Zeitung Heute : Im Mittelpunkt das Wesentliche

Der Postbahnhof als Hauptquartier steht für Konzentration auf die Mode statt zu viel Chichi

Grit Thönnissen

Man sagt, es brauche ein paar Saisons, bis ein Designer von der Branche ernst genommen wird. Ob sich die Kollektion verkaufen lässt? Ob die Qualität beim nächsten Mal ähnlich hoch sein wird? Solche Fragen muss sich ein Designer, der gerade anfängt, Mode zu machen, gefallen lassen. Dieser Mechanismus des Zweifels scheint auch bei der Berliner Fashion Week zu greifen. Am Donnerstag ist die zweite Ausgabe zu Ende gegangen, und nach 18 Modenschauen, zahlreichen Präsentationen in Showrooms und vielen Partys ist klar: Das könnte was werden mit der Institution Fashion Week in Berlin. Klar ist aber auch: Geduld wird dringend gebraucht, um die nächsten Saisons weiter daran arbeiten zu können, aus Berlin eine Stadt zu machen, in die das Fachpublikum auch wegen der Mode gern kommt – und dann vielleicht irgendwann einmal auch muss.

Denn es gibt Paris, Mailand, New York und London und dann lange nichts. Berlin hat sich geräuspert – in den Chor der Modeprotagonisten ist man damit noch lange nicht aufgenommen. Deshalb ist es gut, dass das Motto der Modewoche nicht nur stilistisch die Sachlichkeit war. Mit dem neuen Standort am Postbahnhof lag die Konzentration viel mehr auf der gezeigten Mode und nicht so sehr auf dem glamourösen Drumherum wie noch im Sommer am Brandenburger Tor. Auch wenn sich viele Modefirmen eigene Orte für ihre Präsentationen suchten – der zum Hauptquartier der Fashion Week auserkorene ehemalige Postbahnhof versprach nicht mehr, als er auch halten konnte.

Das traf auch auf den Berliner Designer Michael Michalski zu. Riesige weiße Lettern wiesen den Weg in den weißen Säulensaal der Gemäldegalerie. Über die gesamte Länge des Raumes erstreckte sich ein schneeweißes Podest wie eine gigantische Hochzeitstorte. Die Models trugen eine Mischung aus dem, was sich Michael Michalski unter dem leicht prolligen Berliner Schick vorstellt, und Entwürfen, die den Willen zur Aussage zeigten. Kleine Röcke, die aussahen wie aufgeblähte Blütenkelche zu Jäckchen mit keck abstehenden Schößchen, eng an den Körper modellierte Kleider aus schwarzer Spitze und orientalisch anmutende Pumphosen könnten das selbst verkündete Versprechen einlösen, dass Michalski in Zukunft mehr sein will als der Dieter Bohlen der Mode – ein Designer nämlich, der gute Kleider macht. Er holte sich den Applaus ganz unprätentiös im Dauerlauf einmal rund um das Podest ab. Und war viel zu sehr damit beschäftigt, seine rutschende Jeans festzuhalten, um huldvoll zu wirken.Grit Thönnissen

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