Zeitung Heute : Im Rausch

Was, wenn der Landstreicher auf der Parkbank der eigene Vater ist? Nick Flynn hat darüber einen Bestseller geschrieben.

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Von Jana Simon Sein Vater ist Säufer, Bankräuber, Autoverkäufer, Charmeur, Obdachloser und FreizeitSchriftsteller. Nick Flynn, der Sohn, lernte ihn erst spät kennen. Als er ein halbes Jahr alt war, verließ Flynns Mutter den Vater. Es blieb nur ein Foto aus den 60er Jahren, auf dem Flynn in Richtung seines Vaters krabbelt. Für den Sohn ist das Bild lange der einzige Beweis, dass sein Vater wirklich existiert. Jahrzehnte später begegnen sich die beiden wieder – in einem Obdachlosenheim, wo Flynn arbeitet und sein Vater übernachtet.

2005 in einem Berliner Café. Nick Flynn ist jetzt 44, trägt schwarz, die dunklen Haare sind kurz, ein paar Strähnen fallen in die Stirn. Sein Gesicht ist scharf geschnitten, beim Sprechen lehnt er seinen Oberkörper weit über die Tischplatte. Flynn hat einen autobiographischen Roman geschrieben, „Bullshit Nights“, über sich, seinen Vater, ihr schwieriges Verhältnis und über die Furcht, so zu werden oder gar so zu sein wie er. „Viele haben Väter, die abwesend waren“, sagt Flynn und lächelt. Nur: Seine Geschichte ist eine Geschichte von Extremen.

Flynn wuchs in Scituate auf, einer Kleinstadt in der Nähe von Boston. Die Mutter zog ständig um, hatte verschiedene Liebhaber und Jobs. Nick Flynn klaute Lebensmittel im Supermarkt. Der unbekannte Vater wohnte in all den Jahren in derselben Kleinstadt. Flynn wusste nicht, wie er aussah. Die Mutter schwieg, und er wagte auch nicht, sie nach seinem Vater zu fragen. Warum nicht? Nick Flynn schaut ein wenig irritiert bei der Frage, als verbiete es sich von selbst, dieses sensible Thema anzusprechen. „Unbewusst habe ich meinen Vater in jedem vorbeifahrenden Taxi gesucht“, sagt Flynn heute.

Neben der Geschichte seiner Eltern beschreibt Flynn in seinem Buch auch das Leben in einer amerikanischen Kleinstadt der 70er Jahre. Seine Familie ist, wie anscheinend viele andere in Scituate, eine Familie von Säufern. In der fünften Klasse erzählt Flynn in einem Aufsatz, er sei mit seinem Großvater zum Skifahren in Wermut gewesen. Wermut statt Vermont. Wermut sei ein schöner Staat. Die Lehrerin korrigiert es nicht, zu viele Schüler waren in Wermut. Die Kleinstadt erscheint bei Flynn als ein unheimlicher Ort, in dem Menschen ohne Bindungen nebeneinander existieren. Eine eigenartige Bezuglosigkeit beherrscht den Alltag. Ein Liebhaber der Mutter, zum Beispiel, ist Vietnamveteran, ihn plagen fürchterliche Erinnerungen. Die Mutter heiratet ihn, und die beiden sind eine Weile glücklich. Eines Tages verschwindet der Liebhaber genauso unvermittelt wie er ins Leben der Familie getreten ist. Flynn erzählt das kühl, distanziert. Manchmal entfernt er sich so weit von sich und seinen Figuren, dass es auch für den Leser schwierig ist, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Niemand scheint Einfluss auf sein Schicksal zu haben, alles geschieht einfach so. Und niemand weiß wirklich etwas vom anderen. Flynn nennt diesen Zustand „psychische Obdachlosigkeit“, ein Gesellschaftsphänomen.

