit Kokain um 600“, sagt Andreas Heinz, Leiter der Suchtmedizin an der Berliner Charité.

Das geht sehr schnell. Kokain wird meist durch die Nase eingesogen, gelangt über die Schleimhäute ins Blut und so schon nach wenigen Minuten ins Gehirn. Dort macht es nicht nur glücklich. „Kokain wirkt im Gehirn, als ob man den Helligkeits- und Kontrastknopf am Fernseher hochdreht“, so Heinz weiter. Denn auch das Stirnhirn wird stimuliert, die Kontrollstelle für das Denken und Planen. Der Kokser sprüht vor tollen Ideen – scheinbar. Letztlich ist das eine Illusion, ein Problem der Selbstwahrnehmung: Manch neuer Gedanke stellt sich hinterher als Unsinn heraus.

Der Rausch ist ein Feuerwerk im Gehirn: Ob in der Lustzentrale oder im Stirnhirn, nicht nur der Dopaminpegel geht hoch. Die Konzentration zweier weiterer Wachmacher steigt ebenfalls. Während Dopamin vor allem motiviert, macht Noradrenalin aufmerksam und Serotonin ruhig. Das ist kein Widerspruch: „In der Mixtur wird Bedrohliches dann plötzlich aufregend und interessant“, sagt Heinz. Auf Koks kann auch ein verklemmter Mensch locker mit anderen umgehen. Er redet wie ein Wasserfall und ist beim Sex enthemmter.

Doch das Hochgefühl flaut nach einer Stunde ab, wenige Stunden später folgt der Absturz. Denn nach der starken Stimulierung des Gehirns sackt der Spiegel der Glücks-Botenstoffe umso tiefer ab.

Es gibt Menschen, die den Wechsel von Hoch und Tief gut verkraften. Gelegenheitskokser können ihren Umgang mit der Droge durchaus kontrollieren. „Wer aber sowieso schon unter starken Stimmungsschwankungen leidet, der wird süchtig“, sagt Felix Tretter, der am Klinikum Haar bei München Kokainabhängige behandelt. Die Gier nach dem nächsten synthetischen Hochgefühl ist da. Unter Stress wird das Gehirn dafür besonders empfänglich. Kokain macht nicht körperlich, sondern psychisch abhängig. Auch das hinterlässt Spuren: Das Gehirn verknüpft die angenehme Rauscherfahrung mit den Umständen, unter denen die Droge genommen wurde. Ein Suchtgedächtnis entsteht, tief im Schädelinneren, im Hippocampus, der Hirnregion, die für das Erinnern zuständig ist.

Felix Tretter schätzt die Zahl der Kokainabhängigen in Deutschland auf 100 000. Der Dauerkonsum hat schwere Folgen für die Gesundheit. Die Nasenschleimhaut wird weggeätzt. Bei jedem Drogengebrauch verengen sich die Gefäße, der Blutdruck steigt, der Atem wird schneller. Langfristig kann das zu Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfall führen, manchmal sogar zu Hirnblutungen.

Nebenwirkung Verfolgungswahn

Auch für die Psyche ist Kokain nur eine trügerische Hoffnung. Die Wirkung verkehrt sich bald ins Gegenteil. Der Musiker Konstantin Wecker beschrieb nach jahrelangem Konsum seine Sucht. Sein Alltag sei ihm unerträglich öde vorgekommen, künstlerisch sei ihm nichts mehr eingefallen. Kein Wunder: Das Gehirn passt sich an das viele Dopamin an. Der Botenstoff wirkt auf andere Nervenzellen – diese Andockstellen reduziert das Gehirn unter Dauerbeschuss. Außerdem kompensiert es die dramatisch erhöhten Botenstoffe, indem es selber kaum noch welche ausschüttet. Das hat Folgen: Ein Mangel des beruhigenden Serotonins macht über kurz oder lang aggressiv und gefühlskalt. „Wenn man alle seine Freunde verlieren will und alle Beziehungen, die einem je lieb und teuer waren, dann ist Kokain die richtige Droge“, sagte David Bowie einmal im Interview.

Schließlich fühlt sich der Kokser verfolgt und verleumdet. „Wenn das ganze System, das uns motiviert, ständig chaotisch abläuft, dann werden unwichtige Dinge plötzlich wichtig und absurd verknüpft“, sagt Andreas Heinz von der Charité. Der Süchtige verliert den Kontakt zur Realität. Viele Beobachter vermuteten, das habe Christoph Daum dazu veranlasst, freiwillig eine Haarprobe abzugeben – obwohl bekannt war, dass Kokain in den Haaren noch Monate später nachgewiesen werden kann.

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