Zeitung Heute : IM RADIO

Der Tagesspiegel

Ein Mann wird unter Quarantäne gestellt. Eben war er noch ganz oben auf der sozialen Pyramide, jetzt fallen Männer in Schutzanzügen über ihn her. Weil sein Körper einen gefährlichen Erreger beherbergt, wird er mit Lachgas betäubt und in Isolationshaft genommen. Der Dramatiker Albert Ostermaier wählt in seinem Hörspiel „Erreger“ eine extreme Konstellation, um aus dem Inneren der modernen Geschäftswelt zu erzählen.

Seine Hauptfigur nämlich ist Daytrader. Ein Hochleistungssportler des Aktiengeschäfts, der über die Standleitung seines Börsencomputers jeden Tag riesige Geldmengen bewegt. Ein Mitglied einer dynamischen Elite, die im Turbokapitalismus das große Rad dreht. In suggestiven Blenden zwischen Vergangenheit und Gegenwart entfaltet das Hörspiel die Erlebniswelt des nun gefesselten Mannes. Einerseits härteste Leistungsethik, andererseits der totale Zusammenbruch vom Körperinneren her. Der Mann muss begreifen, dass er nur der Sklave eines Systems gewesen ist, das auf Versager keine Rücksicht nehmen kann. Wer einen schädlichen Erreger in sich trägt, wird nicht mehr auf dem Spielfeld geduldet (Deutschlandfunk, 9. April, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

Die absurde Existenz des Einzelnen in den sozialen Großsystemen der bürgerlichen Epoche hat bereits der dänische Philosoph Sören Kierkegaard mit unüberbietbarer Schärfe bedacht. Vor anderthalb Jahrhunderten schrieb Kierkegaard über einen Fortschritt, der das Individuum zur bloßen Schwungmasse degradiert. Wo alle das Gleiche wünschen müssen, damit das System funktionieren kann, wird Freiheit zur paradoxen Fiktion. Einen Ausweg sah Kierkegaard in der bewussten Entscheidung für eine christliche Existenz. In der Leidenschaft des Religiösen. Autor Hans-Martin Schönherr- Mann analysiert in einem schönen Essay die Grundzüge der Kierkegaard’schen Existenzphilosophie (SWR 2, 8. April, 21 Uhr, Kabel UKW 107,85 MHz).

Andere behaupten, die Pforten zur Freiheit im Opiumrausch gefunden zu haben. Lang ist die Kulturgeschichte dieser legendären Droge, sie reicht von Homer bis Huxley, vom alten China bis in die jüngste Gegenwart. Autor Jürgen M. Thie hat alles Wissenswerte zum Opium in seinem furiosen Hörstück „Der göttliche Schmerz“ zusammengetragen. Wie man Opium-Esser wird und warum so viele berühmte Dichter und Denker nicht widerstehen konnten. Warum endlose Kriege um die Mohnpflanze geführt wurden und ob deren Saft wirklich den Weg in die Freiheit weisen kann (Deutschlandfunk, 7. April, 20 Uhr 05).

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar