Zeitung Heute : Im Norden ganz oben

Keine Society-Oase, aber gutbürgerlicher Stadtteil – was Frohnaus besondere Atmosphäre ausmacht

Käme einer, der mit dem Fallschirm über Frohnau abgeworfen wird, auf die Idee, in Berlin gelandet zu sein? Droben im äußersten Norden Berlins fehlt es an fast allem, was das Klischee der Metropole ausmacht. Stattdessen gibt es dort hanseatisch oder sogar englisch anmutende Backsteinvillen, große, kaum einsehbare Grundstücke, verwirrend verschlungene enge Straßen, dazu kleine, qualitativ gehobene Geschäfte. „Exklusiv“ ist das Beiwort, das in vielen schlechten Texten über Frohnau steht – so, als handele es sich um Kaviar oder Ledermöbel. Gemeint ist wohl: Der Ortsteil ist ein bisschen wie Sylt oder Blankenese, Domizil der besseren Berliner Stände, denen Dahlem oder Wannsee einfach zu offensichtlich reich sind. Also eigentlich: Eher nicht wie Sylt.

So jedenfalls ist das Selbstverständnis mancher Bewohner, das sich – um die ganze Wahrheit zu sagen – auch bis nach Hermsdorf und in Teile von Waidmannslust erstreckt: Die Villengegenden Nord-Reinickendorfs bilden eine Einheit, die sich durch hohe Einkommen und andere soziale Kennziffern der höchsten Kategorie hervorhebt. Frohnau gehört dennoch in eine eigene Kategorie, da es anders als die benachbarten Ortsteile erst vor einem Jahrhundert durch den Ratschluss eines einzelnen philantropischen Adligen in den märkischen Sand geworfen wurde, auf einem Boden, der in den Jahrtausenden davor nichts als Wald und Heide tragen musste.

Anfangs zog dieses Konzept die Eliten der Reichshauptstadt an wie gewünscht. Bankdirektoren, Fabrikanten, Opernsänger und hohe Beamte bezogen die frisch hingemörtelten Villen, und auch der Poloplatz, der gewissermaßen das Sahnehäubchen der Gartenstadt darstellte, zog die hochmögenden Sportler an. Dann kamen die Nazis, viele jüdische Polospieler wurden vertrieben – und nach dem Krieg kam mit der neuen Demokratie auch das weniger elitäre Frohnau, das weitgehend ohne Poloturniere auskam. Viel geritten wird auf dem Poloplatz zwar immer noch. Aber der Versuch, dort nach der Wende wieder eine champagnerselige Society-Oase zu installieren, ist gründlich und wohl unwiderruflich gescheitert.

Dennoch: Hier lässt sich leben. Wenn auch der ursprüngliche Plan der Gartenstadt nie vollständig realisiert wurde, so ist doch zumindest die Idee unangetastet geblieben, ein grünes Umfeld ohne Mietskasernen und dominierende Gewerbebetriebe zu schaffen. Wer sich Frohnau aus der Stadt nähert, vom Hermsdorfer Damm oder über Autobahn und rote Chaussee, der passiert Waldgebiete, die den Abstand zur Innenstadt deutlich werden lassen; erst recht gilt das für die Anreise von Norden.

Und deshalb hat selbst der Mauerfall das bis dahin abgeschiedene Gebiet kaum wesentlich verändert: Hohen Neuendorf, der Nachbar an der Stadtgrenze, ist zwar leicht erreichbar, und der Gang um den Hubertussee lässt sich leicht um eine Runde auf Brandenburger Boden erweitern. Aber das Lebensgefühl der Frohnauer wurde davon kaum berührt – sie radeln ein wenig mehr und gehen zum Essen gern mal in die „Piazza Italiana“, das quirlige Lokal, das genau da liegt, wo am „Entenschnabel“ zu Mauerzeiten Vopos fuhren und Hühner gackerten.

Ein wichtiger Impuls für Frohnau war die Übernahme der S-Bahn durch die BVG 1984. Mit dieser Stabilisierung der Hauptverkehrsader kam neues Leben nach Norden, und die Geschäfte, die sich vor allem um die beiden Plätze und den Nordteil der Welfenallee konzentrieren, blühten auf. Ludolfinger- und Zeltinger Platz bilden das durch eine Brücke über der S–Bahn verbundene Doppelherz Frohnaus. Es ist unmöglich zu verfehlen, denn am Rande des Bahnhofs ragt der 30 Meter hohe Kasinoturm auf, das eigentliche Wahrzeichen des Ortsteils. Einst war er Wasserreservoir für die Bahn, heute dient er nur noch als Unterkunft für recht häufig wechselnde Restaurants.

Vor allem der Zeltinger Platz bietet heute eine Vielzahl von kleinen Einzelhandelsgeschäften rund um die Institution „Feinkost John“; Peter John hat sein Geschäft zwar im letzten Jahr verkauft, aber Name und Qualitätssortiment mit Schwerpunkt Wein sind geblieben. Treffpunkt der zahlreichen Tierfreunde ist das Geschäft von Hundefleischer Heidingsfelder, der sich mit tiefschürfenden Ratschlägen als eine Art Tierarzt light etabliert hat. Und Frohnau-Süchtige versäumen es nie, am Sonnabend den winzigen Wochenmarkt längs der S-Bahn zu besuchen, wo sie bei den philosophierenden Blumenhändlern Thomas und Ralf ein paar Tulpen erstehen oder Fisch-Renates legendär flapsigen Verkaufsgesprächen beiwohnen.

Rund um die Plätze sind Feinkost, Obst, Gemüse und Mode die Hauptkoordinaten, ein paar Restaurants um das gehoben italienische „Pantalone“ finden allemal ihre Gäste. Der Vormarsch der Ladenketten hat auch vor Frohnau nicht haltgemacht – allerdings bietet die alteingesessene Reichelt-Filiale Dinge, die nicht zum normalen Edeka-Angebot gehören. Und vor allem die beiden neu gestalteten Cafés zu beiden Seiten der Brücke haben das Frohnauer Zentrum stark belebt. Wo es vor 20 Jahren nur Kännchen und Käsekuchen gab, werden längst Spezialitäten aktuellen Zuschnitts serviert, junge Bewohner finden ihr Lebensgefühl stärker als früher reflektiert, das tut der Stimmung gut.

Doch niemand wohnt in Frohnau nur wegen der Infrastruktur. Am wichtigsten ist es den meisten Bewohnern, dass sie nach dem Einkaufsbummel die Gartentür wieder hinter sich schließen und in aller Ruhe die genau 100 Jahre alte Grundidee des Grafen Donnersmarck genießen können.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben