Zeitung Heute : Im Nest der diebischen Elstern

Tschechien, Land der unbregrenzten Bestechungsmöglichkeiten: Unterwegs mit „CorruptTour“, einem Sightseeing-Unternehmen der ganz besonderen Art.

Verhängnisvolle Affäre. Tschechiens Premier Petr Necas musste aufgeben. Foto: dpa
Verhängnisvolle Affäre. Tschechiens Premier Petr Necas musste aufgeben. Foto: dpaFoto: dpa

Als die Männer mit ihren Sturmhauben anrückten, war es tiefste Nacht. Sie kamen in dunklen VW-Bussen und drangen bis zu den Bastionen der Macht vor, in den Sitz der Regierung, in die Villen von einflussreichen Strippenziehern und in die Büros von dubiosen Firmen. Es war eine Polizeirazzia, wie es sie in Tschechien noch nicht gegeben hat. Am Ende ihrer Aktion werden die Ermittler mehrere Dutzend Kilogramm Gold und weit mehr als 100 Millionen tschechische Kronen in bar beschlagnahmt haben, die Regierung wird zurückgetreten sein und die Polizei wird verkünden, dass sie tief vorgedrungen sei in ein Dickicht aus Korruption und Klientelismus. Bei der Aktion ist das alte auf das neue Tschechien geprallt.

Petr Sourek ist einer derer, die zum neuen Tschechien gehören, ein Mann in den Dreißigern. Sourek hat im Ausland studiert, und irgendwann hatte er genug von den Korruptionsproblemen in seiner Heimat. Weshalb er eine ganz spezielle Waffe dagegen wählte: den typisch tschechischen Humor, der in seinem Sarkasmus so entlarvend ist wie beim berühmtem Soldaten Schwejk. Petr Sourek hat ein Reisebüro gegründet namens „CorruptTour“, vor einem Jahr war das. Sein Team fährt zu den Schauplätzen der Korruption. „Wir haben in Prag viele historische Gebäude, alles hier ist denkmalgeschützt“, hat Petr Sourek gesagt, als er seine Idee vorstellte, und dann mit Unschuldsmiene hinzugefügt: „Ich finde, die Korruption ist auch so eine Art kulturelles Erbe.“ So wie die Kaffeehäuser zu Wien und der Tango zu Argentinien gehörten, so sei die Korruption untrennbar mit Tschechien verbunden. Und aus diesem Erbe habe er jetzt eben seine Geschäftsidee mit „CorruptTour“ entwickelt: „Das ist ja das Grundprinzip des Tourismus: Man will sich etwas mit eigenen Augen anschauen, worüber man viel gelesen hat!“

In Prag ist es ein offenes Geheimnis, dass manche Politiker im Bund mit dubiosen Geschäftemachern ganze Vermögen aus den öffentlichen Kassen abzweigen. Viele dieser Verschwendungen sind bekannt geworden: Da versickern Milliardengelder in Großbaustellen, dort mietet die Stadtverwaltung ganze Amtsgebäude für schwindelerregende Summen von geheimnisvollen Gesellschaften in Übersee. Oder der öffentliche Nahverkehr in Prag: Da zahlt etwa eine Druckerei für jeden Fahrschein „Provision“ an eine Firma, die auf den Britischen Jungferninseln sitzt und von einer Prager Anwaltskanzlei kontrolliert wird – derselben Kanzlei, die den Kauf von millionenschweren Grundstücken und Villen an die Familie des Chefs der Verkehrsbetriebe organisiert hat.

Über Jahre hinweg konnte im Land eine Clique von einflussreichen Männern ohne Furcht vor Strafe lukrativ wirtschaften; ihrer Sache waren sie sich so sicher, dass sie sich nicht einmal besondere Mühe gaben, die Praktiken zu vertuschen. Es sind keine Männer, die im Stil von Mafiabossen die Stadt in Angst und Schrecken versetzen, sondern vermeintlich unbescholtene Geschäftsleute und Anwälte, die im Hintergrund die Strippen ziehen. Da ist ein früherer Verkehrsminister, dessen Baufirma sich dank öffentlicher Aufträge von einer regionalen Klitsche zum einflussreichen Konzern entwickelte. Da sind die Chefs von staatlichen Unternehmen, die sich vor der Toskanaküste mit Spitzenpolitikern auf Megajachten treffen. Oder die Golfreisen nach Dubai, von privaten Finanziers eigens für Parlamentarier veranstaltet.

