Zeitung Heute : Im Namen der Sportler

Der Fußballer Oliver Kahn hat seine Persönlichkeitsrechte vor Gericht durchgesetzt. Steht nun das Ende der Sport-Videospiele bevor?

Gregor Wildermann

„Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil…“ Vertreter von Videospielfirmen kannten diesen juristischen Schlusssatz in der Vergangenheit vielleicht aus dem Fernsehen, doch jetzt wurde auch diese Branche von der Realität der Paragrafen eingeholt. Was ist geschehen? Oliver Kahn, der zweimalige Welttorhüter und FC-Bayern-Kapitän, hat am vergangenen Freitag einen juristischen Sieg gegen die Firma Electronic Arts (EA) erwirken können. Das Hamburger Landesgericht gab dem Nationaltorhüter mit der Klage Recht, der Videospielehersteller habe in der Fußballsimulation „Fifa Worldcup 2002“ seinen Namen und sein Konterfei ohne seine Zustimmung verwendet. Nach dem Urteil der Richter darf EA das Spiel nun nicht mehr vertreiben. Kahn hatte zudem angekündigt, bei einem Erfolg Schadenersatzforderungen durch seinen Anwalt Matthias Prinz prüfen zu lassen. Das Spiel wurde 170 000 Mal verkauft, Electronic Arts hat dabei sieben Millionen Euro eingenommen.

Allerdings ist das Spiel schon längst nicht mehr im Handel erhältlich und die Verwendung in der Spielversion von 2003 unstrittig. Electronic Arts, der weltweit größte Softwarepublisher, ist zudem genau genommen der falsche Angeklagte. Denn die Rechte zur Verwendung von Name und Abbild des in Karlsruhe geborenen Herrn Kahn wurden für das in fünfzehn verschiedenen Sprachen erscheinende Fifa-Spiel nicht direkt eingekauft. Das wäre bei virtuellen Abbildern von insgesamt 800 Spielern aus 40 Ländern kaum möglich. Jens Uwe Intat, Geschäftsführer EA Central Region, stellt zum „Fall Kahn“ fest: „Wir haben ein reines Gewissen, da wir weltweit die Rechte aller Nationalmannschaftsspieler von der Spielervereinigung FIFPro erworben haben. Es gibt nun Differenzen zwischen der FIFPro und Herrn Kahn, ob die FIFPro diese Rechte an uns hat verkaufen dürfen. Wir sind nur aus formalrechtlichen Gründen die Beklagten, da wir das betroffene Produkt herstellen und Herr Kahn die FIFPro nicht direkt juristisch belangen kann.“

Dabei ist die Fifa-Serie unter Videospielfans trotz seiner spektakulären Inszenierung noch nicht einmal das beliebteste Spiel. Auf dem obersten Platz der Beliebtheitsskala rangiert „Pro Evolution Soccer 2“, das von der japanischen Firma Konami hergestellt wird und vor allem wegen seiner Realitätsnähe in puncto Spieltaktik und Fußballerbewegungen geschätzt wird. Bekannte Namen und möglichst echte Spielfiguren sind also nicht immer der Garant für eine perfekte Simulation. Als dritter Konkurrent auf dem Markt der Fußballspiele für Konsolen hatte auch Sony Computer Entertainment Europe (SCEE) ein ähnliches juristisches Problem im August letzten Jahres in Holland auszutragen. Neben Ajax Amsterdam verklagten die Teamleitungen von PSV Eindhoven und Feyenoord Rotterdam die Sony-Abteilung wegen unerlaubter Nutzung ihrer Logos in ihrem Fußballspiel „This Is Football 2002“. In diesem Fall einigte man sich vor Veröffentlichung des Spiels auf eine Nachzahlung von Lizenzgeldern.

Die Auseinandersetzung zeigt aber auch, welche Aufmerksamkeit diese Spiele erreicht haben. Bei der letzten Fußball-WM in Japan und Korea war es selbst puristischen Sportzeitungen eine Meldung wert, als Bernd Schneider meckerte, er könne wegen des japanischen Fernsehformats nicht mit seiner PlayStation 2 spielen.

Andere Sporttitel scheinen bisher nicht von der Problematik betroffen zu sein, da rechtliche Lizenzfragen dort einfacher geklärt sind. Bei Fahrsimulationen der Formel 1 sind alle Markenrechte mit dem international agierenden FIA-Verband geregelt. Michael Schumacher & Co sieht man in den Spielen auch nur aus der Cockpitperspektive und mit Helm dargestellt. Ein Boris Becker muss sich keine Sorgen machen, das er in Videospielen keine Rolle spielt. An pensionierten Tennisspielern sind die Spielentwickler nicht interessiert, dafür jedoch an beliebten aktiven Sportlern wie Tommy Haas oder Anna Kournikova. Radsportstars wie Jan Ulrich oder Lance Armstrong gibt es erst gar nicht in digitalem Abbild; nur ein einziges Spiel widmet sich der „Tour de France“.

Ganz anders sieht es bei Sportarten aus, die von der Popularität eines Sportlers leben. Beim Golfsport darf ein Erfolgssportler wie Tiger Woods ein für alle Konsolen und PCs erscheinendes Spiel sein Eigen nennen. Selbst Sportarten wie Skateboarding bescheren der Branche mit Titeln wie „Tony Hawk Skateboarding“ seit Jahren hohe Verkaufszahlen. Vor allem in den USA sind Sportspiele sehr beliebt; so erscheint die Madden-Serie zur Simulation der American-Football-Liga bereits seit vierzehn Jahren. Der gerade unter Jugendlichen so beliebte Basketball-Sport wird neben Sega auch von EA Sports und ihrer NBA-Live-Serie bedient.

Rechtlich sind auch in dieser Sportart die Verhältnisse klar geregelt: Spieler geben mit Vertragsabschluss fast immer ihre Vermarktungsrechte komplett an den Verein beziehungsweise an den Verband (NBA) ab. Dabei hätten auch hier manche Spieler durchaus Grund zur Kritik an ihrer Digitalfigur. Der wohl erfolgreichste deutsche Spieler Dirk Nowitzky ist im Spiel „NBA Live 2002“ eher schlecht als recht getroffen.

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