Zeitung Heute : Im neuen Parlament

Eine große Überraschung – und noch viel mehr

-

Berlin Dass es so eng werden würde, hätten sich die Unionsstrategen nicht träumen lassen. Nur mit drei Sitzen Vorsprung lagen CDU und CSU am Ende vor den Sozialdemokraten – und selbst die deutlichen Zugewinne der Liberalen reichten nicht für eine schwarz-gelbe Regierung. So ist auch nach dem Wahlabend offen, wer Deutschland in den nächsten Jahren regieren wird. Sowohl CDU-Chefin Angela Merkel als auch Amtsinhaber Gerhard Schröder (SPD) erheben Anspruch aufs Kanzleramt und die Führung einer großen Koalition. Eine Ampellösung unter SPD-Führung schloss FDP- Chef Guido Westerwelle aus, gegen eine Ampel unter Merkel, wie sie CSU-Chef Edmund Stoiber ins Spiel gebracht hat, wehren sich die Grünen. Und dass Rot- Rot-Grün regiert, ist nur rechnerisch denkbar. SPD wie Linkspartei haben diese Konstellation ausgeschlossen. Damit könnte der Nachwahl im Wahlkreis Dresden I am 2. Oktober noch entscheidende Bedeutung zukommen – wenn die CDU dort nicht das Direktmandat holt. Experten zufolge sind dadurch Verschiebungen von bis zu drei Sitzen möglich. Dies entspricht exakt dem Unions-Vorsprung.

Klare Wahlsieger sind die FDP und die Linkspartei. Im Saarland, der Heimat des Spitzenkandidaten Lafontaine, kamen die Linken auf ihr höchstes West-Ergebnis: 18,5 Prozent. Und die SPD fuhr zwar eines ihrer schlechtesten Ergebnisse seit 50 Jahren ein. Aber in Ostdeutschland wurde sie stärkste Kraft, deutlich vor Linkspartei und Union. Und in zehn Ländern-Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt, Berlin, Hamburg, Bremen, NRW, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Saarland und sogar in Hessen – ging sie als Sieger durchs Ziel. In Niedersachsen schaffte Rot-Grün sogar die absolute Mehrheit. Und nicht einmal auf Bayern konnte sich Merkel verlassen: Die CSU stürzte um mehr als neun Prozentpunkte ab und blieb deutlich unter 50 Prozent.

Ihr Direktmandat sicherten sich nicht nur die CDU-Spitzen Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Friedrich Merz. Erfolgreich waren auch Gregor Gysi (LInkspartei) und Christian Ströbele (Grüne). Die SPD-Minister Hans Eichel, Edelgard Bulmahn, Brigitte Zypries, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Peter Struck und Ulla Schmidt setzten sich ebenfalls durch. Renate Schmidt, Otto Schily und Klaus-Uwe Benneter hingegen fielen in ihren Wahlkreisen durch.

Besorgnis bei politischen Beobachtern verursachten Zugewinne der NPD: In Sachsen kamen die Rechtsextremen auf 4,9 Prozent und ließen damit sogar die Grünen hinter sich. In der sächsischen Schweiz erreichte die NPD 7,1 Prozent.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!