Über dieses alte Tschechien hat sich Petr Sourek hergemacht. Eine der Rundreisen durch Prag hat er „Ornithologische Safari“ genannt, eine Rundreise zu den gut geschützten Anwesen der dubiosen Geschäftemacher – „ein Ausflug zu den Nestern der diebischen Elstern“. Im Reisebus geht es durch die Villenviertel der Hauptstadt. Leise rollt er aus einer Seitenstraße heran, vor ihm taucht eine Villa auf von der Größe eines Kreuzfahrtschiffs. Vier Etagen, allesamt mit mächtigen Glasfronten, umfriedet von einer Mauer mit Sicherheitskameras. Der Reiseleiter im Bus hält das Mikrofon in der Hand, aufgeregt ruft er: „Wir haben Glück! Ich glaube, wir sehen gleich eine Show! Holen Sie schon einmal die Fotoapparate raus!“ Vor der Villa sind gerade drei Limousinen vorgefahren, schwere Wagen mit verdunkelten Scheiben. Der Mann, der aus der Villa tritt, hält kurz inne und schaut irritiert zum Reisebus, aus dem ein Blitzlichtgewitter auf ihn niedergeht. Dann steigt er schnell in seinen Wagen und braust davon.

„Das war er“, sagt der Reiseleiter, während die Gruppe der Limousine hinterherschaut, „und jetzt steigen wir aus und schauen uns das aus der Nähe an!“ Der Blick ist umwerfend von hier aus; unter der Villa breitet sich das Panorama der Prager Altstadt aus, am Horizont thront der Hradschin mit der Prager Burg. Ein Name steht nicht an der Klingel zum Anwesen, aber der Reiseführer kennt den Besitzer natürlich trotzdem: Etliche Korruptionsfälle und Skandale werden mit ihm verbunden, er gilt als einflussreichster Mann an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft. „Das Geld für dieses Haus“, verkündet der Reiseleiter, „ist von Prag aus über ein Geflecht von Firmen durch fünf Länder gewandert und schließlich wieder hier gelandet.“

„Reisen Sie Ihrem Geld hinterher“, steht auf der Homepage von „CorruptTour“, und wer sich für die dreistündigen Fahrten im Reisebus anmeldet, bekommt ein Schreckenskabinett vorgeführt voller Vetternwirtschaft, wechselseitiger Abhängigkeit und irrsinniger Summen aus dem öffentlichen Haushalt, die verschwunden sind. Weit mehr als 2000 Tschechen waren in den ersten Monaten bei „CorruptTour“ dabei. „Die ganzen ungeahndeten Fälle in Erinnerung zu rufen, das gehört für uns zum Konzept“, hat Petr Sourek am Anfang verkündet.

Was damals niemand ahnte: Die Polizei war zu dieser Zeit schon dran an den Ermittlungen. „Seit mehr als anderthalb Jahren haben wir an den Fällen gearbeitet“, sagt Robert Slachta, der bei der Polizei die Sondereinheit für den Kampf gegen die organisierte Kriminalität leitet. Fast alle Anwesen jener grauen Eminenzen, zu denen die Ausflüge von „CorruptTour“ führen, sind von den Beamten bei der Razzia auf den Kopf gestellt worden.

Den ersten Kollateralschaden hat die Aktion inzwischen auch angerichtet: Dass Premierminister Petr Necas über die Ermittlungen stolpern würde, war am Anfang nicht abzusehen. Als er vor drei Jahren zum Regierungschef ernannt wurde, nannten ihn die tschechischen Medien „pan cisty“, Herrn Sauber. Angetreten ist der 48-Jährige mit dem Versprechen, die Korruption endlich zu bekämpfen. Seither hat er allerdings vor allem mit Skandalen und Enthüllungen in den eigenen Reihen zu tun gehabt, mehr als ein Dutzend seiner Minister musste zurücktreten.

Gestolpert ist der Regierungschef schließlich über eine Privataffäre: Necas hat sich von seiner Frau getrennt und unterhielt ein Verhältnis mit seiner engsten Vertrauten. Sie war eine einflussreiche Frau, an der jeder vorbeimusste, der mit dem Premier sprechen wollte. Zudem scheint sie eifersüchtig zu sein. Deshalb ließ sie die Noch-Ehefrau des Regierungschefs bespitzeln – ausgerechnet vom Militärgeheimdienst, dem sie eine entsprechende Anordnung gegeben hatte. Dass die Polizei dieser Schnüffelaffäre auf die Spur gekommen ist, war eigentlich ein Randprodukt der Ermittlungen in Sachen Korruption. Zurücktreten musste Necas trotzdem, seine Geliebte sitzt seither wegen Amtsmissbrauch im Gefängnis.

„Als wir mit ,CorruptTour’ gestartet sind“, sagt Petr Sourek, „haben mir manche vorhergesagt, dass ich innerhalb von 14 Tagen irgendwo mit einer Kugel im Kopf gefunden werde“, sagt er. Jetzt zeigt sich, dass es neuerdings Paten und korrupte Politiker sind, die allen Grund zur Sorge haben. Kilian Kirchgeßner

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