Zeitung Heute : Im Namen des Vaters

Der Papst ist stark, heißt es, wann immer von seiner Krankheit die Rede ist. Und er selbst klagt auch nicht. Denn er hat sein Haus bestellt. Das Kardinalskollegium ist komplett, seine Mitarbeiter sind versiert. Sie regieren jetzt schon die Kirche in seinem Geist.

Stephan-Andreas Casdorff

Radio Vatikan sendete es zum Frühstück, und die Meldung schlug Wellen in der ganzen Welt: Der Heilige Vater könne nicht anwesend sein, wegen eines „Unwohlseins“ werde er die Generalaudienz auf Anraten seines Leibartztes nicht abhalten. Das Wort vom Unwohlsein machte schnell unter den 15000 Pilgern die Runde. Denn es beschreibt im wahren Wortsinn seinen Zustand, und der nährt die Sorge, urbi et orbi, in der Stadt und im Erdkreis.

Dem Papst geht es nicht wohl, das wird nun immer öfter bestätigt. Auch die Dementis, zuletzt die des Wiener Kardinals, sind keine; denn keiner bestreit seine Sorge, dass Johannes Paul II. sich seinen letzten Monaten, seinen letzten Tagen nähert. Keiner bestreitet, was die Zeichen der Hinfälligkeit sagen. Sie sind ohnedies unübersehbar, weil der Papst selbst sie nicht versteckt. Er zeigt sich in seinem Leiden, zeigt, was er klaglos als Schicksal auf sich nimmt – und demonstriert, wie man mit diesem öffentlichen Bekenntnis über die weltweite Aufmerksamkeit gebietet. Und sein Geist ist stark. Zum Schluss der Generalaudienz hat der Papst sich noch mit einem Grußwort zuschalten lassen. Er regiert weiter – denn viele handeln nach seinem Wort und in seinem Geist, besonders diese drei: Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, neben ihm der Sekretär für die Außenbeziehungen der Kurie, Kardinal Jean-Louis Tauran, und der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Josef Ratzinger.

So leitete Sodano, gewissermaßen der Premierminister des Vatikan, an Stelle des Papstes die Generalaudienz, ruhig und gelassen. Er verlas die Katechese, als Piemonteser grüßte er die italienischssprachigen Pilger. Sonst führt Sodano, der im November 76 wird, dem Papst die Geschäfte eher still. Manchmal wird sein Wirken offenbar: Bei der Wiedervereinigung 1991 war es Sodano, der den Aufbau neuer Bistümer in den neuen Bundesländern einleitete. Und 1992 setzte er sich öffentlich gegen den Golfkrieg ein, aber für eine Intervention in Bosnien.

Sodano arbeitet eng mit Ratzinger zusammen, dem 76 Jahre alten deutschen Kardinal aus Marktl am Inn. Er ist zentrale Instanz für die Interpretation und Verteidigung der katholischen Lehre. Ratzinger, ein glänzender Rhetoriker, Professor, Bekenner, Zensor, ist einer, der mit auch intellektueller Schärfe die Schwächen von Gesellschaft und Kirche aus seiner Sicht bloßlegt; aus einer Sicht, derenthalben ihn der Papst seinerzeit berief. Die scharfen Schreiben gegen die Haltung der deutschen Bischofskonferenz zum Schwangerschaftsabbruch tragen seine Unterschrift. Und die Sodanos.

Der Papst hat auch Ratzinger bereits aus gesundheitlichen Gründen gebeten, ihn zu vertreten. Während der Osterwoche des vergangenen Jahres zelebrierte der Deutsche die liturgischen Feiern. Ratzinger, der vor kurzem auch seine Sorge um den Gesundheitszustand bekundete und zum Beten aufrief, nachher aber jedes Interview widerrief, ist außerdem inzwischen zum Dekan des Kardinalskollegiums bestimmt worden. Dieses Gremium wählt den Papst, und seinem Dekan obliegt es, die Wahl zu leiten. In der Interimszeit nach dem Tod eines Papstes hat das Kollegium Vollmachten für die Leitung der Kirche.

Jean-Louis Tauran, der „Außenminister“, ist soeben erst zum Kardinal nominiert worden; er zählt zu jenen, die der Papst zum Wahlmänner-Gremium für das Konklave ausgewählt hat, um die Weichen für seine Nachfolge zu stellen. Das Konsistorium auf dem die Ernennung vollzogen wird, ist unterdessen von Februar 2004 auf den 21. Oktober vorverlegt worden. Tauran, ein 60 Jahre alter Franzose aus Bordeaux, ist zuständig für die Besuche des Papstes in aller Welt und sein Emissär in allen diplomatischen Missionen. Er war der Nuntius im Libanon während des Bürgerkriegs, ist im Auftrag des Papstes auf Haiti gewesen, in Beirut, Damaskus, hat das historische Grundsatzabkommen mit Israel ausgehandelt und die diplomatischen Beziehungen zu Jordanien in die Wege geleitet. Tauran wird zugeschrieben, dass schon in den Schlussakten der KSZE 1989 in Wien das Recht auf Religionsfreiheit von allen 35 Unterzeichnerstaaten anerkannt wurde. Er ist, und da schließt sich der Kreis, auch Berater der Glaubenskongregation, die Ratzinger leitet, und hat mit Sodano daran mitgewirkt, die Kirchenprovinzen und Bistumsgrenzen im wiedervereinigten Deutschland neu zu ordnen.

Bei der Generalaudienz überbrückten Sprechchöre lateinamerikanischer und italienischer Pilger das sorgenvolle Schweigen nach Kardinal Sodanos Worten: „Die ganze Welt liebt Dich.“ Dann erschallte die Stimme des Papstes. Sie wirkte matt. Nun wolle der Papst keine Auslandsreisen mehr absolvieren, meldete später die Zeitung la Repubblica, und auch diese Meldung machte weltweit die Runde. Aber wie sagte der Leibarzt zum Los seines Patienten in aller Öffentlichkeit? Er trage es und mache weiter.

Und wenn es seine Kraft zulässt, wird Johannes Paul am 7. Oktober wie vorgesehen nach Pompeji reisen.

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