Zeitung Heute : Im Namen der Bratpfanne

Der Tagesspiegel

Von Alva Gehrmann

Volker Kirst ist öfter auf Sendung als Günther Jauch: 15 Stunden pro Woche. Seinen Namen kennt man trotzdem nicht, wahrscheinlich weil man Jauch extra einschaltet, an Volker Kirst bleibt man höchstens beim Zappen hängen. Dann hält er einem eine Mikrofaser-Badematte entgegen oder einen in Tropfenform geschliffenen Edelstein – und lächelt breiter als Günther Jauch und Jörg Pilawa zusammen.

Volker Kirst ist Moderator des Teleshopping-Kanals QVC. 33 Jahre ist er alt, blond. Er wirkt smart – selbst hier in der Maske der Rhein Studios in Düsseldorf. Man darf sich jetzt nicht vorstellen, dass da eine hübsche Visagistin wäre, die ihm das Gesicht pudert. Volker Kirst muss sich selber schminken. Er rührt mit einem dicken Pinsel im braunen Puder herum und versucht dabei, seinen Job zu erklären. „Ich bin immer motiviert, das Beste zu geben“, sagt er. „Das merken auch die Zuschauer.“ In zwanzig Minuten geht seine erste Sendung los. Drei Stunden moderiert er am Stück. So was gibt es sonst nur im Radio. In der ersten Stunde geht es um Autozubehör, dann um Schmuck, schließlich um Pfannen. Einen grauen Anzug hat er an. In der Autowerkstatt-Kulisse sieht so ein Anzug zwar ein bisschen lächerlich aus. Aber zum Umziehen zwischen den Sendungen ist keine Zeit. Und im Mechaniker-Overall Schmuck verkaufen – das wäre noch unpassender.

Vor dem Studio wartet schon der Vertreter der Autozubehör-Firma. Er muss gleich mit vor die Kamera. Kirst kennt ihn, sie duzen sich. Aber nur hier draußen. Die Studiotür ist die Demarkationslinie. An ihr hängt ein Schild: „On Air den Moderator mit Sie anreden!“ Duzen vor der Kamera würde zu vertraulich rüberkommen. Also sagt Kirst, als um 16 Uhr die Kameras zu laufen anfangen: „Machen Sie noch mehr Dreck drauf, ja, so, genau!“ Man kennt die Masche, von Teppichreiniger-Vertretern in Fußgängerzonen: Nur wenn das Probestück wirklich dreckig ist, kann man beweisen, wie gut der Reiniger funktioniert. Hier geht es um eine wasserabweisende Scheiben-Beschichtung: „Glasguard“. „Wahnsinn, Wahnsinn“, sagt Kirst. „Das ist das Ende des Scheibenwischers." Fünf Minuten ist er erst auf Sendung, schon sind alle Leitungen, auf denen man „Glasguard“ bestellen kann, belegt. Was kann es für eine bessere Erfolgskontrolle für einen Moderator geben?

Einige hundert Autoprodukte werden in dieser Stunde verkauft. Genaue Zahlen will der Sender nicht nennen. Aber das Geschäft läuft gut: QVC hat 2001 einen Nettoumsatz von 220 Millionen Euro gemacht, der höchste Tagesumsatz lag bei 1,75 Millionen. Da laufen die Leitungen schon mal heiß: Fast 30 000 Zuschauer rufen pro Tag an.

QVC, das für Quality, Value und Convenience (Qualität, Wert und Bequemlichkeit) steht, ist seit dem 1. Dezember 1996 in Deutschland auf Sendung. Volker Kirst ist von Anfang an dabei. „Die erste Moderation war sehr steif", sagt er. „Ich musste einen Plüschaffen in die Kamera halten, den man zum Zittern bringen konnte. Aber der einzige Affe, der gezittert hat, war ich."

Dabei liegt ihm das Moderieren im Blut. Der Vater präsentierte Modenschauen. Kirst selbst entschied sich erst für ein BWL-Studium, aber das war ihm offenbar dann doch zu wenig glamourös. Er fing an, als DJ aufzulegen, präsentierte selbst Modenschauen und wurde schließlich Chef-Animateur beim Club Méditerranée. Dann kam der Anruf von QVC. „Ich war so begeistert. Und dachte nur: Fernsehen? Wo soll ich unterschreiben?" Mittlerweile ist er über sechs Jahre dabei. Begeistert ist er noch immer.

17 Uhr – die erste Sendung ist vorbei. Kirst zieht schnell einen Stift aus der Jackentasche: ein Nagelbett-Stift. Er muss sich schnell noch die Hände maniküren, denn in der nächsten Stunde wird Schmuck verkauft. Da sieht man seine Finger in der Nahaufnahme. Schon wieder leuchtet das rote Licht, das anzeigt, das die Kamera läuft. Es ist der Einsatz für Kirst: „Mit diesem Ring haben Sie etwas, was Sie nicht so schnell bei ihren Nachbarinnen und Freundinnen sehen werden“, legt er los. Ein Solitär, „eine kleine Krone", mit der „Sie sich etwas Gutes tun". Auch wenn man es seinen Moderationen nicht unbedingt anhört, Kirst hat sich vorbereitet, gewissenhaft, wie jeder Moderator: Er hat im Internet über die Produkte recherchiert, er hat sie selbst getestet. Und dann hat er noch diesen Knopf im Ohr. Durch ihn dringt die Stimme der Producerin, die ihm Stichworte gibt. Sagt sie zum Beispiel „absolut begrenzt", sagt er kurze Zeit später: „Sie können sich nicht vorstellen, wie schnell sich der Edelstein jetzt gerade verkauft.“

Man stellt sich Kirst jetzt vielleicht wie einen seelenlosen Verkäufer vor. Aber das stimmt nicht. Kirst glaubt an seine Produkte. Beweise? Sein Vater benutzt den Pyroflam-Bräter, den er um 18 Uhr in die Kamera halten wird. Seine Oma besitzt Plauener Spitzendecken und seine Mutter ein Gerät für die Gesichtsmassage – alles zu beziehen bei QVC. Auch er selbst ist gut bestückt: „Meine halbe Wohnung ist voll." Das letzte Produkt, dass ihn, ja, „umgehauen“ hat, wie er es ausdrückt, ist eine kleine Auftauplatte für Butter. „Man kennt das ja", sagt Kirst, „wenn man die Butter aus dem Kühlschrank holt, ist sie so hart. Auf dieser Platte wird sie innerhalb von einer Minute streichzart." Die Kamera ist aus. Er müsste jetzt nicht so reden. „Echt?", fragt eine Mitarbeiterin von QVC. „Jaa", sagt Kirst beseelt. Ein Vollblutverkäufer – zu jeder Zeit.

Aber im Leben eines Teleshopping-Moderators scheint nicht immer die Sonne. Zum Beispiel, wenn wieder jemand stänkert: „Ihr verkauft ja nur Schrott." Seine Kunden, sagt er, wüssten, dass die Produkte gut sind. Würden sie sich sonst die Mühe machen, ihm begeisterte Briefe zu schreiben? In den letzten Tagen hat er wieder 300 bekommen. Die Fanpost macht ihm Spaß. Am liebsten, sagt er, würde er Shows mit Publikum machen. Wo? Natürlich bei QVC. Eine Quizshow würde ihm auch gefallen. Aber: „Der Job bei QVC füllt einen voll aus." Irgendwie glaubt man ihm das sogar.

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