Zeitung Heute : Im offenen Sektor

Thomas Loy

Willkommen im Neuen Berlin, im mehrstöckigen Prachtbau der "Schönhauser-Allee-Arcaden". Die Läden heißen hier New Yorker, New Way, Prestige, Bijou Brigitte, Bonita, Jeans Time und Foot Locker. Einige Geschäfte führen noch Titel wie "Der Heimwerker" oder auch "Modestuben für Sie und Ihn". Aber das muss gar nichts heißen, es könnte sich auch um Retro-Zitate handeln, um die reine Alltagsironie.

Alles fügt sich hier aufs Schönste ineinander, zum Wohlbefinden aller. Eine Shoppingwelt der Farben, Zeichen, Klänge, Gerüche und Symbole. Wer aus der anarchischen Außenwelt durch die Drehtür in die klimatisierten "Arcaden" geht, stößt nach einer Abzweigung auf "World-Coffee". Das ist eine Einrichtung des Après-Shopping - oder noch etwas zeitgeistiger gesagt: der Shopping-Chillout-Room. Hier lässt es sich sehr schön allein sein, während hinter der isolierenden Glasscheibe die Masse im Dämmerlicht führungslos auf die herandrängenden Busse, Straßenbahnen und Autos zustürzt und wieder zurückweicht.

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Softiger Jazz, Schaumreste am Milchkaffeeglas, eine Red-Bull-Büchse, geöffnet, die Zigarettenhand auf den Tresen gestützt, das lange glatte schwarze Haar über der Lederjacke verteilt, gebeugt über eine Ausgabe der Zeitschrift "Marie Claire". Die Accessoires der Großstadt-Dame im 21. Jahrhundert, filmreif drapiert? Susanne antwortet nicht, sie lacht. Morgen wird in der Großstadt mal wieder gewählt. Das ist so ein altes Volksritual mit Ankreuzen, Falten und Einwerfen. Interessiert sie das überhaupt? Susannes Lachen gerät schwer aus dem Takt. Klar. Das sei doch so was von selbstverständlich. Zwar ist sie erst seit fünf Jahren in Berlin, aber ihre beiden Kinder sind hier geboren, und dann war da im fernen Mecklenburg, von wo sie geflüchtet ist, wegen der provinziellen Enge, dann war da noch diese Sache mit der Kandidatur für die örtliche PDS. Gewählt wurde sie nicht, aber versucht hat sie es zumindest. Versucht, nicht zu jammern, sondern was zu tun.

Nun schuftet sie den ganzen Tag für die Eisbären, den Eishockeyklub. Dort zählt sie das Geld bei den Spielen und kümmert sich überhaupt um die Finanzen. Da bleibt gerade noch Zeit, um einmal die Woche ins Kino zu gehen, einmal ins Fitness-Studio, dann noch "Max" lesen, zum Beispiel die Ausgabe mit dem Steffel-Interview. Oder neulich, die Stefan-Raab-Show mit dem Schill-Politiker. Susanne lacht wieder. "Der wurde total überrumpelt. Ist das nicht schlimm?"

Irgendwas Rot-Grünes

Ist das Fernsehen nicht überhaupt schlimm? Bei Fragen, die gegen den Gesprächsfluss laufen, zieht Susanne ihre dunklen Augen zu einer flimmernden Drohgebärde zusammen. Über das, was Medien mit der Politik anstellen, habe sie noch nicht nachgedacht. Nun denkt sie nach und merkt, dass nur die diskriminierenden Wahlsprüche der NPD-Plakate in ihrem Gedächtnis haften geblieben sind. Schon deshalb will sie am Sonntag wählen gehen. Es wird keine wirklich bewusste Wahl sein, sondern eher eine nach Geschmack. Den Gregor Gysi findet sie sehr geschmackvoll, aber man müsse ja Parteien wählen. Irgendwas Rotes wird es wohl sein, vielleicht auch Rot-Grün.

