Zeitung Heute : Im Land der Waisen

Hunderttausende Kinder in Südafrika sind auf sich gestellt – ihre Eltern starben an Aids

Wolfgang Drechsler[Pretoria]

Von Wolfgang Drechsler,

Pretoria

Der schwarze Junge in der Wellblechhütte hockt auf dem Boden. Er umklammert eine Superman-Figur und spielt stumm mit ihr. Auf dem Küchentisch der winzigen Hütte, die er seit Ende September mit seinem 24-jährigen Bruder Thami, dessen Freundin Nonceba, 23, ihren beiden Babys sowie seiner Schwester Happy, 13, teilt, dudelt kaum hörbar ein Radio. An der Wand hängt die Flagge des alten Südafrika. Regen tropft durch die Decke. Außer einem Holztisch gibt es nur ein kleines Bett. Geschlafen wird auf dem Boden.

Mit anderen Kindern hat der Neunjährige schon lange nicht mehr gespielt, seit einem halben Jahr fehlt er in der Schule. Den ganzen Tag hindurch sitzt er im Dunkel der Hütte und kickt hin und wieder gegen einen roten Ball, auf dem mit Filzstift sein Name steht – Thokozane. Freude heißt das auf Sotho, afrikanische Eltern geben ihren Kindern oft Namen, die ihnen Glück bringen sollen. Seine Eltern sind beide tot, Opfer der Aidsepidemie.

Auch Thokozane, der kaum Englisch spricht, trägt das tödliche Virus in sich – seit der Geburt. Das Kind ist tief traumatisiert: Ausdruckslos starrt es den Besucher an, Antworten werden meist durch ein Nicken oder Kopfschütteln gegeben. Als sich zu Jahresbeginn die Symptome der Immunschwächekrankheit bei Thokozane verschlimmerten, als sich dunkle Flecken auf der Haut und immer neuer Ausschlag im Mund bildeten, jagte ihn sein Stiefvater davon. Seine älteren Geschwister, die beide gesund sind, ließen ihn nicht im Stich – gemeinsam zogen sie in die leerstehende Hütte.

Mitarbeiter des lokalen SOS-Kinderdorfs fanden den Jungen schwer krank im Westen von Mamelodi, dem großen Township von Pretoria. Seitdem bringt Phindile Nyalunga, die selber Aids hat und gegen ein kleines Entgeld für die Organisation in Mamelodi arbeitet, dreimal im Monat Maismehl, Bohnen, Reis und Haferflocken in die Hütte. Immer größer wird in den Townships die Zahl der elternlosen Kinder, um die sich SOS kümmert. „Statt die Kleinen in einem ihrer Kinderdörfer aufzunehmen, versucht SOS zunächst die Großfamilie zu unterstützen, die gegenwärtig noch in neun von zehn Fällen zur Aufnahme der Kinder in der Lage sind“, sagt Douglas Reed, Koordinator der Projekte im Raum Johannesburg.

In gewisser Weise hat Thokozane sogar noch Glück gehabt: Anders als die meisten Aidskranken in Südafrika erhält er, dank der finanziellen und materiellen Unterstützung durch SOS, vom nahe gelegenen Hospital jene Medikamente, die Lebensdauer und Lebensqualität der Erkrankten nachhaltig heben, aber den Aidsinfizierten vom Staat bislang aus Kostengründen vorenthalten werden. Sauber zusammengefaltet liegt die Plastiktüte mit den weißen Pillen neben dem Ofen.

Hunderttausende von Kindern in Südafrika sind Aidswaisen. „Das Ausmaß der Epidemie beginnt das traditionelle Fürsorgesystem zu überlasten“, sagt Reed. Großmütter und immer öfter auch junge Erwachsene ziehen inzwischen fünf oder mehr Kinder auf und können sie mit einer kleinen Rente oder einem dürftigen Gehalt kaum ernähren. Thokozanes Bruder Thami arbeitet während der Woche auf einer Baustelle bei Johannesburg. „Aber das Geld reicht kaum für uns beide, geschweige denn die Babies und Geschwister“, sagt seine Freundin Nonceba.

Auch die Unternehmen haben die drohende Katastrophe erkannt. Die Deutsche Bank in Johannesburg versucht deshalb, im ganzen Land Zentren für Aidswaisen zu errichten, die unter dem Namen Noah (Nurturing Orphans of Aids for Humanity) firmieren. Colin Brown, der die Aktion koordiniert, nennt die Zentren, „Rückzugsgebiete vor der kommenden Aidsflut“. Bislang hat die Bank in Zusammenarbeit mit anderen Großkonzernen 30 solcher Archen in der besonders hart betroffenen Provinz Kwazulu-Natal gegründet. Brown hofft, mit Hilfe anderer Unternehmen ein alternatives Auffangsystem für die überforderte Großfamilie zu schaffen.

Jedes Jahr werden im gesamten Süden Afrikas eine Million Kinder durch Aids zu Waisen. „Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit waren wir mit einer solchen Situation konfrontiert“, sagt Stephen Lewis, der UN-Sonderbeauftragte für Aids in Afrika. „Lag die Zahl der Aidswaisen im südlichen Afrika noch im Jahr 1990 unter einer Million, waren es hier letztes Jahr schon über elf Millionen“, sagt Lewis. Bis 2010 werden es etwa 20 Millionen sein.

Angesichts der immer dramatischeren Lage begeht die Uno den Aidstag am heutigen Montag in Alarmstimmung. So wie das tödliche Virus den Körper des einzelnen Menschen angreift, zerstört es auch den Organismus ganzer Länder, es steht die Destabilisierung eines ganzen Kontinents bevor. In der Gesellschaft führt das Virus zum Zerfall sozialer Bindungen, zu wirtschaftlichem Niedergang, wachsender Verelendung und womöglich der ungehinderten Ausbreitung von Kriminalität.

Gibt es unter diesen Umständen überhaupt eine Hoffnung? „Viel wäre gewonnen, wenn nur das Leben der infizierten Eltern verlängert würde“, sagt SOS-Mitarbeiterin Phindile. Wenn Aidsmedikamente weithin gratis verteilt und gesünderes Essen zur Verfügung stehen würde, könnten aidskranke Väter und Mütter oftmals noch mehrere Jahre ein erfülltes Leben haben.

Kürzlich hat die südafrikanische Regierung angekündigt, nun doch so rasch wie möglich Medikamente an die erkrankten Menschen am Kap auszugeben. Aber: „Wären diese bereits vor Jahren verteilt und die Epidemie nicht so lange von der Regierung verharmlost worden, hätten neben Thokozane heute wohl auch noch Zehntausende anderer Aidswaisen ihre Eltern“, sagt die SOS-Helferin.

Phindile haben die Medikamente vor zwei Jahren das Leben gerettet. „Nur eine Woche nach der Einnahme konnte ich wieder gehen und sprechen und nach nur zwei Wochen sogar schon wieder im Haushalt arbeiten“, erzählt sie selbst noch etwas ungläubig. Aus Dankbarkeit dafür hilft sie seitdem anderen Aidskranken und versucht, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, die viele Infizierte in Afrika noch immer umgibt.

Wie weit der Weg zu mehr Offenheit ist, zeigt sich schon daran, dass sich Phindiles Partner – der sie nach Ansicht der Ärzte einst infiziert hat – aus Angst vor dem Virus hartnäckig weigert, einen Test zu machen. „Und das, obwohl er inzwischen alle Symptome aufweist und bei mir selbst sehen konnte wie dramatisch sich meine Gesundheit nach der Einnahme des Pillencocktails verbessert hat“, sagt Phindile und schüttelt den Kopf.

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