Zeitung Heute : Im Minenfeld

Eines der größten Multimedia-Lexika steht unter Antisemitismus-Verdacht

Burkhard Schröder

Die Welt auf einer Scheibe oder 65 dickleibige Lexika auf mehreren CDs oder einer einzigen DVD: Das ist die „Microsoft Encarta Professional 2003“, ein Kompendium des Universalwissens mit fast 50 000 Artikeln, kombiniert mit 24 000 Multimedia-Elementen, einer benutzerfreundlichen Suchfunktion, inklusive eines regelmäßigen Online-Updates. Im Vergleich zu früheren Versionen wurden in der neuen Ausgabe alle Texte „einer gründlichen Revision unterzogen, inhaltlich überarbeitet oder neu strukturiert“. Das ist die gute Nachricht. „Die vergessene Geschichte Palästinas“ heißt ein Artikel aus der Feder von Dr. Heinz Vestner. Schlecht an dieser Nachricht ist nicht etwa, dass bisher unbekannte oder gar vergessene historische Fakten offen gelegt würden, sondern dass dieser Artikel zahlreiche Fehler enthält und den Nahost-Konflikt eigenwillig, ja einseitig interpretiert. Das größte jüdische Internet-Portal, hagalil.com, wirft der „Encarta“-Redaktion „Geschichtsverdrehung unter enzyklopädischem Deckmäntelchen“ vor.

Vereinfacht, verdreht, falsch

Wer die Geschichte Palästinas „objektiv“ darstellen will, gerät schnell in ein Minenfeld. Schon der Begriff „Palästina“ ist umstritten. Die Peel-Kommission, die 1936 die Aufteilung des Mandatsgebietes in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorschlug, musste sich von arabischen Führern anhören, „Palästina“ sei eine „zionistische Erfindung“. Heinz Vestner jedoch ist sich sicher, eine historische Kontinuität von den legitimen „Eingeborenen“, den Arabern, bis zur Gegenwart entdecken zu können: „1500 Jahre lebten in Palästina also fast nur Araber, später Palästinenser genannt.“ Dass die arabische Bevölkerung in Palästina gleichfalls mehrheitlich aus Immigranten bestand, die mitnichten und im Gegensatz zur zionistischen Einwanderung ein Recht auf „ihre seit 1500 Jahren angestammte Heimat“ hätten beanspruchen können, erwähnt der Artikel nicht.

Diese sehr vereinfachte Sicht der Dinge führt konsequent dazu, dem heutigen Staat Israel das Existenzrecht abzusprechen. „Ein Existenzrecht des israelischen Staates ist weder historisch noch völkerrechtlich herzuleiten“, heißt es in der „Encarta Professional“. Der Zionismus habe sich dieses „Recht“ zu einem günstigen Zeitpunkt politisch einfach genommen, heißt es in dem Artikel.

Sehr gewagt erscheint der Vergleich, die Vertreibungspolitik Israels erinnere „an die historische Annexionspolitik der USA gegenüber den Indianern und Mexiko im 19. Jahrhundert“. Zudem spricht Vestner ständig von der „illegalen Einwanderung“ der Juden, wenn es um die Zeit vor der Staatsgründung Israels geht. „Illegal“ sicher nach den Vorschriften der damaligen britischen Besatzungsmacht. Aber ob das angesichts der Versuche der Juden, sich vor der Vernichtung durch die Nazis zu retten, eine angemessene Beschreibung des Problems ist, muss bezweifelt werden. Auch mit Details nimmt es Vestner nicht sonderlich genau: „Der Judenstaat“ von Theodor Herzl wurde nicht 1892, sondern vier Jahre später publiziert. Und die Staatsgründung Israels fand nicht am 9. April statt, sondern am 14. Mai 1948. Falsch ist es auch, von einer „einseitigen und tatsächlich völkerrechtswidrigen Proklamation des Staates Israel“ zu sprechen. Hier hätte ein Blick in die UN-Resolution 181 aus dem Jahr 1947 die Perspektive zurechtgerückt: „Unabhängige arabische und jüdische Staaten sowie das besondere Internationale Regime für den Stadtbezirk von Jerusalem – ausführlich erläutert in Teil III dieses Planes – sollen zwei Monate, nachdem der Abzug der Streitkräfte der Mandatsmacht beendet worden ist, auf jeden Fall nicht später als am 1. Oktober 1948, zur Existenz gelangen.“

Die Proklamation des Staates Israel sei „vom ersten Tag an zum ,Stachel im Fleisch‘ der arabischen Welt“ geworden, deshalb reagierte die arabische Welt bereits am nächsten Tag mit einem Truppeneinmarsch“, heißt es in dem Beitrag weiter. Kein Wort verliert Vestner darüber, dass die arabischen Regierungen schon während des Zweiten Weltkrieges Hitler unterstützt hatten, dass die jüdischen Siedlungen in den Jahren vor Ende des britischen Mandats ständigem Terror ausgesetzt waren, dass die Briten den arabischen Freischärlern Waffen und Unterstützung gaben – gegen die Juden.

Von den Kritikern Vestners wird vermutet, dass der Autor selbst ein „antizionistisches“ Motiv haben könnte, da er kein Wort darüber verliert, dass die Araber den UN-Teilungsplan eben nicht akzeptierten, sondern sich einig waren, den gerade entstandenen Staat Israel von der Landkarte auszuradieren.

Keine Korrektur geplant

Selbst Terroranschläge und Flugzeugentführungen erscheinen im „Encarta“-Artikel als legitimes Mittel der Politik, eine Art palästinensische Lobbyarbeit, für die man Verständnis haben muss: „Die Weltöffentlichkeit hat sich für die Probleme der Palästinenser erst seit der ersten Flugzeugentführung durch Leila Khaled interessiert, und seit Terroranschläge palästinensischer Organisationen mit Dutzenden oder Hunderten toter Israelis die Welt immer wieder daran erinnerten, dass die ,Nahostkrise‘ nach wie vor ungelöst war. Allzu plausibel und nicht hinterfragt erschien den meisten, dass Israel sich dagegen schützen müsse und dürfe, und sei es durch Krieg und Gegenterror.“

Michael Hiltel, Chefredakteur der „Microsoft Encarta“, sagt, lexikalische Artikel und „Essays“ wie der von Vestner, seien nicht zu vergleichen. Vestner arbeite seines Wissens nach an einem „Buch über prominente Juden“. Zudem habe der Autor Kontakt zu „linken Israelis“, deren Position zum Nahost- Konflikt in den Artikel eingeflossen sei. Man könne es bei dem Thema ohnehin niemandem recht machen. Es hätte auch Beschwerden von der „anderen Seite“ gegeben. Eine Korrektur der vergessenen und einseitig aufbereiteten Fakten findet man in der aktuellen „Encarta Professional“ nicht.

Das jüdische Internet-Portal unter

www.hagalil.com

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