Zeitung Heute : Im lockeren Trab aus den roten Zahlen

Ansgar Oswald

Eigentlich sind doch die Rennen mit den Herren, die auf einem Sulky sitzend mit ein oder zwei natürlichen Pferdestärken Runde um Runde nehmen, beruhigend. Aber vielleicht ist das der Grund, warum die Berliner dieser unmotorisierte Rennsport einfach kalt lässt. Eben dieses Desinteresse, fehlende Wetteinnahmen und die Abwanderung von Trainern und Pferdebesitzern ins Umland machen zusammen den Virus des Berliner Trabrennsports aus. Daher suchen nun Bauträger ihr Glück, mit der Projektentwicklung auf den Arealen der Sportarenen. Die Maßnahmen sind notwendig, denn in die Kassen der beiden Renngeläufe in Mariendorf und Karlshorst, die seit 1999 der Trabrenn-Verein Berlin (TBV) betreibt, flossen mit bisher 6,6 Millionen Mark Umsatz etwa 1,4 Millionen Mark weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Vor allem die Rennbahn in Mariendorf hat mit einem Umsatzrückgang von 1,8 Millionen Mark ein tiefes Loch in die Statistik gerissen. "Der Pferdesport bringt in Berlin kein Geld", fasst Jochen Reiter, der Geschäftsführer der treuhandeigenen Trabergestüte und Trabrennbahn GmbH (TTB) die Lage in Worte.

Seit 1990 ist das so. Vor allem in Mariendorf. Dort stehen zwei Drittel der Ställe leer. So sammelte der TVB im Laufe der Zeit Schulden in Millionenhöhe an und ein Jahresdefizit von etwa 800 000 Mark. Die Lösung soll nun im Immobiliengeschäft liegen, weshalb die TTB, die in Karlshorst ein neues Stadtviertel plant, sich nun auch TLG Projektentwicklungsgesellschaft nennt. Scheibchenweise werden derzeit die Grundstücke um die Mariendorfer Rennbahn verkauft und für Wohnzwecke bebaut.

Die Gegend in Alt-Mariendorf ist dazu angetan. Zwar hat die alte Dorfkirche am Rande des breiten Mariendorfer Damms, den Charakter einer Autobahnkirche und mit dem angrenzenden Friedhof schon beinah etwas ungewollt Makabres. Aber man hat sich die Relikte des Dorfes bewahrt, um sie notfalls in postmodener Sentimentalität wieder zum Scheindasein zu erwecken. Das U-Bahnhof-Ensemble erweckt den Anschein eines Bauernhofes.

Dem Hang zum ästhetischen Schein folgt auch die neue Bebauung für das drei Hektar große Anwesen am Südrand der Trabrennbahn. Dieser ist für zwölf Millionen Mark an den in Borstel ansässigen Projektentwickler Exsol verkauft, der das Areal für rund vierzig Millionen Mark bebaut. Die Planung für Wohnungen, Geschäfte und Freizeitanlagen, und eventuell ein kleines Hotel haben die Tempelhof-Schöneberger Bezirksverordneten am 20. September genehmigt. Der erste Spatenstich soll noch im Oktober erfolgen. Der Entwurf für das Grundstück inmitten einer Mehrfamilienhausgegend sieht fünf Doppelhäuser von je 110 bis 130 Quadratmetern und angrenzend acht Wohnungen in einem umgebauten und denkmalpflegerisch sanierten Pferdestall von je 120 Quadratmetern vor. Die Kauf- und Mietpreise stehen noch nicht fest. Handelsüblich sind aber in dieser Gegend beim Verkauf etwa 4000 Mark pro Quadratmeter.

An das Wohnkarree werden sich längs der Straße bis zum Mariendorfer Damm die Bauten für die Markthallen, Einzelhandel, Restaurants, Bowling und einen Fastfood aufreihen, die laut Exsol allesamt schon vermietet sind. Die Entwürfe aus dem Architekturbüro Krauter + Kling zeigen lichte, holzverschalte Hallen mit begrünten Giebeldächern. Sie wirken optisch wie moderne Surrogate für die abgerissenen Pferdeställe. Ein Eindruck, der auf dem denkmalgeschützten Anwesen auch so gewollt ist. Außerdem sollen nach dem geänderten Flächennutzungsplan, den die Senatsbauverwaltung gerade ausliegen hat, Wohnhäuser auch am Nordrand der Traberbahn entstehen.

Wann dagegen der geplante Traberpark in Karlshorst gebaut wird, der dem Flächennutzungsplan zufolge südlich der S-Bahngleise analog zur künftigen Trainingsbahn Karlshorst entstehen soll, ist noch unklar. Die Raumplanung muss sich in der frühzeitigen Bürgerbeteiligung erst einmal der Kritik der Anwohner stellen. Nach dem Abriss des historischen Kinos "Vorwärts" an der Treskowallee ist ein Stadtteilzentrum geplant und zwischen der S-Bahntrasse und der Trabrennbahn eine Gartenstadtsiedlung mit etwa 400 Wohnungen in Ein- und Mehrfamilienhäusern. Statt das Grundstück zu verkaufen, wolle man es selbst entwickeln und aus Pacht und Mietzins Gewinn ziehen, erklärt Reiter. Von einer Siedlung speziell für Freunde des Rennsports hat man sich verabschiedet, weil es "dafür wegen der Abwanderung ins Umland kein Klientel gibt". Nach dem Flächennutzungplan erklärtes Ziel, ein Quartier zu errichten, das einerseits die Ortsmitte von Karlshorst bereichert und zugleich dem angrenzenden Volkspark Wuhlheide gerecht wird. Schon heute Magnet für Kulturereignisse, besteht im Bezirk ein mehrheitlich parteipolitischer Konsens darin, den "Spreepark" vom Plänterwald auf das Gelände des ehemaligen Hauptquartiers der sowjetischen Streitkräfte in Ostdeutschland an der Treskowallee zu verlegen.

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