In dieser Hoffnungslosigkeit scheint Flynns Vater noch der einzige Visionär zu sein. Er trinkt, fälscht Schecks, eine Weile sitzt er im Gefängnis, versucht vergeblich, ein Buch zu schreiben, wird am Ende obdachlos und hat trotzdem meist gute Laune. Die tragischste Gestalt des Buches ist zugleich die einzige, die von etwas träumt.

Nick Flynn schweigt, bestellt einen Tee. Mit zwölf Jahren hat sich Flynn zum ersten Mal betrunken. Im Buch schreibt er: „Ich habe mich in eine Niete verwandelt, bin jeden Tag high.“ Mit 17 säuft er gemeinsam mit seiner Mutter und sagt, dass er Verbrecher werden will. Der Sohn wird seinem Vater immer ähnlicher. Seine größte Angst geht allmählich in Erfüllung. Auch Flynns Mutter spielt eine große Rolle in dem Roman, aber eine versteckte, leise. Sie erschießt sich, als Flynn 22 ist. „Meine Mutter ist nur noch Asche“, schreibt er. Flynn stürzt in Depressionen, zieht nach Boston. Seinen Vater mag er nicht sehen, obwohl die Eltern seiner Freundin mit ihm befreundet sind. Mit dieser Freundin geht er später, in den 80ern, nach Nicaragua. „Ich wollte dort sein, wo etwas passiert“, sagt er heute. Die sandinistische Revolution. Als er wieder zurückkehrt, fängt er an, in einem Obdachlosenheim in Boston zu arbeiten. „Ich wollte etwas Politisches machen“, sagt er und fügt hinzu: „Ich fühlte mich damals verloren. Und dort war ich verloren unter noch Verloreneren.“

Flynn trinkt, raucht endlos Joints, es geht ihm nicht besonders gut. Die Arbeit im Heim ist die letzte Grenze, die ihn vor dem totalen Absturz bewahrt, indem sie ihm den Abgrund jeden Tag vor Augen führt. 1987 ruft ihn sein Vater an. Es ist das erste Mal, dass Flynn mit ihm spricht. Vorher hat er ihn nur von weitem gesehen, auch der Vater lebt nun in Boston. Und der Vater hat Briefe geschrieben, die der Sohn einfach nicht öffnete. Nun fordert der Vater von Flynn, er solle mit einem Lieferwagen vorbeikommen, er wolle umziehen. Als Flynn bei ihm ankommt, sitzt der Vater nackt in der Badewanne und trinkt Wodka aus einem Silberkelch.

Durch den Alkohol verliert Flynns Vater schließlich Arbeit und Wohnung, wird obdachlos. Der Sohn beobachtet den Abstieg des Vaters aus großer innerer Distanz. Es ist der schwierigste Teil des Buches. Flynn erzählt, wie er, der Sozialarbeiter, sich für seinen Vater schämt, sich vor ihm ekelt, seinen Tod wünscht. Er sieht ihn auf Parkbänken schlafen, geht vorbei, bekifft sich und nimmt ihn nicht bei sich auf. Warum ihm das nicht möglich ist, begründet das Buch nicht.

Draußen wird es dunkel, Flynn schaut auf die Tischplatte, nimmt einen Schluck Tee. Er sagt, in den ersten Fassungen habe er noch versucht, sich zu erklären. Dann habe er damit aufgehört. Er wolle Fragen stellen und nicht Fragen beantworten. „Damals war ich nicht heroisch, das ist ehrlich.“ Gnadenlos ehrlich. Manchmal bis zur Selbstgerechtigkeit.

Am Ende landet sein Vater in dem Obdachlosenheim, in dem Nick Flynn arbeitet. „Am Tag, als mein Vater durch die Eingangstür kam, wurde ich durchsichtig“, schreibt Flynn im Roman. Der Sohn flieht, fährt nun mit einem Streetworkerbus durch die Stadt, um seinem Vater zu entkommen. Er lässt sogar andere Obdachlose bei sich übernachten, nur nicht den Vater, ihn nennt er einen „Scheißkerl“. Warum Flynn ihn derart hasst, wird bis zum Schluss nicht völlig klar. Sicher, er hat Angst vor sich selbst, dem Spiegelbild, das ihn angrinst. „Wenn ich ihn reinließe, würde ich mich in ihn verwandeln“, schreibt er. Trotzdem. Die Herzlosigkeit befremdet.

