Zeitung Heute : im Porzellanladen Revolution

Ein Teller, der zum Deckel wird, ein Deckel, der auch Teller ist. Barbara Schmidt entwirft Geschirr für das 21. Jahrhundert – und die Thüringer Firma Kahla hat Erfolg damit.

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Von Susanne Kippenberger Sie ist um die halbe Welt gereist, um sich, zumindest für eine Weile, vom Porzellan zu befreien: hat ein paar Wochen in Japan verbracht, ein paar Monate in Holland, ein ganzes Jahr in Finnland. Aber am Ende ist Barbara Schmidt doch jedes Mal wieder zum Porzellan zurückgekehrt. Die Designerin ist fasziniert von dem Material, das so hart ist und so zart, das robust sein muss, aber elegant sein kann, das hitzebeständig und säureresistent ist – und von transluzenter Schönheit. Es reizt sie, einen Stoff, der eher kühl und abweisend wirkt, so zu formen, dass man ihn gern anfasst. „Man kommt ja nicht umhin, Porzellan ständig in die Hand und in den Mund zu nehmen, dann soll man es auch gern berühren.“

Kleine Mädchen träumen davon, Prinzessin oder Heidi Klum zu werden. Barbara Schmidt wollte Porzellanmalerin werden – inspiriert durch das KPM-Geschirr ihres Urururgroßvaters, das zu Hause im „Museumsschrank“ stand. Bis zu einem Familienausflug nach Meißen, als das kleine Mädchen entschied, dass sie „nicht diejenige sein wollte, die jeden Tag die gleiche Rose malt“. Also studierte sie Porzellangestaltung an der Burg Giebichenstein in Halle. In der DDR fing sie das Studium an, in der BRD schloss sie es ab und trat, 1991, eine Stelle in der Porzellanfabrik Kahla an. Nach der spielerischen Ausbildung traf sie erst Mal der Praxisschock, wurde ihr doch „schlagartig klar“, dass das, was sie nun entwarf, auch wirklich jeden Tag benutzt und angesehen und weggestellt werden will.

Kahla, das ist eine deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte. Seit 1844 wurde in dem gleichnamigen Ort in Thüringen Porzellan hergestellt, in der DDR wurde der inzwischen riesige Betrieb verstaatlicht. Wie viele Ostdeutsche ist auch Schmidt mit Zwiebelmuster aus dem VEB Feinkeramik großgeworden. Nach der Wende, nach Privatisierung und Konkurs, wurde der Betrieb neu gegründet und zunächst von dem früheren Rosenthal-Manager Günther Raithel und inzwischen von dessen Sohn Holger geführt. Das Familienunternehmen mit über 300 Mitarbeitern wandelte sich schnell zu einem der wenigen prosperierenden Betriebe einer schwer angeschlagenen, traditionsreichen Branche, wurde mit Auszeichnungen überhäuft. Denn früher als andere deutsche Firmen stellte man sich in Thüringen auf die Bedürfnisse einer Generation ein, die so jung ist wie ihre Designerinnen: Barbara Schmidt, Cornelia Müller und die noch jüngeren Finnin Mirjami Rissanen, Teilnehmerin eines der Designwettbewerbe, die Kahla seit ein paar Jahren veranstaltet. 2006 entwarfen deutsche und finnische Studenten Porzellan fürs Hotel, das nicht nur auf dem Frühstückstisch, sondern auch im Bad und auf dem Nachttisch, als Ablage, zu gebrauchen war.

Dass sich das kühle Material so organisch formen läßt, gerade das gefällt der Designerin am Porzellan. Auch am Anfang war ja die Hand, die hohle: Lange bevor Keramik erfunden war, ließ sich der Handteller als Schale benutzen. Dann legte ein kluger Mensch einen Klumpen Ton hinein, drückte ihn in die Wölbung, fast fertig war das erste Gefäß. Musste es nur noch gebrannt werden. Und da fingen die Probleme an. Das tun sie heute noch.