Susanne lebt im Neuen Berlin, Ortsteil Pankow. Das Neue Berlin erstreckt sich über die gesamte Stadt, hört weder an der Mauerlinie auf, noch fängt es dort an. Es zeigt stolz sein Geschmeide: die Bürotürme entlang der Spree, die Cinemaxx-Kinos, die Shopping-Center, die sanierten Höfe, Galerien und Bars. Aber das ist nur die Oberfläche. Das Neue Berlin hat sich wie ein feines durchsichtiges Netz über die beiden Stadthälften gespannt. Die Fäden werden immer kräftiger, denn es kommen immer mehr Menschen. Seit 1991 sind es ungefähr eine Million. Noch einige Zehntausend mehr sind dafür in dieser Zeit aus der Stadt verschwunden.

Die Neu-Berliner stellen inzwischen fast ein Drittel der Einwohner. Mit dem alten Berlin, seinem überkommenen Ost-West-Trauma, der geistig-moralischen Verwachsenheit mit dem Kiez, haben sie nichts mehr zu tun. Im Gegenteil: Zwischen ihnen vollzieht sich die innere Einheit.

Wählen im Neuen Berlin ist keine historisch belastete Pflichtübung mehr, sondern hat etwas mit Spontaneität zu tun, eine Frage der Lust. Der Chef des Berliner Forsa-Instituts, Manfred Güllner, hat sein Ost-West-Wahlschema schon den veränderten Zeiten angepasst. Er unterteilt in Betonköppe West (Inselverteidiger, vornehmlich CDU), Betonköppe Ost (DDR-Nostalgiker, überwiegend PDS) und Neu-Berliner (parteilos). Güllners Sympathie gehört eindeutig der dritten Kategorie - schließlich ist er selbst zugezogen. "Die Gruppe der Neu-Berliner ist einfach fröhlicher, aufgeschlossener, lockerer, flexibler und optimistischer."

Das Neue Berlin hat seinen Anspruch auf die Stadt besonders deutlich in deren Mitte markiert, zwischen Spreebogen, Hackeschem Markt und Gleisdreieck. Eingeschworene Alt-Berliner schimpfen, wenn sie auf der Durchreise zurück in ihren Kiez an den Monumenten der neuen Zeit vorbei müssen. Zu geleckt, zu steril und arrogant sind ihnen die glatten Fassaden, die am Potsdamer Platz ein wenig von der New-York-Stimmung früherer Tage aufkommen lassen wollen. Und die Neu-Berliner geraten unter den Generalverdacht, für all das verantwortlich zu sein. Auch für die Touristen, die so exzentrisch durch die Neu-Stadt flanieren und gar nicht ahnen, dass sie im globalökonomisch besetzten Sektor Berlins herumknipsen und davon auch noch begeistert sind.

Das offene Tor

Doch nicht alle Neu-Berliner finden Neu-Berlin gut. Die Zugereisten sind eine überaus heterogene Gruppe aus aller Herren Bundesländer und weit darüber hinaus. Was sie eint, ist allein das offene Tor in ihren Köpfen. Dort, wo bei den Alt-Berlinern die Mauer steht. Das Sony-Filmhaus, ein gläserner Big-Brother-Palast. Unten, auf der Minus-2-Ebene, ist das kantige Foyer des Arsenal-Kinos. Die Stimmung am Ticket-Pavillon ist entspannt, in Neu-Berlin sagt man dazu "relaxed".

Georg aus Nordrhein-Westfalen, seit vier Jahren Neu-Berliner Student, trägt einen dünnen braun-ocker-grau gestreiften Wollschal über seiner blauen Windjacke. Seine halblangen Haarlocken wirken hier leicht anachronistisch. Georg sitzt diesseits der Glaswand und schaut einer geschlossenen Gesellschaft zu, die jenseits der Glaswand Party-Häppchen von schräg gestellten Tellern fingert. Die Menschen drüben tragen gebügelte, fein gewebte Anzüge und haben Erkennungsmarken mit ihren Namen an der linken Brust. Die Gesellschaft hat sich in Zweiergruppen aufgeteilt, nur einige sitzen allein an der langen ovalen Bar, die ihre Leuchtfarbe ständig von Grün auf Violett und dann auf Grau wechselt. Es wird gesprochen, aber es ist, als liefe hier ein Film ohne Ton. Gleich wird Georg in einem anderen Raum "Göttliche Diven" von Pedro Almodóvar sehen - der Film läuft in der Originalversion mit englischen Untertiteln.

