Zeitung Heute : Im norwegischen Bergen trifft man viele phantastische Lebewesen

Stefanie Bisping

Fast sieht Bergen aus, als wäre es nicht echt, so unwirklich blau leuchtet der Fjord, und so grün schimmern die umliegenden Berge. Die dunkelroten und sonnengelben Holzhäuschen rund um den Hafen sehen aus, als habe ein eigenwilliger Troll sie verstreut. Zumindest vom Floyen aus betrachtet, dem Stadtberg, dessen Gipfel in 320 Meter Höhe eine Kabelbahn in Minutenschnelle erreicht. Vielleicht war es jener kapitale Troll, der jetzt hier oben neben einer Souvenirbude sitzt und Urlauber beobachtet.

Ähnlich wie Touristen treten auch Trolle oft in Gruppen auf. Die Stadt zwischen den sieben Bergen verfügt über eine Vielzahl dieser merkwürdigen Gestalten zwischen Märchenzwerg und Maulwurf. Überall lauern die spitznasigen Wesen aus den norwegischen Volksmärchen: an Hauseingängen, in Fenstern und auf Straßen und Plätzen. Gefährlich sind sie nicht; sie gelten unter Einheimischen als wenig intelligent, aber meist freundlich. Vorsicht ist allerdings bei intensivem Sonnenschein geboten: Dann können Trolle platzen. Deshalb wahrscheinlich fühlen sie sich in Bergen, der regenreichsten Stadt Norwegens, besonders wohl.

220 Regentage im Jahr sind nicht wegzudiskutieren. Doch trotz häufiger Niederschläge ist Bergen eine vom Klima begünstigte Stadt. Der Golfstrom vor der Küste sorgt dafür, dass es hier auch im Winter nicht so kalt wird, wie Mitteleuropäer vermuten würden. Bergen liegt auf demselben Breitengrad wie der Süden Grönlands. Dass die Stadt deutlich grüner und sogar für ihre baumhohen Rhododendronbüsche bekannt ist, ist diesem Golfstrom zu verdanken. Außerdem schafft die durch ihn bedingte Mischung kalter und wärmerer Strömungen günstige Nahrungsbedingungen für den allgegenwärtigen Fisch.

Als Umschlagort für Fisch und durch die Schifffahrt kam Bergen zu Wohlstand. Obwohl heute im Hafen eher Bohrinseln als Segelschiffe ausgerüstet werden und zwischen den Fischerbooten häufig Kreuzfahrtdampfer ankern, ist die Stadt noch immer geprägt von den Wirtschaftszweigen, die sie reich machten. Der Hafen ist weiterhin der Mittelpunkt der Stadt - hier sind Cafés und Restaurants, einen Steinwurf entfernt beginnt Bergens Einkaufsmeile. Und hier ist der Markt, wo neben so nützlichen Dingen wie Elchfleisch und Wolfsfellen fette Lachse und Hummer, Kaviar und Meeresfrüchte verkauft werden. Billig ist der Einkauf allerdings nicht. In Norwegen gibt es die teuersten Lebensmittel Europas, und das hohe Preisniveau macht sich auf dem Fischmarkt genauso bemerkbar wie im Supermarkt oder in der Gastronomie. Um so erstaunlicher ist da, dass die Bergener es trotzdem fertigbringen, ihre Restaurants und Bars ständig besetzt zu halten.

Wer am Vorabend nicht seine Reisekasse für ein paar Gläser Bier ausgegeben hat, kann am Hafen Krabben essen und auf die andere Seite des Wassers schauen, wo die Holzhäuser der Tyske Brygge, der deutschen Brücke, stehen. So heißt das ehemalige Hanse-Viertel, die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt. Heute sind die in einem Labyrinth aus Gassen und Holzstiegen verschachtelten Gebäude erste Adresse für Kunstgewerbe- und Andenkenhändler. Vom 13. bis zum 18. Jahrhundert lebten hier, im einzigen erhaltenen der vier hanseatischen Kontore - Brügge, London und das russische Nowgorod waren die anderen - jene Deutschen, die das Monopol auf den Handel mit Stockfisch von den Lofoten ergattert hatten und im Austausch dafür den Norden Norwegens mit Getreide versorgten.

300 Jahre alt sind die Häuser, die nach Feuersbrünsten immer wieder aufgebaut wurden und heute unescogeschütztes Wahrzeichen Bergens sind. Das Hanseatische Museum, ein authentisch eingerichtetes Handelshaus, gibt Einblick in den Alltag der Kaufleute. Dort zeigt sich, dass der Wohlstand der Hanseaten in kargen und finsteren Jahren erworben wurde. In den Holzhäusern, in denen die Mitarbeiter des Kontors wohnten und arbeiteten, waren Licht und Kaminfeuer verboten - aus gutem Grund, wie die verheerenden Brände in der Stadtgeschichte belegen. Bis 1916 bestand Bergen nur aus Holzhäusern. Sogar die Feuerwehr war in einem Gebäude aus Holz untergebracht.

Geselliges Leben mussten die Hanseaten wegen der Brandgefahr außerhalb ihrer Häuser in "Schütstuben" pflegen, wo Kerzen und wärmendes Feuer entzündet werden durften. Der Handelsverwalter nahm immerhin in der Mitte des ungeheizten Wohnhauses in einem Alkoven Quartier, wo es im Winter nicht ganz so kalt wurde. Die Lehrlinge, die zu acht in Außenzimmern und jeweils zu zweit in einem Bett schliefen, konnten sich dagegen nur aneinander wärmen.