Sie sehen so schlicht, so harmlos aus, die Teller, die da vor uns stehen im Restaurant 31 des Bleibtreuhotels in Charlottenburg, einem der Berliner Designhotels, in denen das Geschirr von Kahla und damit die Entwürfe von Barbara Schmidt auf den Tisch kommen; auch Tim Raue serviert seine Speisen auf dem Thüringer Porzellan. Aber Teller, sagt die 39-Jährige, „die haben’s ganz schön in sich.“ Teller werden gepresst, für jede Änderung muss ein neues Werkzeug gebaut werden, das ist kompliziert und teuer. Und geändert werden muss bei jedem Porzellanentwurf etwas: damit der Deckel nicht klappert, der Tassenrand nicht splittert, der Henkel nicht bricht. Mindestens ein Jahr dauert es von der Idee zum fertigen Produkt. Bei Barbara Schmidts Serie „Elixyr“ waren es fast drei. Mit Überraschungen muss immer gerechnet werden. Vor allem beim Brennen, bei 1300, 1400 Grad. Was da passiert, lässt sich nicht unbedingt vorhersehen, „da ist die Intuition hilfreicher als präzise Berechnungen.“ Das ist ganz nach Schmidts Geschmack, so kocht sie auch, „wie es kommt, selten nach Rezept“. Das Backen liegt ihr weniger, „da muss man sich an die Regeln halten und sehr konzentrieren“. So wie bei der Glasur, „da muss alles genau gewogen, die Reihenfolge penibel eingehalten werden“.

Die Wahl-Berlinerin kocht so gerne wie sie isst, aber Teller braucht sie selten zu Hause. Ein Steak, das sich nur auf der geraden Fläche schneiden lässt, kommt bei ihr nie auf den Tisch. Wenn überhaupt, serviert sie Fleisch kleingeschnitten, mit Gemüse vermischt. Die Designerin speist auch am liebsten aus Schalen: weil die so schön in der Hand liegen, und weil man sich mit ihnen aufs Sofa legen kann.

Ihr Geschirr ist so wie ihre Speisen, da kann alles mit allem gemixt werden. Ein rechteckiger Teller mit einer ovalen Schüssel, eine Tasse aus der Serie Update mit einer Teekanne aus Five Senses. Das schlichte, meist weiße Kahla-Geschirr läßt sich auch mit ganz anderen Teilen kombinieren, „die einem so zugelaufen sind“, wie Schmidt es nennt. In solch einer Kombination würde die Designerin auch ein dekoriertes Teil vertragen. Ansonsten mag sie es am liebsten schlicht: „Auf weißem Untergrund kann sich das, was da auf dem Teller liegt, am besten entfalten.“

„Simplify your life“ heißt der Schlachtruf der Gegenwart. Wie im Leben, so im Geschirrschrank: Das monströse Service der Urgoßeltern – zwölf große und zwölf kleine Teller, Suppentassen und Suppenteller und Suppenterrinen, Schüsseln, Schalen, Kaffeekannen – entspricht schon lange nicht mehr den Lebensgewohnheiten und Bedürfnissen von heute. Wer braucht denn eine Kaffeekanne, wenn er eine Espressomaschine in der Küche stehen hat? Dafür hat Kahla bei Five Senses insgesamt neun verschiedene Kaffeetassengrößen im Angebot.

Die Förmlichkeit eines alten Services, für das eh niemand mehr Platz hat, passt nicht zu den modernen Tafelsitten und Essgewohnheiten. Und als Statussymbol stehen längst andere Dinge zur Verfügung: Fernseher, Auto, Markenklamotten. Auch sonst gibt es im 21. Jahrhundert das große, geschlossene Ganze nicht mehr, Patchworkfamilien haben die Großfamilie ersetzt, Einflüsse kommen von überall her. Was sich auch in der Küche bemerkbar macht: Fusion cooking nennt man das. Flexibilität ist überall gefragt, und so kann bei Schmidt ein Teller zum Deckel werden, ein Krug sich in eine Zitronenpresse verwandeln, stehen plötzlich japanische Schälchen auf dem Tisch.