Irgendwann ist einem die Handlung gleich, man wartet nur noch auf die nächste Katastrophe. Durch die ständigen Zeitsprünge weiß der Leser schon früh, was geschehen wird. Dadurch ist jegliche Spannung fort. Den Höhepunkt der Selbstverleugnung erreicht Flynn, als er für ein Hausverbot des Vaters im Obdachlosenheim stimmt. Danach sieht er ihn auf der Straße schlafen, im Winter. Er könnte ihn nun jede Nacht tot finden und träumt davon, ihn mit dem Bus zu überfahren. Flynn sagt, in Boston lachen viele, wenn er aus seinem Buch lese. Es kann an der Übersetzung liegen, aber besonders lustig ist „Bullshit Nights“ nicht.

Die Pressefrau bietet Flynn eine Zigarette an: „Nein, ich bin doch Amerikaner“, sagt er und lächelt. Es sollte auch ein Buch über Obdachlose sein, sagt Flynn, er wolle ihnen eine Stimme geben. Vier Millionen seien heute in den USA obdachlos. „Aber man sieht sie nicht“, sagt er. „Mein Vater hätte auch einfach nur ein normaler Rentner sein können.“ Lediglich Kleinigkeiten würden sie verraten: Jacketts, etwa, die an bestimmten Stellen abgewetzt sind, oder die Art, wie sie ihre Geldbörse umkrampfen.

1990 kündigt Flynn im Obdachlosenheim und zieht nach New York. Er studiert Lyrik und Literatur, lernt das, was sein Vater immer wollte: wie man ein Buch schreibt. Er beginnt, seinen Vater zu besuchen. Der hat inzwischen wieder eine Wohnung. Der Sohn kommt mit einer Videokamera, als brauche es etwas zwischen ihnen, eine Art Schutzfilter. Flynn will ihm Fragen über die Mutter stellen. Der Vater beantwortet keine. Sieben Jahre dauert es, bis „Bullshit Nights“ fertig ist. An manchen Tagen schreibt Flynn eine Stunde, dann schläft er eine halbe. „Es war teilweise Dreamwriting“, sagt er.

Der Stoff kostet Kraft.

Das Schreiben ist auch eine allmähliche Annäherung an den Vater, ihre Beziehung verändert sich, wird enger. Flynn besucht ihn nun häufiger. „Wenn er nicht besoffen ist, kann er gut erzählen“, sagt er. Immer wieder bittet er den Vater, ihm sein nie vollendetes Buch zum Lesen zu geben. Am Ende überreicht ihm der Vater vier Hefter mit insgesamt 400 Seiten. Das Werk des Vaters beginnt mit einem Lied: „Knust/Knist/Knast. Ich hab zu viel geprasst. Knast/Knist/Knust. Drum schiebe ich jetzt Frust.“ Nach 30 Seiten versinkt das Buch im Handlungschaos.

Nun hat der Sohn vollbracht, was dem Vater nie gelang: Er hat ein Buch zu Ende geschrieben. „Ich bin wohl der Ghostwriter meines Vaters“, sagt Flynn. Und wie hat der „Bullshit Nights“ aufgenommen? „Ganz gut“, sagt Flynn. Der „Boston Globe“ habe ihn interviewt, er sei sogar fotografiert worden. Das habe dem Vater sehr gefallen. Er sonnt sich im Ruhm seines Sohnes. Nur einen Punkt hat der Vater kritisiert. Im Roman nennt ihn der Sohn einen miserablen Autohändler. Das fand er nicht so gelungen.

Nick Flynn „Bullshit Nights – Die Geschichte mit meinem Vater“, mare-Buchverlag, 340 Seiten, 18 Euro.

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