Georg, 23 Jahre, studiert Philosophie und Literatur. Dem Symbol globaler wirtschaftlicher Macht, in dem er sitzt, steht er inzwischen kritisch gegenüber. Als er sich nach dem Abitur für einen Studienort entscheiden musste, galt Berlin im Bekanntenkreis als "einzige Stadt, wo man hin kann". Wegen der Clubs, der Szene und der coolen Altbauwohnungen. Damals hätte das Neue Berlin einen Stopp einlegen sollen, findet Georg. Eine Verschnaufpause, um sich klarzuwerden, was da überhaupt passiert mit ihm. Doch die Stadt hörte nicht auf, sich zu verändern, und so kam es unweigerlich zum "Hauptstadt-Hype".

Berlin als "repräsentative Glanzstadt" zum Herzeigen deutscher Spitzenpolitik und -wirtschaft, das kommt Georg heute wie eine gigantische Luftnummer vor. Er bewegt sich lieber in den bodenständigen Nischen von Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Dort trifft er gleichgesinnte Neu-Berliner zum kritischen Disput, auch in politischen Fragen. Zur Wahl wird er natürlich gehen. Er tendiere zur PDS, aber bis zur Stimmabgabe bleibt ja noch ein bisschen Zeit zum Abwägen und Diskutieren.

Ein Rundgang durch Neu-Berlin führt irgendwann auch in die Oranienburger Straße. Hier hat die SPD ihre Wahlkampfzentrale "Kampa 02" eingerichtet. Auf der anderen Straßenseite läuft weiter das brutale Spiel von Werden und Vergehen. Der "Silberfisch" hat überlebt, auch das "Café Orange" und - noch - "Obst & Gemüse". Kellerspelunken wie die "Assel" sind verschwunden. Dafür bietet der "American Tabledance Club" massige Türsteher vor dem roten Eingangsschlund, freien Zutritt bis 22 Uhr und "richtig was fürs Auge". So was gab es bisher nur im dekadenten Westen.

Neu ist auch das "808", ein Bar-Café mit Aquarium und Außenlautsprecher. Drinnen sitzen Neu-Berliner, noch abgehetzt vom schnellen Gang ihrer Geschäfte. Daniel Forstmann, gegelte Haare, schwarzer Anzug, hackt wie besessen auf einem Mini-Handy herum. Mit seinem Online-Portal "chance-of-life.de" hat er vor zwei Wochen Wilhelmshaven verlassen, wegen des dürftigen Kundeninteresses. Das soll nun anders werden im Neuen Berlin. "Coole Stadt. Offene Leute. Hier spielt die Musik." Wählen? Klar, aus dem Bauch heraus. Vorher, in Wilhelmshaven, waren ihm die Politiker zu dröge. Die SMS ist raus, und Daniel muss sofort weg.

Ein paar Tische weiter langweilt sich ein Hamburger, der sich Wagamama nennt, um möglichst originell seine Anonymität zu sichern. Wagamama kommt aus dem Japanischen und bedeutet in etwa Rotznase. Seit anderthalb Jahren lebt und arbeitet Wagamama in der Stadt, der "werdenden Metropole" mit einem im Vergleich zu Hamburg ausgeprägten Defizit an Weltoffenheit und Lebensqualität. Da gibt es politisch also noch einiges zu tun.

Fast eine Drohung

Wem er diesen Job zutraut, ist absolut top secret. Dann sagt Wagamama etwas sehr, sehr Furchteinflößendes. Es ist fast schon eine Drohung. "Die Neu-Berliner leben ihr Leben, wie sie es kennen. Daran werden sich die Alteingesessenen anpassen müssen." Müssen die Berliner also langfristig mit einer feindlichen Übernahme durch die Hanseaten rechnen? So war das Neue Berlin nicht gemeint. Der neue Regierende wird in dieser Frage unverzüglich schlichtend eingreifen müssen. Wir rufen dennoch aus vollem Herzen in alle Himmelsrichtungen: Willkommen im Neuen Berlin!

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