Barbara Schmidt isst ganz offensichtlich gerne japanisch. Als „kulinarisch aufregend“ hat sie eine Studienreise nach Japan erlebt. In Deutschland „wird oft immer noch erwartet, dass da so ein Servicezusammenhang erkennbar sein muss, dass ein paar Teile das Ganze prägen und alles andere drumherum gruppiert wird“. In Japan leben die Arrangements gerade von der Unterschiedlichkeit der Gefäße, hier ganz feines Porzellan, dort etwas grobes Irdenes, dann wieder eine Schale mit farbiger Glasur. Sie bewundert „dieses Feingefühl bei der Mischung, da ist so viel Liebe dabei“.

Allerdings: So ein offenes System macht Mühe, erfordert Fantasie. „Mit einem traditionellen Service hat man es einfacher, da stellt man alles so hin, wie es sein soll. Vielleicht sind wir Deutschen weniger experimentierfreudig.“ 50 Prozent der Produktion von Kahla gehen denn auch in den Export. Der traditionelle deutsche Fachhandel dagegen tat sich lange schwer mit den neuen Serien, deren Multifunktionalität und Flexibilität sich nicht auf den ersten Blick erschließen.

Freundlich und zurückhaltend wirkt Barbara Schmidt, die im nächsten Semester wieder eine Gastprofessur an der Kunsthochschule Weißensee übernimmt, sie spricht leise und überlegt – wie eine Revolutionärin tritt die Designerin auf jeden Fall nicht auf. Aber es ist auch eher eine sanfte Revolution, die sie anzettelt, indem sie Gewohnheiten aufbricht. Wer sagt denn, dass ein Teller rund sein, ein Becher einen Henkel haben, das Zwiebelmuster überladen sein muss? Barbara Schmidt hat sich beobachtet und festgestellt, dass sie selten einen Becher am Henkel anfasst, sondern eher mit der Hand hindurch greift und den Becher als solchen umfasst. Ein Teller kann bei ihr auch mal quadratisch oder rechteckig sein – nur scharfkantig ist er nie, das, findet sie, passt nicht zu Porzellan.

Das Zwiebelmuster hat sie „belüftet“, hat es auseinander genommen, entrümpelt und dann neu zusammengesetzt. Damit die Motive in ihrer Schönheit auch zur Geltung kommen, hat sie sie ganz sparsam auf den überwiegend weißen Teller gesetzt. Da erkennt man denn auch leichter, dass die Zwiebel, wie sie sagt, ein europäisches Missverständnis eines chinesischen Glückssymbols ist: die Zwiebel ist nämlich in Wirklichkeit ein Granatapfel.

Seit der Geburt ihres Sohnes arbeitet Barbara Schmidt nur noch an zwei Tagen im Werk in Thüringen, verbringt den Rest der Woche in Berlin, wo sie inzwischen auch einen Atelierplatz hat. Denn bis heute entwirft die Designerin nicht am Computer, sondern formt ihre Modelle aus Gips. Das ist für sie, genau wie das Kochen, „eine Kreativitätsmethode. Wenn man erst mal anfängt, entsteht was, wenn man die Hände bewegt, können die Gedanken besser fließen und Ideen entstehen.“

Auch der zweijährige Schmidt Junior isst von einem Tellerchen und trinkt aus einem Becherchen aus Porzellan. Plastikgefäße werden nur für unterwegs eingepackt. Kunststoff ist Barbara Schmidt viel zu leicht, „die Schwere, die man erwartet, die hat man da nicht, da fühlt man sich betrogen“, deswegen habe es auch Porzellan nie verdrängen können. Update, das Geschirr der Mutter, haben die Kinderhände noch nicht kaputtgekriegt.

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