Das Leben der Kaufleute war streng reglementiert. So mussten alle Mitarbeiter des Kontors Junggesellen bleiben, bis sie sich oft erst nach 20 Jahren wieder auf den Heimweg machten. Daher wohl sind die Wände mancher Verwalterstube mit den Porträts lieblicher Damen geschmückt. Allerdings hatten sie auch nicht viel Zeit, über etwaige Flammen nachzudenken, denn die Arbeitstage waren lang und Freizeit praktisch nicht existent. Mit 14 gingen die Jungen in die Lehre, wobei sie im Wesentlichen mit der Verarbeitung von luftgetrocknetem Dorsch und Kabeljau sowie der Herstellung sechs verschiedener, allesamt übelschmeckender Sorten Tran im Parterre des Hauses beschäftigt waren. Nach sechs Jahren Fischgeruch wurden sie Gesellen. Mit etwas Glück stieg ein Geselle schließlich zum Handelsverwalter für den deutschen Besitzer auf. Hatte er genug Geld für einen eigenen "Hof" zusammen, ging er zurück nach Lübeck und betraute seinerseits einen Verwalter mit der Beaufsichtigung des Geschäfts in Norwegen.

Fast 2000 Deutsche lebten im späten Mittelalter in Bergen, ohne sich mit den 6000 Einheimischen zu mischen. In der Marienkirche, dem ältesten Gebäude der Stadt, wurden noch bis 1868 alle Messen auf Deutsch gelesen. Die Hanseaten bedienten sich weiter ihrer Muttersprache, beteiligten sich nicht am nächtlichen Wachdienst und erkannten auch das norwegische Recht nicht an. Sprich: Sie wirkten nicht übermäßig sympathisch, zumal sie auch noch den gesamten Fischhandel vereinnahmt hatten. Trotzdem kam es nur gelegentlich zu Auseinandersetzungen, denn immerhin arbeiteten auch 1500 norwegische Fischer für die 100 Häuser an der deutschen Brücke. Außerdem war man auf deutsche Getreidelieferungen angewiesen.

Erst im 19. Jahrhundert musste Bergen, das heute etwa 220 000 Einwohner zählt, den Rang als größte Stadt Norwegens an Oslo abtreten. Bis dahin schlug hier das Herz des Landes - wirtschaftlich wie kulturell. Als eine der neun europäischen Kulturhauptstädte Europas im Jahr 2000 nimmt Bergen letzteres weiterhin für sich in Anspruch. Die Stadt versorgt als Kultur-Metropole Westnorwegens auch entlegene Winkel des Fjordlands mit Unterhaltung: So liegt im Hafen ein Theaterboot, das im Winter die kleinen Orte der Fjorde ansteuert. Eines der ältesten Symphonieorchester der Welt ist seit 1765 hier zu Hause, und das älteste Theater Norwegens feierte hier vor 150 Jahren seine erste Premiere. Die Lebenswege zweier der berühmtesten Norweger, Henrik Ibsen und Edvard Grieg, sind eng mit der Stadt Bergen verbunden. In einer der ersten Spielzeiten des hiesigen Theaters wurde Henrik Ibsen engagiert, der Autor von Stücken wie "Peer Gynt" und später "Hedda Gabler", der in Bergen seine Karriere als Dramatiker und Regisseur begründete.

Edvard Grieg, der als Komponist etwa der "Peer Gynt Suite" norwegische Musik international bekannt machte, wurde 1843 in der Straße Strandgaten geboren. Sein Geburtshaus wurde zerstört, als im April 1944 ein deutsches Munitionsschiff im Hafen explodierte. Erhalten ist hingegen das Haus, das er 1885 als Sommer-Residenz vor der Stadt baute: Troldhaugen, die Villa Trollhügel. Hoch über dem Fjord liegt das baumumstandene Haus, das so aussieht, wie sich Leser von Astrid Lindgren ein skandinavisches Heim vorstellen. Im Winter gehörte sein Anwesen allein den hiesigen Trollen; dann weilte der kälteempfindliche Grieg mit seiner Frau Nina im Ausland. Heute teilen es die Trolle mit Touristen und Musikfreunden: Auf dem Grundstück, das Grieg zur Komposition "Hochzeitstag auf Troldhaugen" inspirierte, befindet sich neben dem zum Museum umfunktionierten Wohnhaus auch ein Konzertsaal.

Griegs wohnten behaglich, wie die authentische Einrichtung beweist. Der Steinway-Flügel und der bestickte Teppich, auf dem das Brautpaar Grieg beim Eheversprechen kniete, sind ebenso erhalten wie die abgeschiedene kleine Komponisten-Klause unten am Wasser. Dort saß der nur 1,53 Meter große Grieg stets auf einem Stapel Beethoven-Noten, um ebenso bequem wie inspiriert arbeiten zu können. Zwischendurch ruhte er auf der Chaiselongue oder im Schaukelstuhl. So gut gefiel ihm das Leben auf dem Trollhügel, dass er ihn auch im Tod nicht verlassen wollte. Beerdigt wurde er 1907 auf dem Grundstück in einer Felswand, die im Juni fast bis Mitternacht von der Sonne beschienen wird - er mochte eben keine Kälte. Unter dem Felsgrab liegt nur noch ein Bootssteg vor blauem Wasser und fernen grünen Bergen. Verwunschen und weltentrückt, wie es sich für einen Trollhügel gehört.

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