Zeitung Heute : Im Rausch der Geschwindigkeit

Der ehemalige Radprofi Bert Dietz hat über die Dopingpraxis im Team Telekom ausgepackt. Welche Folgen haben seine Aussagen?

Mathias Klappenbach

Die Kamera zoomt näher. Der vorher aufgeräumt und konzentriert wirkende Bert Dietz wird blass. Gerade hat der Dopingexperte Mario Thevis in der Sendung „Beckmann“ auf die möglichen Spätfolgen des Blutdopingsmittels Epo hingewiesen. Zuvor hatte Dietz eine Stunde lang sachlich von den systematischen Dopingpraktiken mit Epo beim deutschen Radrennstall Team Telekom in den 90er Jahren erzählt. Nun aber gesteht er sich und den Zuschauern wohl zum ersten Mal ein, dass er sich im Falle einer Krebserkrankung fragen müsste, ob er selbst oder das Schicksal dafür verantwortlich wäre.

Noch nie hat ein deutscher Radprofi in solchem Umfang von organisiertem Doping erzählt. Die Folgen werden erheblich sein. „Ich bin nicht mehr im System“, sagte Dietz, der im Jahr 2000 als Profifahrer zurückgetreten ist. Andere seiner damaligen Kollegen sind es aber noch. Zum Beispiel Rolf Aldag, der nach dem Dopingskandal des vergangenen Sommers die Leitung beim Team Telekom übernommen hat und für die Durchführung des ambitionierten Anti-Doping-Programms stehen sollte. Sponsor T-Mobile kündigte nun an, über einen Verbleib des einstigen Hoffnungsträgers noch in dieser Woche zu entscheiden. Und für die Finanzierung des Rennstalls gebe es auch keine „Garantie bis alle Ewigkeit“.

Aufgrund Dietz’ Aussagen beendet T-Mobile die Zusammenarbeit mit der Uniklinik Freiburg. Dietz hatte erzählt, dass die Ärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid 1995 den Fahrern in Gesprächen Epo nicht nur angeboten, sondern ihnen auch die Einnahme des Mittels nahegelegt hätten, mit dem die Zahl der roten Blutkörperchen erhöht und so die für Ausdauerleistungen wichtige Sauerstoffaufnahme verbessert wird. Im Radsport gibt es nur Ein- oder Zweijahresverträge, und bei schlechten Leistungen droht in jedem Herbst die Entlassung.

Dietz hat einen wichtigen Aspekt des organisierten Dopings betont, der sonst kaum beachtet wird. Die Radsportler wollen ihren Beruf ausüben, ihre Familie ernähren und vielleicht ihr Häuschen abbezahlen. Und so wie andere Arbeitnehmer, die ihre Schmerzen an der Bandscheibe aus Angst um den Arbeitsplatz betäuben, nehmen sie eben das, was ihnen die Pfleger oder Teamärzte als wirkungsvoll anbieten und gegebenfalls auch selbst spritzen. Zumal den Fahrern laut Dietz versichert worden sei, dass sie keine langfristigen Gesundheitsfolgen fürchten müssten. Dietz’ ehemaliger Kollege Gerd Audehm ist nach einem Herzstillstand schwerbehindert.

Andere Kollegen aber sind noch im System, ihre wirtschaftliche Existenz hängt nach wie vor vom Radsport ab. Udo Bölts und Christian Henn arbeiten beim T-Mobile-Konkurrenten Gerolsteiner, auch Jens Heppner, Mario Kummer und der Tour-de-France-Sieger von 1996, Bjarne Riis, haben leitende Positionen bei Radteams inne. Deshalb wird Dietz’ Wunsch nach einem Neuanfang und einer Amnestie, wenn endlich alle erzählt haben, wie es wirklich war, wohl nicht Wirklichkeit werden – obwohl Funktionäre und Politiker sich dieser Idee gegenüber aufgeschlossen zeigen. Zu viel haben einzelne zu verlieren, zu unglaubwürdig wären sie als Förderer und Chefs für eine neue Fahrergeneration, die ihre DNS-Profile abgibt und ohne unerlaubte Hilfsmittel auskommen soll. Auch Christian Henn räumte am Tag nach Dietz’ Auftritt ein, in seiner Zeit beim Team Telekom Epo genommen zu haben. Er sagte der „Frankfurter Rundschau“, dass er sich danach nur noch eine Tätigkeit ohne Doping vorstellen konnte. Inwiefern Bert Dietz die „Mauer des Schweigens“ zum Einsturz gebracht hat, bleibt aber abzuwarten.

Die Rennställe haben aus Angst um ihre Sponsoren, die neuerdings Wert auf sauberen Radsport legen, den Druck auf die jetzigen Fahrer erhöht. Sie sind nicht nur für Dietz das schwächste Glied in der Kette, und deshalb werden sie ihren Körpern weiter Dinge zuführen, die wie damals Epo nicht nachweisbar sind.

Auf die Frage, warum er an die Öffentlichkeit gegangen ist, sagte Dietz, die Berichterstattung um die „Operacion Puerto“ und das Enthüllungsbuch des ehemaligen Telekom-Pflegers Jef d’Hont hätten ihn in seinem Rechtsempfinden gestört. Jan Ullrich, den er charakterlich sehr schätze, und die anderen beschuldigten Fahrer müssten als schwarze Schafe herhalten, auf die andere Beteiligte bequem mit dem Finger zeigen könnten. Die Aussagen von Dietz haben für Ullrich, seinen Toursieg von 1997 und die gegen ihn laufenden Verfahren erst einmal keine Folgen. Denn über andere Fahrer hat Dietz nicht gesprochen und will es auch nicht tun. „Ich will nicht mit dem Finger auf andere zeigen“, sagte er.

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